Kaufsucht „Frau Müller, sind Frustkäufe problematisch?“

Es geht nicht nur um den Kauf, sondern auch um Recherche und Vergleichen. Foto: /Westend61

Kaufsucht kann zu Verschuldung und vielen weiteren Problemen führen – Online-Shopping spielt dabei eine große Rolle, sagt die Psychologin Astrid Müller.

Ein neues Handy, ein cooles Shirt oder edle Ohrringe: Sich etwas Schönes zu kaufen, tut gut. Wenn Menschen aber immer wieder Kaufattacken haben und unnütze Gegenstände horten, kann das auf eine Abhängigkeit hindeuten. Die Psychologin Astrid Müller von der Medizinischen Hochschule Hannover erklärt, was hinter Kaufsucht steckt und wie sie sich behandeln lässt.

 

Frau Müller, ist die Laune im Keller, hebt eine Shoppingtour schnell die Stimmung. Sind solche Frustkäufe problematisch?

Es kommt darauf an, wie häufig das vorkommt. Wenn es für die betroffene Person die einzige Option ist, um sich von Frust abzulenken, und sie das regelmäßig, also mehrmals pro Monat, macht, würde ich das schon als problematisch einschätzen. Ich würde dann näher hinschauen, was gekauft wurde.

Es kommt also auch auf die Gegenstände an?

Ja, bei emotionalen Einkäufen werden oft Dinge erworben, die nicht notwendig sind und später nicht angemessen genutzt werden. Zum Beispiel braucht man nicht mehrere Kleidungsstücke derselben Farbe in verschiedenen Größen, die man vielleicht einmal im Jahr anzieht. Ein weiteres Kriterium ist, dass das Kaufverhalten langfristig die finanziellen Möglichkeiten überfordert.

Warum macht Kaufen eigentlich so viel Spaß?

Kaufen ist zunächst etwas Belohnendes, es ist mit Gratifikation verbunden. Wenn ich mir etwas kaufe, das nicht unbedingt notwendig ist, belohne ich mich vielleicht dafür, dass ich eine Prüfung geschafft habe oder mir etwas vorgenommen und erreicht habe. Oft passiert das auch im Urlaub oder in der Freizeit. Am Anfang macht das Spaß, aber dann rutschen die Leute da hinein, und es geht nicht mehr nur um den positiven Effekt. Der hält nicht ewig an. Es geht zunehmend um Kompensation von Frust. Dass Kaufen Spaß macht, hängt auch mit unserem Umfeld zusammen.

Psychologin Astrid Müller Foto: Steffen Müller

Die Umgebung reagiert ja auch meist positiv auf ein neues Outfit.

Das stimmt. Man bekommt Anerkennung für guten Geschmack. Wenn wir aber über Kaufsucht sprechen, passiert häufig etwas anderes: Die Menschen kaufen so viel, dass sie die Sachen gar nicht mehr anziehen oder zeigen. Vieles bleibt ungenutzt, wird gehortet, verschenkt, weggeschmissen oder über Internetportale wieder verkauft.

Also geht es irgendwann nur noch um den Akt des Kaufens?

Irgendwann ja, wobei es nicht nur um den Kauf an sich geht. Heute spielt das Online-Shopping eine enorme Rolle. Dazu gehören Recherche, Vergleichen, das Verfolgen von Angeboten. Durch soziale Medien, Influencer und personalisierte Werbung wird das Ganze intensiviert. Entsprechende Websites sind zudem jederzeit verfügbar. Man zückt schnell das Smartphone, wenn man auf die U-Bahn wartet oder in einer langweiligen Veranstaltung sitzt, und recherchiert. Das hat enorm an Bedeutung gewonnen und ist auch sehr zeitintensiv.

Wann gilt jemand offiziell als kaufsüchtig?

