Keine Chance auf therapeutische Behandlung Zu wenig Ärzte für Flüchtlinge in Baden-Württemberg

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Traumatisierte Flüchtlinge im Südwesten haben kaum eine Chance auf therapeutische Behandlung. Das Innenministerium will den Mangel zumindest teilweise beheben.

Viele psychische Krankheiten von Flüchtlingen bleiben unbehandelt (Symbolbild). Foto: dpa-Zentralbild
Viele psychische Krankheiten von Flüchtlingen bleiben unbehandelt (Symbolbild). Foto: dpa-Zentralbild

Stuttgart - Das baden-württembergische Ministerium für Inneres, Digitalisierung und Migration arbeitet an einem Konzept, wie traumatisierte Flüchtlinge in den vier großen Erstaufnahmeeinrichtungen des Landes zuverlässiger behandelt werden können. Es gehe um „Standards für die Versorgung bei psychischen Erkrankungen und Traumata“ für rund 5000 Menschen, sagte ein Sprecher des Innenministers Thomas Strobl (CDU). Sozialarbeiter beklagen immer wieder, dass psychische Krankheiten von Flüchtlingen unbehandelt bleiben, weil Personal und Geld fehlt. Psychotraumata können durch Folter, sexuelle Gewalt oder Kriegshandlungen ausgelöst werden und sich in Panikattacken oder auch Aggressionen zeigen.

Nach Schätzungen der Bundesärztekammer hat jeder dritte Flüchtling traumatische Erfahrungen gemacht. Dem steht eine äußerst geringe Zahl an medizinischen Behandlungen gegenüber. Die Krankenkassen etwa übernehmen keine Dolmetscherkosten. Entsprechende Kostenanträge bei Kreisen und Kommunen bleiben Praktikern zufolge oft Monate liegen.

Warteliste im Moment geschlossen

Die durch Spenden gestützten psychosozialen Zentren im Land, die sich in der Flüchtlingshilfe engagieren, haben ihrerseits lange Wartelisten für Patienten. Die Fachärztin Johanna Zeitler, therapeutische Leiterin des Ulmer Behandlungszentrums für Folteropfer beispielsweise sagt: „Unsere Warteliste ist im Augenblick geschlossen.“ Für mehr als 70 Flüchtlinge – überwiegend Menschen, die vor einem Verwaltungsgericht gegen ihre Abschiebung kämpfen – könne aktuell keine Hilfe geboten werden. Die Ulmer Praxis bekomme, wie andere Zentren im Land auch, keine „Regelfinanzierung“ durch das Land.

Asylsuchende haben nach den geltenden Menschenrechtskonventionen einen Rechtsanspruch auf ärztliche Behandlung. Dass dieses Recht in Bezug auf seelische Krankheiten kaum eingelöst wird, erfuhr erst im August die Staatsministerin und Integrationsbeauftragte des Bundes, Annette Widmann-Mauz (CDU), bei einem Besuch der Landeserstaufnahmeeinrichtung (Lea) in Sigmaringen.

Innenministerium will bis Jahresende ein Konzept vorlegen

Ein leitender Sozialarbeiter der Caritas beklagte offen seine Machtlosigkeit: „Wir stoßen personell an unsere Grenzen.“ Für 650 Asylsuchende in Sigmaringen stehe nur eine Sozialarbeiterin mit einer Zusatzausbildung in Traumatherapie zu Verfügung. Niedergelassene Psychologen seien auf Anfrage nur selten bereit, eine Behandlung zu beginnen – zum einen, weil ihre eigenen Wartezimmer voll sind; zum anderen, weil die Wahrscheinlichkeit, dass Flüchtlinge eine Duldung in Deutschland bekommen, gering ist.

Im vierten Quartal dieses Jahres will das Innenministerium dem Sprecher zufolge das Hilfekonzept vorlegen. Über konkrete Verbesserungsvorschläge ist noch nichts bekannt, es sei jedoch zu erwarten, „dass man auch Mittel braucht“.

Ein Vorschlag kommt von der Stuttgarter Psychotherapeutin Ingrid Rothe-Kirchberger, zugleich Vorstandsmitglied und Menschenrechtsbeauftragte der Landesärztekammer Baden-Württemberg. Sie hat festgestellt: „Viele kennen aus ihrer Heimat die Bedeutung von Psychotherapie gar nicht.“ Auch deshalb fordert sie „Gesundheitslotsen“, die dafür sorgen, dass erkrankte Flüchtlinge und willige niedergelassene Psychotherapeuten zueinander finden. „Bisher müssen sich betreuende Sozialarbeiter durchtelefonieren“, sagt Rothe-Kirchberger. Das Land spare hier „an der falschen Stelle“.