Der Vorstoß der EU-Kommission betrifft nicht nur Zigaretten, sondern auch E-Zigaretten und Vapes. Foto: imago//Antonio Ovejero
Das Europäische Parlament hat gegen Pläne gestimmt, mehr rauchfreie Zonen im Freien einzurichten. Das ist vernünftig – denn Verbote allein bewirken wenig, meint unsere Autorin Bettina Hartmann.
Eine Zigarette im Biergarten oder vor der Fahrt zur Arbeit an der Bushaltestelle? Ob Zigaretten, Zigarren, Pfeifen, E-Zigaretten oder Tabakerhitzer: Um Menschen vor dem Passivrauchen zu schützen und die Zahl der Krebstoten in Europa zu senken, sollte nach dem Willen der EU-Kommission das Rauchen künftig quasi aus der Öffentlichkeit verschwinden. Was zunächst vernünftig klingt und grundsätzlich gut gemeint ist, wurde vom Europäischen Parlament nun abgelehnt. Zu Recht! Auch wenn alle rationalen Gründe gegen das Rauchen sprechen.
Rauchen sterben zehn Jahre früher
Sicher, abgesehen davon, dass Kippen und E-Zigaretten Sondermüll sind, hat der Tabakkonsum ohne Zweifel schwerwiegende gesundheitliche Folgen. Probleme an Atemwegen und Lunge, Diabetes, Durchblutungsstörungen, Herzinfarkt, Schlaganfall, Krebs – die Liste der Schädigungen und Krankheiten ist lang. Daran gibt es nichts zu beschönigen. So sterben laut Statistik etwa 50 Prozent der Raucher im Schnitt zehn Jahre früher als Nichtraucher.
Doch Verbote bewirken meist wenig, zumal wenn sie in das Privatleben, das Freizeit- und Konsumverhalten der Menschen eingreifen und überdies schwer oder nur mit erheblichem Aufwand zu kontrollieren und zu ahnden sind. Selbst die Prohibition hat einst aus den USA kein alkoholfreies Land gemacht, sondern einen unkontrollierten Schwarzmarkt gefördert, teils mit verunreinigter und dadurch gefährlicherer Ware.
In Deutschland sind Zigaretten ohne wirksame Alterskontrolle an Automaten zu haben. Foto: imago/Bernd Feil
Was also tun? Statt zu reglementieren und zu stigmatisieren, wäre es sinnvoller, das Gesundheitsbewusstsein weiter zu schärfen. Sprich: dafür zu sorgen, dass weniger Menschen mit dem Rauchen anfangen – und mehr damit aufhören. Etwa durch Aufklärungskampagnen und Hilfsangebote. Geld dafür gebe es in Deutschland genug. So spülte die Tabaksteuer im vergangenen Jahr 14,7 Milliarden Euro in die Staatskasse. Geld, das in den gesamten Haushalt fließt – statt vornehmlich in Prävention.
Deutschland ist Schlusslicht bei Tabakkontrolle
Überhaupt ist Deutschland in Sachen Tabakkontrolle eines der Schlusslichter, wie die Weltgesundheitsorganisation WHO bemängelt: „Wir können nicht nachvollziehen, warum die deutsche Politik so lax in der Umsetzung von Maßnahmen ist“, so die Kritik. Während andere Länder etwa den Zugang zu Tabakprodukten erschweren, sind sie hierzulande weiterhin in Supermärkten und an Automaten erhältlich. Letzteres ohne wirksame Alterskontrolle, obwohl Rauchen unter 18 verboten ist. Influencer präsentieren in sozialen Medien vor allem E-Zigaretten als Lifestyleprodukt. Kein Wunder also, dass bei insgesamt rückläufigen Zahlen laut Umfrage bei den 16- bis 29-Jährigen nun elf statt bisher sechs Prozent zu Tabakerhitzern, Vapes und Zigaretten greifen.
Klar ist: Der Vorstoß der EU-Kommission kam trotz Ablehnung des Parlaments zur rechten Zeit – und hat hoffentlich nicht nur eine neuerliche Diskussion, sondern auch eine Schärfung des Bewusstseins in Gang gesetzt. Dass man auf Nichtraucher größtmögliche Rücksicht nimmt und nicht vor Kindern, also auch nicht auf Spielplätzen oder im Freibad raucht, gebietet eigentlich schon der gesunde Menschenverstand.
Nach Angaben des Bundesgesundheitsministeriums gehen hierzulande jährlich rund 130 000 Todesfälle auf Tabakkonsum zurück. Zudem belasten die Folgekosten das Gesundheitssystem mit etwa 100 Milliarden Euro. Die EU, allen voran Deutschland, muss somit alarmiert sein und mehr tun, um Nichtraucher zu schützen und Raucher zur Abstinenz zu animieren – durch konsequente Maßnahmen und Überzeugungsarbeit. Wem nachhaltig klar gemacht wird, welche Schäden das Rauchen anrichtet, lässt eher die Finger davon, als wenn die Aura des Verruchten und Verbotenen mitschwingt.