Kein Unterricht für Ukrainer Stuttgarter Schulen rufen wegen Lehrermangels um Hilfe

Gerade in den Naturwissenschaften ist es eng. Foto: dpa/Roland Holschneider

An den Gymnasien konnten alle Stellen zum Schuljahresbeginn besetzt werden. Doch die Versorgung sei „auf Kante genäht“. Die beruflichen Schulen sind mit 15 unbesetzten Stellen ins Schuljahr gestartet. Sie senden für einen Bereich einen Hilferuf ab.

Die Lehrerversorgung zum Schuljahresbeginn an den Gymnasien in Stuttgart steht, allerdings auf etwas wackeligen Beinen. „Zum Start sind wir versorgt“, sagt Manfred Birk, der kommissarische geschäftsführende Leiter für die Stuttgarter Gymnasien. Doch der Rektor des Stuttgarter Dillmann-Gymnasiums sagt auch gleich einschränkend: Die Versorgung mit Lehrkräften sei „auf Kante genäht“.

 

Das Regierungspräsidium (RP) Stuttgart bestätigt, dass alle Stellen an den Gymnasien besetzt werden konnten. „Der Pflichtunterricht kann stattfinden“, so eine Sprecherin des RP. Viele Stammlehrkräfte hätten ihr Deputat aufgestockt. Mangelfächer seien vor allem die klassischen MINT-Fächer, also Mathematik, Chemie, Physik. Der Lehrkräftemangel mache sich zunehmend auch in Fächern wie Deutsch und Englisch bemerkbar. An zwei Gymnasien seien zudem die Schulleiterposten vakant: am Hölderlin-Gymnasium im Norden und am Paracelsus-Gymnasium in Hohenheim.

„Krass“ sei die Lage in der Informatik

„Was das RP tun kann, tut es“, lobt Birk die Anstrengungen, Lehrkräfte zu gewinnen. So sei es dem Regierungspräsidium gelungen, pensionierte Lehrkräfte dazu zu bewegen, „für einige Stunden“ in der Woche an die Schulen zurückzukehren. Sieben Pensionäre sind es nach Angaben des Regierungspräsidiums. „Dadurch konnte viel aufgefangen werden“, so Birk. Auch seien „alle Referendare untergekommen“. Er selbst habe für das Dillmann-Gymnasium mitten in den Schulferien nochmals unvorhergesehen Bedarf für eine Biologie-Lehrkraft anmelden müssen und habe umgehend einen Ersatz bekommen, erzählt der Schulleiter.

Die Kehrseite: „Jetzt ist der Markt leer gefegt“, sagt Birk, anders als in früheren Jahren. Das könnte womöglich schon bald zu Problemen führen. „Wenn Krankheitsfälle eintreten, dann finden wir niemanden mehr auf dem Markt“, sagt er. Durch die vom Land geplante Reduzierung der Teilzeitquote in den Schulen fürchtet der Leiter des Dillmann-Gymnasiums darüber hinaus eine sinkende Attraktivität des Lehrerberufs. „Bisher konnten wir mit Arbeitszeitmodellen für eine gute Vereinbarkeit von Beruf und Familie punkten“, erklärt Birk. „Aber wenn die Teilzeit zurückgeschraubt wird, ist das auch passé.“ Auch Birk spricht von einer schwierigen Lage in den Naturwissenschaften. „Ganz krass ist es in Informatik“, sagt er. Nach wie vor gingen Lehrkräfte mit dieser Studienrichtung „wegen des höheren Verdienstes in die freie Wirtschaft“.

Viele Pensionäre vor allem an beruflichen Schulen

Diese Konkurrenz spüren auch die beruflichen Schulen und Gymnasien. Hier ist die Versorgungslage generell angespannter als an den allgemeinbildenden Gymnasien. Insgesamt 15 Stellen konnten laut Regierungspräsidium an den beruflichen Schulen nicht besetzt werden. Der Mangel ist besonders groß in der Informatik und in der Elektrotechnik. Aber inzwischen fehlten auch Deutschlehrer, berichtet der geschäftsführende Schulleiter der beruflichen Schulen, Felix Winkler. Bei ihnen arbeiteten zum Beispiel in der Elektrotechnik sehr viele Pensionäre. Einige gingen auf die 80 zu, dem entsprechend bang ist ihm um die Zukunft, wenn diese nicht mehr zur Verfügung stehen. Laut Regierungspräsidium konnten fürs Schuljahr elf Pensionäre gewonnen werden. Sie seien „gottfroh“ um diese Kollegen, aber es sei natürlich schwierig, die Schulentwicklung voranzutreiben, wenn man viele Pensionäre auf niedriger Stundenbasis an der Schule habe, sagt Winkler. Das Vertretungssystem stehe auf „sehr dünnem Eis“.

Dramatische Lage bei Vorbereitungsklassen

Was Winkler aktuell große Sorgen macht: die Situation bei den Vorbereitungsklassen. Haben 15- bis 18-Jährige kaum oder keine Sprachkenntnisse in Deutsch, besuchen sie eine Vorqualifizierungsklasse an einer beruflichen Schule, um in ein oder zwei Jahren Deutsch zu lernen. Beziehungsweise: Sie sollten dies tun können. Denn momentan überstiegen die Anmeldungen die Angebote deutlich, so Winkler. „Wir sind über unserer Kapazitätsgrenze“, betont er. Es fehle an Räumen und an Personal.

Der Schulleiter der Schule für Farbe und Gestaltung ist eigentlich bekannt dafür, kreative Ideen zu entwickeln. Doch in diesem Fall fehlt auch ihm die Vorstellung, wie man das Problem lösen könnte. Die Anmeldezahlen seien so hoch wie nie – es gebe teils Schlangen an der in seiner Schule angesiedelten Meldestelle. Für 650 Schülerinnen und Schüler, schätzt Winkler, habe man zwar bereits Plätze geschaffen – 350 seien es an öffentlichen Schulen, geschätzt 300 an Privatschulen. Doch das reiche bei weitem nicht aus.

Fünf Klassen zusätzlich -aber keine Räume und kein Personal dafür

Die meisten Jugendlichen, die sich meldeten, weil sie einen Schulplatz brauchen, seien junge Ukrainer. Zwar habe man schon so viele Plätze versucht zu schaffen, wie nur möglich, aber immer noch rund 100 seien noch völlig unversorgt, obwohl das Schuljahr schon begonnen hat. „Das würde fünf Klassen zusätzlich bedeuten“, verdeutlicht Winkler. Von einer ohnehin nur vermeintlichen Lösung hält der Schulleiter nichts: die Stundenzahl in der Woche von 20 auf zehn zu senken, um auf diese Weise mehr Plätze anbieten zu können. „Das ist pädagogisch nicht sinnvoll“, sagt Felix Winkler.

Weitere Themen

Weitere Artikel zu Stuttgart Lehrermangel