Carola Eckstein und Matthias von Herrmann sind überzeugt, ohne den Besitz eines Smartphones ein glücklicheres Leben zu führen. Foto: Lichtgut//Max Kovalenko
Ein Stuttgarter Ehepaar hat sich bewusst für ein Leben ohne Smartphone entschieden. Aus Sicht der Wissenschaft sind die beiden ihrer Zeit voraus. Nur mit der Tochter könnte es bald Debatten geben.
Nur einmal wären sie fast schwach geworden. Das war vor dem letzten Sommerurlaub. Nach Dänemark sollte es gehen, mit der Bahn. Fünf Mal umsteigen, fünf Mal die Frage, ob der Anschlusszug erreicht wird. „Da ist ein Smartphone schon hilfreich“, sagte sich Matthias von Herrmann und kam kurz ins Grübeln. Doch die Versuchung wich rasch altbewährten Grundsätzen des Stuttgarter Ehepaars. „Ich schaffe mir doch nicht etwas an, das ich eigentlich nicht brauche, nur weil die Deutsche Bahn es nicht auf die Kette kriegt, ihren Fahrplan einzuhalten“, sagt Carola Eckstein.
Matthias von Herrmann und Carola Eckstein führen ein Leben ohne Smartphone. Nicht, weil sie damit nicht umgehen könnten. Nicht, weil es an Geld fehlte. Sie ist promovierte Mathematikerin, er Politologe und Volkswirt, beide um die 50 Jahre alt, wohnhaft in einem Eigenheim am Killesberg. Die Eheleute verzichten bewusst darauf wie andere auf Fleisch oder Plastiktüten. Gründe haben sie viele. Einer davon lautet: „Wir haben dafür gar keine Zeit.“
Mit dieser Abstinenz sind die Eheleute Randerscheinungen. Von 100 Personen mit einem vergleichbaren Hintergrund besitzen laut Statistischem Bundesamt 97 ein oder mehrere Smartphones. In der Altersgruppe der 25- bis 34-Jährigen liegt der Anteil bei fast 100 Prozent. Gegenbewegungen wie in den USA sind in Deutschland noch nicht in Erscheinung getreten. Die New York Times berichtete 2022 vom Luddite Club, der heute in sechs US-Städten vertreten ist: Junge Menschen, die moderner Technik abschwören, verabreden sich per Klapphandy zu Treffen in Parks oder Cafés, wo sie gemeinsam malen, schreiben und lesen.
Mit ihren alten Nokia 5230 können sie nur noch telefonieren. Foto: Max Kovalenko
Von den Ansichten der technologiefeindlichen Jugendlichen sind Matthias von Herrmann und Carola Eckstein jedoch weit entfernt. Carola Eckstein hat schon als Elfjährige mit einem programmierbaren Taschenrechner hantiert, dem damals ersten auf dem Markt. Nach ihrer Promotion entwickelte sie für Bosch Steuergeräte und Diesel-Applikationen. Matthias von Herrmann kennen viele noch aus seiner Zeit als Sprecher der Parkschützer, der in der heißen Protestphase gegen Stuttgart 21 unentwegt am Handy hing. Er war damals auf allen Kanälen vertreten. Selbst Al Dschasira wollte den blassen Mann im Janker mit der randlosen Brille sprechen, der so gar nicht nach zivilem Ungehorsam aussah. Das Nokia 5230, das er sich damals für den Job zugelegt hatte, verwendet er bis heute. „Seit UMTS abgeschaltet wurde, kann ich damit eigentlich nur noch telefonieren“, sagt er. Sein Vertrag: 100 Freiminuten für zwei Euro im Monat.
Nach der Jobzusage von Bosch schaffte sie das Handy wieder ab
Bei den Parkschützern haben sie sich kennengelernt. Zwei kritische Freigeister, die sich von technischen Innovationen nicht blenden lassen. Alles wird nüchtern darauf geprüft, ob es wirklich im Alltag dienlich ist. So legte sich Carola Eckstein erst nach Studium und Promotion ein Handy zu, weil sie einige Jobbewerbungen verschickt hatte. „Da wollte ich natürlich unterwegs gut erreichbar sein“, sagt sie. Sobald sie die Zusage von Bosch in der Tasche hatte, schaffte sie das Gerät wieder ab. Als sie dann für den Konzern zu arbeiten begann, war ihre erste Amtshandlung, die Outlook-Benachrichtigung „Sie haben eine Email“ auszustellen. „Dieses Ping hat mich nur von der Arbeit abgelenkt“, erinnert sie sich. Auch lehnte sie Diensthandys ab. „Sie kann von Natur aus klare Grenzen ziehen“, sagt ihr Mann nicht ohne Bewunderung.
