Keine Brennstoffzellenzüge im Rems-Murr-Kreis Es wird wohl nichts mit Wasserstoff-Wiesel

Die Umstellung auf emissionsarme Züge auf der Wieslauftalbahn ist noch einmal verschoben worden. Foto: Gottfried Stoppel

Eine Studie sieht klare Vorteile von Batterie- gegenüber Brennstoffantrieb auf der Wieslauftalbahn. Wasserstoffbusse hingegen sollen angeschafft werden – allerdings später als geplant.

Rems-Murr : Frank Rodenhausen (fro)

Rems-Murr-Kreis - Bei seinem Ziel, den Einsatz der umweltfreundlichen Wasserstofftechnologie in verschiedenen Bereichen des öffentlichen Lebens voranzutreiben, scheint dem Rems-Murr-Kreis eine bisher noch eingeplante Säule weggebrochen zu sein. Zumindest nach derzeitigem Stand soll die Anschaffung von mit Brennstoffzellen betriebenen Zügen im Wieslauftal nicht weiter verfolgt werden.

 

Batterieladezeit in Schorndorf ausreichend

Der Grund: Auf der mit 11,4 Kilometern vergleichsweise kurzen Strecke sind batteriebetriebene und damit ebenfalls emissionsfreie Züge offenkundig die günstigere Variante – wenn die Ladezeit von elf Minuten am Bahnhof Schorndorf ausreicht, um mit fünf Fahrzeugen einmal nach Oberndorf und zurück zu kommen, so die Prämisse der Wirtschaftlichkeitsrechnung. Laut einer Prüfung der Hochschule Esslingen in Zusammenarbeit mit Fahrzeugherstellern ist eine solche vollständige Aufladung für einen Umlauf nach Stand der Technik durchaus möglich, weswegen die „Konzeptstudie Emissionsfreie Antriebstechnologien für die Wieslauftalbahn“ nun erhebliche Kostenvorteile für batterieelektrische gegenüber wasserstoffelektrischen Antrieben sieht.

„Wir sind ergebnisoffen gestartet, jetzt zeichnet sich aber ab, dass wir uns mit der Beschaffung von Wasserstoffzügen sehr schwertun würden“, sagt der Landrat Richard Sigel. Weil aber auch bei der Umstellung auf Batteriebetrieb die Wirtschaftlichkeit stark von der Höhe einer Förderung abhängt und das Land ohnehin angekündigt hat, die Trägerschaft von Nebenstrecken im Bahnverkehr noch einmal auf den Prüfstand stellen zu wollen, hat der Zweckverband Wieslauftalbahn seine Entscheidung für die Beschaffung neuer Züge nun noch einmal auf 2022 vertagt.

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Man wolle auf jeden Fall auf einen emissionsfreien Zugantrieb umsteigen, bekräftigt der Landrat. Aber man werde jetzt auch nichts überstürzen und die Dinge stattdessen entscheidungsreif vorbereiten. Ein Zeitdruck bestehe angesichts der noch gut funktionierenden Züge nicht, so Sigel.

Busanschaffung auf 2025 verschoben

Weiter verfolgt wird hingegen der Einsatz von wasserstoffbetriebenen Bussen. Der Kreis hat allerdings Abstand davon genommen, diese – geplant waren neun Fahrzeuge – im Rahmen des sogenannten Hy-Performer-Programms zu beschaffen und im bestehenden Busliniennetz einzusetzen. Im Rahmen des Modellprojekts zur Erprobung der Wasserstofftechnologie im öffentlichen Nahverkehr hätte der Rems-Murr-Kreis 1,8 Millionen Euro an Bundesgeldern dafür aufwenden können – wenn die Busse bis Mitte 2024 angeschafft würden. Doch den Verantwortlichen erscheint sinnvoller, mit der Investition noch bis zur Neuausschreibung eines Busliniennetzes im Sommer 2025 zu warten.

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Das nämlich würde auch einen zeitlichen Puffer bis zur Betriebsaufnahme einer Einrichtung schaffen, in der die Busse betankt werden können. Das ursprüngliche Konzept sah vor, den nötigen Wasserstoff auf einem Gelände im Waiblinger Industriegebiet Ameisenbühl her- und dort auch bereitzustellen. Der „grüne Strom“ dazu wird über Solarpanel auf einem Neubau auch bereits hergestellt. Allerdings hat sich das Gelände offenbar als nicht praktikabel für den Betrieb einer Tankstelle erwiesen, weshalb die zusammen mit den örtlichen Stadtwerken und einem Elektrolyseur gegründete Gesellschaft „Hy. Waiblingen“ nun auf der Suche nach einem Alternativstandort ist. Favorisiert wird derzeit offenbar ein Areal im Bereich der Waiblinger Westumfahrung, aber auch andere Standorte werden dabei nicht ausgeschlossen.

Defizit bei Wasserstoffproduktion und -tankstelle

Geeinigt haben sich Stadt und Kreis indes, ein mögliches Defizit beim Betrieb von Wasserstoffproduktion und -tankstelle ausgleichen zu wollen. Denn man geht davon aus, dass dies nicht kostendeckend möglich sein wird. Knapp 700 000 Euro pro Jahr könnten jüngsten Berechnungen zufolge anfallen. Mithilfe einer Rechtsanwaltskanzlei seien „verschiedene rechtssichere Wege herausgearbeitet“ worden, wie der Defizitausgleich gestaltet werden könne, heißt es in einem Zwischenbericht an die Kreisräte. Die möglichen Varianten würden derzeit mit dem Betreiberkonsortium bewertet und im Dezember im Kreistag zur Entscheidung vorgelegt werden.

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Die Wasserstoff-Strategie

HyPerformer
Der Rems-Murr-Kreis ist einer von bundesweit drei Landkreisen, die sich im Rahmen eines Modellprojekts an der Erprobung der Wasserstofftechnologie im öffentlichen Nahverkehr beteiligen. Als so titulierter „HyPerformer“ können bis zu vier Millionen Euro an Bundesfördergeldern abgerufen werden.

Projekte
Neben den Projekten Wieslauftalbahn und Busverkehr hat sich der Rems-Murr-Kreis die Einrichtung einer sogenannten „Lernwerkstatt Zukunftstechnologie Wasserstoff und Brennstoffzelle“ an der Gewerblichen Schule in Backnang vorgenommen. Dort sollen berufssparten- und schulübergreifend Qualifikationen in der Wasserstofftechnik vermittelt werden. Zum anderen will man in der Öffentlichkeit durch Aufklärung Akzeptanz für die neue Technologie schaffen.

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