Katholischer Stadtdekan in Stuttgart Von Sexualmoral und wunden Punkten

Warum sollten sich Menschen gleichen Geschlechts nicht ebenso lieben können wie ein Mann und eine Frau? Solchen Fragen muss sich die Kirche stellen. Foto: picture alliance / dpa/Wolfram Kastl

Die Austrittszahlen legen den Schluss nahe: Wenn die Katholische Kirche eine Zukunft haben will, muss sie sich kritisch hinterfragen. Der Stuttgarter Stadtdekan Christian Hermes hat dies mit Katholiken in Stuttgart-Vaihingen diskutiert.

Man stelle sich vor: die Gläubigen würden beteiligt, wenn Diözese-Bischöfe bestellt werden, es gäbe eine zeitgemäße kirchliche Straf- und Verwaltungsgerichtsbarkeit, gleichgeschlechtliche Paare oder Geschiedene mit erneutem Heiratswunsch würden gesegnet, ordinierte Frauen würden leitende Positionen bekommen. Wäre die Katholische Kirche noch wiederzuerkennen, wenn diese und weitere Neuerungen Einzug hielten?

 

Der Stadtdekan Christian Hermes beantwortet diese Frage am Dienstag im Zuge seines Zwischenberichts zum synodalen Weg in der Kirche des Gemeindezentrums Maximilian Kolbe in Stuttgart-Vaihingen mit einem klaren Ja. Es gehe nicht darum, dem Zeitgeist zu huldigen, stellt er klar. Die Kirche müsse aber die Zeichen der Zeit erkennen und bereit sein, Positionen zu überdenken, sich zu verändern – im Geiste des Evangeliums.

Skandale und Diskriminierung erschüttern Vertrauen in die Kirche

Die Austrittszahlen zeigen: Die katholische Kirche hat zunehmend Schwierigkeiten, Menschen zu überzeugen. Die unzureichende Aufklärung von Missbrauchsskandalen und der Umgang mit Opfern haben eine schwere Vertrauenskrise verursacht. Das Festhalten an der Diskriminierung der Frau qua Ausschluss von der Weihe und die Unbeweglichkeit im Hinblick auf gesellschaftliche Positionen verschärfen die Lage.

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Die Zahl der Austritte sei alarmierend, so Elisabeth Schick-Ebert, Kirchengemeinderätin in Maximilian Kolbe, die durch den Abend führt. Hermes präzisiert, während in der Vergangenheit vorwiegend jüngere Menschen der Kirche den Rücken gekehrt hätten, zeichne sich nun eine zunehmende Abwanderung der Generation ab, die um die 50 Jahre alt sei. Er warnt vor Tendenzen, den Schwund als Zeichen dafür zu deuten, dass der Kreis der wahren Gläubigen enger zusammenrücke. Das führe in Sekten-Gefilde. Der synodale Weg hingegen soll zu einer Öffnung führen. Die Erfolgsaussichten sind ungewiss, daran lässt Hermes keinen Zweifel. Die Debatten aber seien wichtig und längst überfällig.

Es geht um eine fundamentale Veränderung der Sichtweise

Die kenntnisreich wie unterhaltsam vorgetragenen Einblicke, die der Delegierte der synodalen Versammlung gibt, offenbaren, dass der synodale Weg weit mehr anstrebt, als Schönheitskorrekturen, die den Katholizismus wieder anziehender machen könnten. Basis der Überlegungen ist eine fundamentale Veränderung der Sichtweise. „Nicht die Gleichberechtigung aller verlangt nach einer Begründung, sondern der Ausschluss Einzelner“, sagt Christian Hermes.

Die herrschenden Kirchenstrukturen widersprächen in einigen Punkten sowohl demokratischen Prinzipien als auch dem Gedanken der Communio, der Gemeinschaft in Gott. Diese Gemeinschaft umfasst selbstredend auch LGBTIQ-Katholiken. Erst im Januar hatten sich 120 Mitarbeitende der Kirche geoutet.

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Hermes spricht sich klar dafür aus, die überkommene Sexualmoral zu hinterfragen, die voraussetze, dass nur Mann und Frau Geschlechtsverkehr haben dürften – im Zeichen der Fortpflanzung. Jeder Mensch sei ein sexuelles Wesen, streicht der Stadtdekan heraus. Seine Vision: Vertrauen in die Liebenden. Anders gesagt: Warum sollten sich zwei Männer oder zwei Frauen nicht ebenso in gottgefälliger, tiefer Liebe zugetan sein wie Mann und Frau?

Auch den Umgang mit Missbrauch und Zölibat spricht der Dekan an

Natürlich berührt das Thema auch den wunden Punkt des sexuellen Missbrauchs in der Katholischen Kirche. Hermes verweist zwar auf ähnliche Fälle in Sportvereinen, Schulen, der Musik- oder Filmbranche, betont aber, der Anspruch der Kirche mache einen Unterschied. Neben Aufklärung und einem Ende der Praxis, Täter lediglich zu ermahnen und zu versetzen, fordert die synodale Versammlung, die zuletzt Anfang Februar zusammenkam, auch eine Diskussion über das Zölibat. Es sei ein Kirchengesetz und kein Dogma, merkt der Monsignore an.

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Er ist überzeugt, dass häufig nicht die pädophile Veranlagung der Täter zum Missbrauch geführt habe, sondern eher ihr Unvermögen, mit Trieben oder Einsamkeitsgefühlen umzugehen. Das ändert nichts am Straftatbestand. Hermes relativiert nicht. Er plädiert für zusätzliche Prävention. Auch durch mehr Begleitung oder Supervision für Priester, die schon länger in Amt und Würden sind. Auffällig viele Täter stehen lange im Berufsleben.

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„Wir brauchen einen großen Konsens“, resümiert der Stadtdekan. Bei der letzten synodalen Vollversammlung konnte er in vielen Punkten erreicht werden. Auch unter den beteiligten Bischöfen, deren Zustimmung mit Zweidrittel-Mehrheit notwendig ist, damit Vorschläge überhaupt eine Chance haben, nach Rom zu gelangen. Wenn man dort nicht reagiert, könnte der synodale Weg in Frustration enden, gibt Christian Hermes zu bedenken. Andererseits hoffe er auf das „Zahnpastatuben-Prinzip“: Was erst einmal draußen ist, lässt sich nicht wieder zurückdrängen.

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