Kaufmann-Stück in der Rampe Emojis im Brutkasten

Von Sabine Fischer 

Generation Zynismus: In der Stuttgarter Rampe besorgt Marie Bues die Urauffühung von Kat Kaufmanns Monolog „Ich distanziere mich von allem (und jetzt gut‘ Nacht)“.

Make-up in der virtuellen Welt: Rachel Behringer als Alina Schömburg Foto: Kerstin Schomburg
Make-up in der virtuellen Welt: Rachel Behringer als Alina Schömburg Foto: Kerstin Schomburg

Stuttgart - In einem Glaskasten versinkt ein Mädchen in einem weißen Tütü-Monstrum. Immer wieder dreht sie sich auf einem Holzstuhl im Kreis, lächelt angestrengt, den Blick auf das Ende eines Selfie-Sticks gerichtet. Dann spannt sie die Gesichtszüge an: Klick. Instagram-Moment.

Kat Kaufmanns Stück „Ich distanziere mich von allem (und jetzt gut‘ Nacht)“, das jetzt im Theater Rampe uraufgeführt wurde, porträtiert eine gläserne Welt, hinter deren Scheiben die Individuen zu grotesken Schaufensterpuppen ihrer eigenen Utopie verkümmern. Sie leben in einer abnormalen Lifestyle-Gesellschaft, die sich auf der Bühne über Likes, Shares und Favourites zielsicher selbst verstümmelt.

Zum Ankerpunkt dieser Selbstentfremdung macht die Regisseurin und Intendantin der Rampe, Marie Bues, die junge Youtuberin Alina Schömburg (Rachel Behringer), die sich mit Make-Up-Tutorials und kuriosen Videos nicht nur über Wasser, sondern vor allem von sich selbst fern zu halten versucht. Inmitten eines dauerbeleuchteten Glasquaders, der bei näherem Hinsehen wie ein Brutkasten wirkt, fristet das Mädchen sein Dasein – gleichzeitig ausgestellt und bemuttert wie ein halbtechnologisierter Embryo in einer öffentlich zugänglichen Petrischale. Alina ist ein Hybrid aus realer Lebensverwirrung und digitaler Dauerbeobachtung, doch glücklich ist die zynische Mittzwanzigerin in ihrem selbst gewählten Zuhause nicht.

Alinas Weltekel

Um diese zutiefst verhasste Welt als Farce bloßzustellen, wirft sie verächtlich mit den kulturellen Codes des postrealen Zeitalters um sich. Alles Wirkliche verkommt in ihrem einstündigen Monolog zu abstrakten Emoji-Zeichnungen auf den Glaswänden. Ihre Gedankengänge werden von gemurmelten Liedzeilen und Zitaten unterbrochen, als wäre alles an ihr ein einziger großer Haufen Postmoderne. Das ekelt sie an.

So gießt die intensive One-Woman-Inszenierung ihr postfeministisches Kältebad schonungslos über ihren Zuschauern aus, bis schließlich Zynismus, Existenzialismus und Weltschmerz in hohen Wellen über die Bühne spritzen. Vordergründig geht es natürlich vor allem um eine radikale Abrechnung mit der Selbstfindungs- und Fotoshopgesellschaft, die sich lieber durch die angesagten Restaurants der Stadt testet, als tatsächlich einmal etwas Erzählenswertes zu erleben. In Alina jedoch manifestiert sich nicht nur das Zerrbild dieser Idealvorstellung, sondern auch dessen Bruch: der Zynismus einer Generation, die keine anderen Werte mehr kennt als sich selbst und das eigene Leben.

So macht das Stück auch die Kehrseite des hyperaufgeklärten Feminismus sichtbar, der seinen Bezug zur Wirklichkeit verloren hat. Alinas Monologe klingen wie zickiges Wohlstandsnörgeln, doch inmitten all der Freiheiten, die Generationen vor ihr erkämpft haben, geht es der Youtuberin doch um Existenzielles, nämlich darum, wo man sich in einer Gesellschaft positionieren soll, die Probleme ausblendet und sich selbst satt hat. Alina ist die Vertreterin einer Generation überfütterter und gleichzeitig ausgezehrter Selbstdarsteller, die langsam merken, was die Träume ihrer Vorfahren mit ihnen machen.

Frau am Rand des Nervenzusammenbruchs

All das inszeniert Bues als derart brutale Form der Selbstentfremdung, dass die zerbrechlichen, kleinen Geschichten wahrer Trauer, wahren Kummers und wahren Ekels in Alinas Erzählung kaum unter dem multimedialen Dauergeschrei durchdringen. Dann zum Beispiel, wenn die Youtuberin zwischen den szenisch erinnerten Pöbeleien eines Mädchens, das sich über das Leben der neureichen Bitches mokiert, leise von ihrer Fehlgeburt und dem seltsam durchsichtigen Kind erzählt, das sie nun nur durch die Scheibe eines Einmachglases betrachten kann. Oder wenn zwischen ihren hingerotzten Mode-Schimpftiraden das psychische Drama ihrer Eltern zum Vorschein kommt. Rachel Behringer bringt ihre Figur dabei immer wieder an den Rand des Zusammenbruchs – und das zeitigt Wirkung. Durch ihr intensives Spiel wird die Scheinrealität, in der Alina sich befindet, immer deutlicher, und ihre Angst vor der Dauervirtualität manifestiert sich in einem zentralen Gedanken: Draußen ist es auch nicht besser.

Denn hier findet das eigentliche Drama statt, weit abseits der Kampfparolen und Youtube-Witze. Es beginnt, wenn Alina versucht, den Glaskasten zu verlassen: Wenn sie einen Fuß auf den Boden setzt, tut sie es als wilde Polit-Parodistin, als Donald Trump mit Joker-Grimasse, als wild umher tänzelnder Obama. Dann wütet sie in verzweifelter Ich-sehe-alles-und-bin-es-so-leid-Geste plötzlich durch die Realität, also durch Krieg und Leid und einen Kummer, den sie nicht mehr spüren kann.




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