Wie Schulen Leistung einfordern
„Bei uns läuft Unterricht nach Stundenplan“, sagt Barbara Koterbicki. Derzeit rein virtuell. „Die Lehrer wissen genau, wo die Schüler stehen“, erklärt die Schulleiterin der Schloss-Realschule. Von dieser Lernform profitierten vor allem die stärkeren Schüler – „die schwächeren sind verunsichert, denen fehlt die direkte Ansprache“. Wenn Schüler etwas nicht verstanden haben, hole sie der Lehrer in Kleingruppen in sogenannten Breaking Rooms noch mal zusammen. Sie sei aber überrascht, wie selbstsicher und gut viele Schüler mit dem digitalen Unterricht zurechtkämen, selbst Fünftklässler. Das unterstreicht auch Matthias Wasel: „Schüler erwerben neue Kompetenzen, können selber eine Viko gestalten.“ Der Rektor des Hölderlin-Gymnasiums sieht aber auch die Grenzen: „Das vertiefte Lernen scheint mir zu fehlen“, die Verknüpfung des Lernstoffs auf vielen Ebenen. Interaktion sei schwieriger, denn: „Der Lebensort Schule, die Aktivitäten, die Rhythmisierung, das alles findet nicht statt.“
Weshalb viele Schüler im Motivationsloch sind
„Ich versuch im Unterricht gut mitzumachen“, sagt eine Achtklässlerin aus dem Hölderlin-Gymnasium. „Aber ich weiß gar nicht, wie ich stehe.“ Ihr fehle die direkte Rückmeldung der Lehrer. Die 14-Jährige räumt auch klipp und klar ein: „Ich hab nicht so viel Motivation, jeden Tag aufzustehen und den ganzen Tag am iPad zu sitzen.“ Viel Abwechslung gebe es nicht. Besonders stinkt es der 14-Jährigen, „dass ich meine Freundinnen nicht sehen kann“. Denn ihre Großeltern lebten im Haus und seien Risikopatienten. Die Mutter der 14-Jährigen berichtet vom Frust der Tochter, als die kleine Schwester aus der sechsten Klasse für kurze Zeit wieder in den Präsenzunterricht durfte und die große weiter am Rechner daheim sitzen musste. So freuten sich die Achtklässlerin und viele ihrer Mitschüler selbst über Klassenarbeiten – „weil sie dann wieder in die Schule durften und die anderen gesehen haben“, sagt Wasel. Doch selbst Klassenarbeiten sind am Högy derzeit nicht möglich. „Drei Räume pro Klasse vorhalten – das kriegen wir vor den Pfingstferien nicht mehr hin“, sagt Wasel im Blick auf das laufende Abi und die Coronaverordnung. Bei vielen Familien gebe es innerfamiliäre Konflikte, weil die Menschen zu eng aufeinander hocken, Bewegung fehle. Und weil kein Licht am Ende des Tunnels zu sehen sei.
Was sich Schüler wünschen
„Ich wünsch mir voll gern, mal wieder ins Turnen zu gehen“, sagt die Achtklässlerin aus dem Högy. „Und dass ich wieder normal in die Schule gehen kann.“ Ihre Mutter ergänzt: „Die Kinder haben gesagt, es ist auch schön, wenn sie uns Eltern mal vier Stunden nicht sehen.“ Auch Christa Heinen und Sabrina Maier, die Vorsitzenden des Schulartenausschusses Sek 1 im Gesamtelternbeirat (GEB) der Stuttgarter Schulen berichten: „Generell ist der Wunsch, dass die Schulen für den Unterricht in Präsenz endlich wieder geöffnet werden können, groß.“ Zunehmend fehle den Schülern die sozial-emotionale Bindung in der Klassengemeinschaft. Gerade jene aus den Klassenstufen sieben bis neun, die seit Mitte Dezember Fernunterricht haben, könnten auch in diesem Schuljahr weder ins Schullandheim noch zu Studienfahrten und so eine Klassengemeinschaft leben. Auch Praktikumsplätze zur Berufsorientierung seien Mangelware.
Eltern für Wiederholungsschuljahr
Die Elternschaft sei „mehrheitlich verunsichert“, berichten die GEB-Vertreterinnen. Grund sei auch, dass es keine Mindeststandards für den Fernunterricht gebe, dieser somit höchst unterschiedlich ausfalle und „trotz des überwiegend hohen Engagements“ der Lehrkräfte Lerndefizite entstanden seien. Viele Eltern forderten deshalb eine übergreifende Lernstandserhebung noch in diesem Schuljahr, samt Sommerferien-Nachhilfe für alle, nicht, wie zuvor, nur für versetzungsgefährdete Schüler. Ein entsprechendes Angebot solle den Eltern „spätestens nach den Pfingstferien“ gemacht werden, damit diese ihren Urlaub entsprechend planen könnten. Die Feriennachhilfe dürfe aber nicht die einzige Maßnahme bleiben. Immer mehr Eltern wollten „eine Wiederholung des aktuellen Schuljahrs“.
Schulleiter planen Förderkonzepte
Weder Wasel noch Koterbicki halten viel von der vom Bundeskabinett angekündigten Sommerferien-Nachhilfe. Mit welchem Personal? Zudem bringe eine so kurzfristige Maßnahme kaum etwas. Beide Schulleiter gehen von Lerndefiziten aus. In welchem Umfang und mit welchen Konsequenzen, sei noch unklar. Manche Eltern seien nicht bereit, über Leistungsdefizite ihrer Kinder zu sprechen, berichtet Wasel. „Die Schüler können ja unschädlich wiederholen“, meint Koterbicki. Denn das Wiederholungsjahr werde nicht mitgerechnet. Wasel sagt: „Wir haben relativ volle Klassen in der Mittelstufe.“ Das begrenze die Zahl der Wiederholer zumindest am Högy. Um Lernlücken auszugleichen, plane er mehr Unterricht in den Kernfächern, vor allem in Klasse neun und zehn. Auch Koterbicki will kontinuierlich Lernlücken schließen und vor allem Ressourcen in die Hauptfächer geben.