Entscheidend sind die Diagnosekriterien für Verhaltenssüchte, zu denen auch die Glücksspiel- und Videospiel-Störung zählen. Betroffene können ihren Konsum nicht mehr richtig kontrollieren und beschäftigen sich zunehmend mit Kaufthemen, anstatt Alltagsaufgaben, Hobbys oder ähnlichem nachzugehen. Außerdem dient der Konsum vor allem der Emotionsregulation. Hinzu kommen zahlreiche negative Folgen. Dazu gehören finanzielle Probleme, die zu Verschuldung führen und Anlass für Betrugsdelikte sein können, und Einschränkungen in anderen Lebensbereichen. Trotz dieser negativen Folgen schaffen es die Betroffenen nicht, ihr Konsumverhalten zu reduzieren. Das alles trägt zu einem erheblichen Leidensdruck bei.

Wie kommt es, dass Menschen in diese Sucht hineinrutschen?

Es gibt viele Wege, die da reinführen können. Was wir häufig finden, ist eine Kombination aus Selbstwertproblemen und hoher materieller Werteorientierung. Materielle Güter werden genutzt, um Selbstwertprobleme zu kompensieren. Zudem sehen wir oft psychische Begleiterkrankungen wie Angststörungen, Depressionen, Essstörungen oder pathologisches Horten.

Wie behandelt man Kaufsucht?

In der Regel mit Verhaltenstherapie, für die wir Wirksamkeitsnachweise aus kontrollierten Gruppentherapiestudien haben. Dabei geht es viel um Selbstbeobachtung und darum, Stimuluskontrolle zu lernen und ein Alternativverhalten aufzubauen. Auch die Konfrontation mit Risikosituationen gehört dazu. Wenn Betroffene regelmäßig teilnehmen, kann knapp die Hälfte ihr Kaufverhalten nachhaltig reduzieren. Andere Therapieformen wirken möglicherweise auch, sind aber bislang nicht systematisch untersucht worden.

Was kann man selbst tun, wenn man an sich gewisse Tendenzen beobachtet?

Ich rate dazu, ein Kauf- und Geldausgabe-Protokoll zu führen, und zwar sehr minutiös. Man sollte eine Weile mal wirklich alles aufschreiben, wofür man Geld ausgibt, und auch notieren, wie viel Zeit man mit Online-Recherchen verbringt. Das ist wichtig, weil es nicht nur um den Kauf selbst, sondern um die ständige Beschäftigung damit geht. Dadurch werden bei der Kaufsucht neurobiologische Mechanismen aktiviert, so wie das auch bei anderen Süchten, etwa der Alkoholabhängigkeit, der Fall ist.

Wer ist die erste Anlaufstelle, wenn man Probleme dieser Art hat?

Dann sollte man sich an eine Suchtberatungsstelle oder Fachstelle für Suchthilfe wenden und das Problem offen ansprechen. Ansonsten sind Psychotherapeutinnen und -therapeuten gute Anlaufstellen. Vor zehn Jahren hätten sicher noch viele gesagt, dass sie sich mit Kaufsucht nicht auskennen, aber ich glaube, dass sich die Lage hier stark verbessert hat. Man kann sich auch an psychosomatische und psychiatrische Kliniken wenden. An Unikliniken gibt es außerdem oft Spezialambulanzen. Es lohnt sich, sich genau umzuschauen.

Expertin für Suchterkrankungen

Psychologin
 Dr. Dr. Astrid Müller (63) ist Außerplanmäßige Professorin in der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie der Medizinischen Hochschule Hannover. Sie leitet dort die Arbeitsgruppe „Substanzungebundene Abhängigkeitserkrankungen“.

Betroffene
 Etwa fünf Prozent der Erwachsenen sind kaufsüchtig, sagt Müller. Das zeigten Meta-Analysen internationaler Studien. Allerdings basiere das auf Fragebogenuntersuchungen, da Kaufsucht noch nicht als eigenständige psychische Störung anerkannt sei.

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