Eberdingen-Hochdorf - Diese Frau soll in den Ruhestand gehen? Diese Frau, die, stupst man sie mit der richtigen Frage an, loslegt wie ein Wasserfall? In deren Augen es kampfeslustig blitzt, wenn sie sich über esoterischen Humbug und naive Vorstellungen aufregt („Die Kelten lebten im Einklang mit der Natur? Ja verdammt, was blieb ihnen anderes übrig? Der Wald war damals kein Naherholungsgebiet!“)? Und die, obwohl sie „oft an der Kante“ arbeitete, nimmermüde und mit ungebrochener Vitalität, Esprit, Einfallsreichtum und Humor für ihr Museum einsteht?
Tatsächlich: Simone Storks Ära im Keltenmuseum geht zur Neige. Sie lässt die Stätte, in der sie 1999 aushilfsweise begonnen und 2003 die Leitung übernommen hatte, hinter sich und freut sich auf anderweitig bewegte Zeiten: „Ich werde in aller Ruhe mit Mann, Hund, Wohnmobil und Skizzenblock in der Weltgeschichte umhergondeln“, sagt die 65-Jährige.
Ein Glücksgriff für die Gemeinde
Die Kelten spielen bei ihren Zukunftsplänen keine Rolle mehr, Hochdorf perspektivisch auch nicht. „Es ist für alle Beteiligten nicht so schön, wenn der Vorgänger gegenüber am Küchenfenster hängt und den Nachfolger auf Schritt und Tritt im Blick hat“, meint sie trocken. Zum neuen Museumsleiter wählte der Gemeinderat den Tübinger Archäologen Thomas Knopf.
Für die kleine Gemeinde mit ihrem bedeutenden Museum war Simone Stork ein Glücksgriff. Das Museum für sie aber auch. Denn als Mutter von drei Kindern, die nach der Promotion erst einmal auf Jahre mit einem Rund-um-die-Uhr-Familienmanagement beschäftigt war, konnte die junge Wissenschaftlerin von einer Karriere in ihrem Fach, der Vor- und Frühgeschichte, zunächst nur träumen.
Powerfrau mit profunden Kenntnissen
Dabei brachte die Powerfrau profunde Kenntnisse mit: Sie hatte bei Georg Kossack studiert, einer der prägenden Persönlichkeiten der Vor- und Frühgeschichtsforschung in Deutschland, und als erste Frau bei ihm promoviert. „Im Krieg hatte er beide Beine verloren, trotzdem lehrte er im Stehen“, erinnert sie sich. „Er war ein harter Hund. Was er von sich verlangte, verlangte er auch von seinen Studenten. Zartbesaitet durfte man nicht sein.“
Statt fachlich voll durchzustarten, übernahm sie neben ihrem Fulltime-Familienjob redaktionelle Arbeiten und engagierte sich im Gesamtelternbeirat in Bietigheim-Bissingen, wo die Familie damals lebte. „Da durfte ich lernen, wie eine Kommune tickt“ erzählt sie. Für ihre spätere Verantwortung half das, denn das Keltenmuseum wird von der Gemeinde getragen, „und so eine Gemeinde“, so Stork, „ist ein empfindlicher Kosmos“.
