Katholische Kirche ringt um Lösungen Entlarvt und Blamiert

Lockerungsübungen beim Zölibat: Reinhard Marx eckt wieder an. Foto: epd/Sven Hoppe

In München schwelt der Brand in der Kirche weiter, in Frankfurt ist der Synodale Weg mit Aufklärung beschäftigt. Und dann macht Bischof Marx auch noch Wirbel mit Äußerungen zum Zölibat.

Manteldesk: Mirko Weber (miw)

München/Frankfurt - Es sagt sich immer recht leicht, dass die Hölle los ist, aber was die katholische Kirche in Deutschland betrifft, ist die Formulierung derzeit fast noch untertrieben. Am Donnerstag stehen die Dinge so, dass in Frankfurt der Synodale Weg auf seine nächste Etappe geht, und die Konflikte könnten nicht offener auf der Hand liegen, wenn am ersten Tag gleich über zwei in langen Vor-Sitzungen erarbeitete Grundtexte abgestimmt wird: Der eine stellt die Frage nach „Macht und Gewaltenteilung in der Kirche“, der andere, mindestens ebenso brisant, erörtert die „Einbeziehung der Gläubigen in die Bestellung des Diözesanbischofs“. Demokratische Wahl im absolutistischen System also. Orientierungstext und der „Macht“-Antrag werden angenommen, auch mehrheitlich von den Bischöfen.

 

Die Krise erreicht den Bayerischen Rundfunk

Überschattet wird alles wieder einmal vom Verhalten des Regensburger Bischofs Rudolf Voderholzer, der sich eine mittelscharfe Rüge von der ZdK-Vorsitzenden Irme Stetter-Karp einhandelt. Wiederholt hatte Voderholzer sexuellen Missbrauch relativiert, fühlte sich, klassisches Muster, anschließend missverstanden – und ruderte, entlarvt, blamiert, zurück. Fatalster Eindruck. Zeitgleich zum Geschehen in Frankfurt tagt der Rundfunkrat beim BR in München, wo es darum geht, ob der Vorsitzende eben dieses Rundfunkrats, der Prälat Lorenz Wolf, Kirchenrichter und Leiter des Katholischen Büros in Bayern, noch zu halten ist. Wolf lässt seit einer Woche seine Ämter ruhen, weil die Rechtsanwaltskanzlei Westpfahl Spilker Wastl (WSW) in ihrem Gutachten vehement Kritik an ihm und seiner Behandlung von Missbrauchsfällen im Bistum geübt hat. Und dann hat auch noch Kardinal Reinhard Marx, immer gern im Alleingang unterwegs, der „Süddeutschen Zeitung“ ein Interview gegeben, in dem er, gewunden zwar, aber dann doch eindeutig sagt, dass der Zölibat am Ende nicht der Weisheit letzter Schluss sein müsse für seine Kirche, mit der er offenbar mehr ringt denn je.

Der Zölibat: nur eine Verordnung?

Was den Zölibat angeht, braucht es einiges an Nachfragen, weil Marx zunächst davon ausgeht, dass man von einer Gemeinschaft rede, die „seit Jahrhunderten so unterwegs ist.“ Mit „so“ meint er, das verordnete Alleinleben von Priestern. Und wieder kommt ein Benedikt ins Spiel, wenn es um Existenzielles in der römisch-katholischen Kirche geht, diesmal ist es Benedikt VIII., der von 1012 bis 1024 regiert, den engen Schulterschluss mit dem deutschen Kaiser Heinrich II. suchte, der ihm in Italien die byzantinischen Streitkräfte vom Hals hielt und schließlich auf der Synode von Pavia im Jahr 1022 Klerikern jedweden Ranges Ehe oder Konkubinat untersagte. Was jahrhundertelang im Klerus eher lax gehandhabt wurde.

Marx, vom Papst Franziskus im vergangenen Sommer zum Bleiben im Amt bestimmt, greift seitdem zu fast jedem argumentativen Strohhalm, den er zu finden versäumt hat, als er selber noch Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz gewesen ist – und, ganz am Ende dieser Zeit, 2019, ziemlich Knall auf Fall den Synodalen Weg einleitete. Sein damaliges Gegenüber bei den Laien, der Vorsitzende des ZdK, Thomas Sternberg, ist, wie Marx nicht mehr im Amt. Irme Stetter-Karp und Georg Bätzing müssen Lösungen finden. Wenn denn in diesem Fall Lösungen zu finden wären, nachdem Marx gesagt hat, es sei „für alle besser, wenn es Priestern freigestellt würde, ob sie heiraten oder nicht.“

Der umstrittene Prälat bittet um Verzeihung

In der Sache Zölibat oder Nicht-mehr-Zölibat, eine Causa, in der Marx nicht mehr als ein Stichwortgeber ist, gibt es Gegenwind vom Kirchenrechtler Thomas Schüller, der findet, dass an der Aussage „nichts ketzerisch oder revolutionär“ sei. Der Zölibat sei „kein Glaubenssatz, sondern eine disziplinäre Norm“ – und könne jederzeit geändert werden, ohne „in den Glaubensschatz der katholischen Kirche einzugreifen“.

Am Abend äußert sich Prälat Wolf dann doch. Nach Informationen der „Süddeutschen Zeitung“ erklärt er, es sei eine „Schande“, dass Kindern in der Kirche so viel Leid angetan wurde. Er schäme sich, weil „auch ich Schuld auf mich geladen habe, weil ich mich nicht nachhaltig genug an die Seite der Opfer gestellt habe, die Situation falsch eingeschätzt habe.“ Er bitte um Vergebung. Den Sitz im Rundfunkrat lasse er ruhen.

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