Matthias von Herrmann erlag dagegen zunächst den Versuchungen des Smartphones, um erst später zu begreifen, dass er ohne sie zufriedener ist. „Eine Zeit lang habe ich auf Busfahrten versucht, Nachrichten auf ‚Spiegel Online‘ zu lesen“, erzählt er. „Aber das war so ein Geruckel und ein Gefitzel auf dem Bildschirm. Ich schließe jetzt lieber die Augen oder schaue raus in die Natur.“
Das Paar hat auf viele App-Anwendungen, die anderen unverzichtbar erscheinen, eine analoge Antwort. An zentraler Stelle in der Wohnung liegt ihr gemeinsamer Kalender aus Papier, in den sie ihre Termine eintragen. Steht ein Auswärtstermin mit unbekannter Adresse an, wird vorher auf Google Maps der Anfahrtsweg studiert. „Ich drucke mir das dann aus. Und meine Frau merkt sich eh alles auswendig“, sagt Matthias von Herrmann. Bahncard und Deutschlandticket tragen sie schon seit je her in Kartenform bei sich. Und über die Lage der Welt informiert sie am Morgen der Radiosender Deutschlandfunk, während sie das Frühstück richten. Für mehr Tiefgang haben sie eine Wochenzeitung im Abo, die sie dann lesen, wenn sie dazu die Muße haben. Von der Schnelllebigkeit der Nachrichten lassen sie sich nicht aus dem Takt bringen.
Urlaub ohne Wetter-App und Tripadvisor
Auch im Urlaub, wenn kein Rechner in der Nähe ist, vermissen sie nichts, weder Tripadvisor noch die Wetter-App. Wenn sie ein Restaurant suchen, verlassen sie sich auf ihre Sinne. „Wir schnuppern hier und da rein, blicken ins Menü. Wir fragen auch oft Einheimische. Die kennen sich am besten aus“, erzählt Matthias von Herrmann. Gleiches gilt fürs Wetter: „Ich kann doch in den Himmel schauen und spüren, wie kalt es ist.“ Seine Frau argumentiert anders: „Warum muss alles immer kalkulierbar sein? Ich nehme es gern so, wie es kommt.“
Urlaubsfotos macht Matthias von Herrmann immer mit der Spiegelreflexkamera. „Wir machen vielleicht nicht ganz so viele, aber dafür richtig gute Bilder“, sagt er. Damit habe er auch die Verwandtschaft versorgt, als ihre Tochter zur Welt kam. „Ich habe jede Woche die besten Bilder in einer Cloud hochgeladen und per Email verschickt. Mittlerweile gibt es für die Verwandten zu Weihnachten einen Fotokalender – und gut ist.“
Matthias von Herrmann und Carola Eckstein scheinen ihrer Zeit voraus zu sein. Sie entziehen sich dem Einfluss technischer Innovationen, der ihnen ungesund und sinnlos erscheint – und folgen damit unbewusst dem Rat vieler Experten. So plädiert der Philosoph Thomas Metzinger, Professor an der Universität Mainz, für eine neue Bewusstseinskultur angesichts „bewusstseinsverändernden Technologien“, die sich am Profit und nicht am Gemeinwohl einer Gesellschaft ausrichten. Die Tech-Firmen, die mit Hirnforschern zusammenarbeiteten, „extrahieren mittels sich selbst verbessernder Algorithmen die Aufmerksamkeit aus menschlichen Gehirnen“. Auf dem Spiel stehe dadurch nicht weniger als die „geistige Autonomie, die wir brauchen, wenn wir als mündige Bürger unsere Demokratie aufrechterhalten und verteidigen wollen“, sagt Thomas Metzinger. Dass Leute wie das Stuttgarter Ehepaar sich ganz vom Smartphone verabschiedet haben, hält er für sehr weise. „Machen wir uns nichts vor: Wir können kaum kontrollieren, wie wir unsere Aufmerksamkeit steuern. Und die Angebote im Netz werden immer verführerischer.“ Da sei ein kompletter Verzicht sinnvoller als ein „achtsamer Konsum“.
Die Tochter hat bereits ein Handy aus Bügelperlen
Man muss dazu sagen, dass Matthias von Herrmann und Carola Eckstein beruflich nicht gezwungen sind, ein Smartphone zu besitzen. „Wir sind keine Journalisten, die am Ort des Geschehens schnell soziale Kanäle bedienen müssen.“ Aber so weit entfernt sind ihre Tätigkeiten nicht. Matthias von Herrmann ist heute Sprecher bei einer Umwelt- und Verbraucherorganisation, seine Frau macht Pressearbeit für eine NGO. Auch im Umgang mit sozialen Medien wägt Carola Eckstein nüchtern ab: „Man denke an den Aufwand, um eine relevante Reichweite herzustellen für ein Thema, das keine Homestory und kein Katzenvideo ist.“ Daher sei Social Media für sie allenfalls die Kür. Matthias von Herrmann sieht bei sich zudem die Gefahr, sich in Feeds und Kommentarleisten zu verlieren. „Da bin ich schon etwas anfällig“, gesteht er. „Und schwups ist wieder eine Stunde vergangen.“
Anfällig könnte bald auch die achtjährige Tochter werden. „Sie tippt bereits auf imaginären iPads herum. Sie besitzt auch schon ein Handy aus Bügelperlen und eine Smartwatch aus Papier“, erzählen die Eltern. Ihr erklärtes Ziel: kein Smartphone vor dem 14. Geburtstag. Matthias von Herrmann beruft sich auf den neusten Stand der Hirnforschung: „So lange sollte das Hirn reifen, ohne irgendwelchen Dopamin-Belohnungsspiralen ausgesetzt zu sein“, erklärt er. „Im Stirnhirn entstehen in dieser Phase Verbindungen zwischen Neuronen, die später helfen, erkennen zu können, was ein Mensch wirklich will und was nicht.“
Solange, so der Wunsch der Eltern, soll die Tochter möglichst viel Zeit „in der Realität“ erleben. „Aber ob sich die Realität daran hält, ist eine andere Frage.“