Kostendeckung ist ein Wunschtraum
Auf die Gemeinde Eberdingen hält sie indes große Stücke. „Eine Kommune mit drei Teilorten hat enorm viele Aufgaben“, sagt sie. Dass sie sich so ein Museum leiste, sei großartig. Mosern manchmal Besucher, dass sie den – ohnehin überschaubaren – Eintritt zahlen müssen, muss Stork an sich halten, um die Contenance zu wahren. „Wollte das Museum kostendeckend arbeiten, müsste ausnahmslos jeder Besucher 12,50 Euro bezahlen“, erklärt sie. „Dann wäre die Liegenschaft erhalten. Ich hätte dabei noch nichts verdient.“
Von der Keltenkonzeption des Landes, welche die historische Bedeutung der Kelten für Baden-Württemberg hervorheben und touristisch noch besser erlebbar machen will, erhofft sie sich daher Unterstützung: „Die Gemeinde ist der berechtigten Ansicht, wenn man seit Jahrzehnten ein Museum in dieser Dimension aufzieht, sollte man dafür nicht bestraft werden.“
Ohne Multitasking ging es nicht
Obwohl sie auf dem Papier nur eine 70-Prozent-Stelle hatte, agierte Stork als Faktotum: als Strategin, Ausstellungsmacherin, Programmgestalterin, Publizistin, Leihgabenbeschafferin, Eventmanagerin und Kauffrau. „Der Höhepunkt meiner Karriere“, erzählt sie lachend, „war, als Günther Oettinger mal zu Besuch war und ich so viel von Kosten-Nutzen-Rechnungen an ihn hin schwätzte, dass er mich fragte, ob ich BWL studiert habe.“
Und die Kelten selbst? Das berühmte Grab des Keltenfürsten datiert aus der Zeit um 550 vor Christus. In den Jahren 1978 und 1979 wurde es unweit des heutigen Museumsgeländes unversehrt ausgegraben. Dessen prachtvolle Beigaben gehören heute zu den Sensationsexponaten des Stuttgarter Landesmuseums. Welches Verhältnis hat Simone Stork zu ihm?
Klebrig wie ein Bonbon
Auf jeden Fall ein unsentimentales. „Die Bezeichnung Fürst ist so klebrig wie ein Bonbon“, findet sie. „Wenn wir es überhaupt wagen dürfen, von Gräberausstattungen auf Leben zu schließen, haben wir trotzdem noch keine Ahnung, welchen Stand dieser Mensch hatte und welche Art von Herrschaft er ausübte.“ Schon die aufwendige Herstellung des phänomenale Prunkwagens zeige, wie fremd uns die damalige Zeit bleibe. „Hunderte Menschen wurden dafür dem normalen Wirtschaftsleben entzogen“, verdeutlicht Stork, „Wälder mussten gefällt, Holzkohle erzeugt, Erz verhüttet werden. Für etwas, das keinen funktionalen Zweck erfüllte.“
So wenig man pauschal sagen kann, wer „die Kelten“ waren, so vehement tritt die Museumschefin dafür ein, Fakten von Fiktion zu trennen. „Mein Job ist es nicht, zu sagen, was gewesen sein könnte, sondern das aufzufächern, was ich mit Belegen untermauern kann.“ Auch wenn man sich mangels schriftlicher Zeugnisse nicht in das Denken und Fühlen der Menschen von damals hineinversetzen kann, verraten die für die Ewigkeit gedachten Hochdorfer Grabbeigaben vieles über ihre Zeit.
Storks Sternstunden
Wenn Simone Stork über die Funde spricht – es müssen gar nicht immer die spektakulärsten sein, manchmal sind vermeintlich unscheinbare sogar spannender – , schlägt ihr Enthusiasmus wieder Funken. „Unser Job ist es, die stumme Sprache der Objekte zu übersetzen und ihre Story zu erzählen“, findet sie, „fachliche Eitelkeiten sind da fehl am Platz. Der Fokus muss hundertprozentig auf dem Besucher liegen, die Verzückung der Archäologen soll ein breites Publikum anstecken.“ Und wenn selbst lethargische Pubertierende ins Schwärmen geraten, sind das Storks Sternstunden: „Dann wissen wir, dass wir etwas richtig gemacht haben.“
Am Sonntag, 28. Juli, gibt es die letzte Abendführung mit Simone Stork. Sie findet um 17.15 Uhr anlässlich des Finales der Sonderausstellung zum Unlinger Reiter statt. Beginn ist um 17.15 Uhr, eine Anmeldung unter keltenmuseum@t-online.de oder Telefon 0 70 42 / 7 89 11 ist notwendig. Stork bietet tagsüber aber auch in regelmäßigen Abständen Kurzführungen ohne Anmeldung an.