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Kaufmann Frust und Éclat in Stuttgart Keine Schweigeminuten mehr

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Die Stuttgarter Band Kaufmann Frust feiert im Laboratorium eine furiose Release-Party für ihre neue Platte. Aber die Vorband stiehlt ihnen die Show.

Sorry, Kaufmann Frust, aber Ralv Milberg von der Vorband Éclat ist einfach das bessere Titelbildmotiv. Weitere Fotos aus dem Laboratorium Stuttgart am Freitagabend zeigt die Fotostrecke. Foto: Jan Georg Plavec 19 Bilder
Sorry, Kaufmann Frust, aber Ralv Milberg von der Vorband Éclat ist einfach das bessere Titelbildmotiv. Weitere Fotos aus dem Laboratorium Stuttgart am Freitagabend zeigt die Fotostrecke. Foto: Jan Georg Plavec

Stuttgart - Es tut uns schrecklich Leid, aber diesen Bericht müssen wir mit Ralv Milberg bebildern. Wir könnten das tun, weil Milberg - der Die-Nerven-Tonmeister und überhaupt Tausendsassa der alternativen Stuttgarter Popszene - am Freitagabend, um den es hier gehen soll, so ziemlich alle Fäden in der Hand hält. Er ist Tontechniker der Hauptband, Sänger der Vorband und Boss des Labels, das am Freitag im Laboratorium seine erste Veröffentlichung präsentiert.

Chicos Records sollte ursprünglich Chico de los Balcones heißen oder zumindest so ähnlich, was von einem Blumenschmuck-Wettbewerb auf La Palma herrührt. Letztlich wurde es die Kurzform, und die Kurzform wählen Milberg und seine Frau Anne als Labelbosse auch für den ersten Release: fünf Songs finden sich auf der Kaufmann-Frust-EP, die an diesem Freitag auf schwerem Vinyl erstmals der Stuttgarter Popöffentlichkeit präsentiert wird.

Die Szene ist gekommen. Im Laboratorium treffen sich sonst gern Blues- und Folkfreunde, anders als etwa das Merlin hat dieses soziokulturelle Zentrum seine Verjüngung noch vor sich. Also lässt es ein paar jüngere Popenthusiasten an die Regler, "Lieber Osten" nennt sich die Reihe, bei der junge Bands und DJs gemeinsam einen ganzen Abend gestalten. Das Lab ist, auch das anders als sonst, nur spärlich bestuhlt; die jungen Leute wollen ja heutzutage bei Konzerten stehen. Und tanzen. Zumindest bei Ralv Milberg, der mit seiner Band Éclat herrlichsten Nullerjahre-Indiepop zelebriert, dazu mit expressiver Mimik und Gestik aufwartet. Seine Band legt Wert auf Akkuratesse, ohne steif zu wirken - ein kurzer, aber überzeugender Auftritt, in gewisser Hinsicht ist es der bessere dieses Abends.

Ein Knaller aus dem Provinz-Studio

Kaufmann Frust haben unlängst vor Isolation Berlin überzeugt, im Herbst davor gemeinsam mit Vague und noch paar Monate früher ebenfalls mit der Wiener Band in einem Keller unweit des Hauptbahnhofs. In der oberschwäbischen Provinz hat diese Band Songs aufgenommen, die sie als nächstes Stuttgart-Ding erscheinen lassen, also Stuttgarter Noise-Schule, irgendwie Post-, also von einengenden Strukturen befreit. "Schweigeminuten" zum Beispiel ist so ein Knaller-Track aus dem Provinz-Studio:

 

Soundmäßig macht das Stuttgarter Quartett mit seiner EP "Unter den Augen" klar einen Schritt nach vorn: Gitarrenwände türmen sich unter Ralv Milbergs Anleitung steiler auf als je zuvor, das Schlagzeug steigert sich langsamer, aber konstant bis in ungeahnte Höhen, der Bass drückt bis zum Gehtnichtmehr. Auch live: Ralv Milberg hat im Laboratorium keine Angst vor dem lauten Mix, vor dröhnenden Verstärkern, dem großen Knall, zumindest an der passenden Stelle. Das übertönt das Gerede des Publikums, auch wenn die Zuschauer nicht so redselig sind wie bei manch anderen Konzerten hiesiger Bands, zumal wenn der ganze Spaß nur 5 Euro kostet.

Lautstärke ist aber nicht alles. Kaufmann Frust spielen akkurat, wenn auch nicht perfekt; gerade beim Gesang fällt die Gruppe gegenüber ihrem Tontechniker und dessen Band zumindest an diesem Abend ab. Bei allen faszinierenden Soundscapes stellt sich ein Hit wie "Schweigeminuten" nicht ein. Das muss nicht schlimm sein, die Band hält die Spannung auch so und führt durch das mit mehr als einer Stunde Laufzeit letztlich erstaunlich lange Konzert

Dabeigewesensein ist alles

Trotzdem: Gerade Ralv Milberg steht soundmäßig für Laut gegen Leise, für Spannung aus der Musik selbst. Ihre neue EP zeigt die Band Kaufmann Frust in einer Übergangsphase. Wenn die Vier die Melodien ihrer selbst produzierten Platten mit dem Sound-Genius eines Ralv Milberg zusammenbringen, vielleicht sogar auf Albumlänge, dann ist sehr viel möglich. Die Band kann es.

Dieser Freitag im Lab ist zwar ein Familientreffen, ein Event - aber es ist noch nicht zu spät, um später sagen zu können: Ich bin dabeigewesen. Von dieser Band wird jedenfalls nicht mehr geschwiegen werden.

 

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