Ken Follett „Never“ Ein Spritzer Atomangst im Endzeit-Cocktail

Der britische Bestsellerautor Ken Follett hat mit „Never – die letzte Entscheidung“ sein neuestes Werk vorgelegt. Foto:  
Der britische Bestsellerautor Ken Follett hat mit „Never – die letzte Entscheidung“ sein neuestes Werk vorgelegt. Foto:  

Im neuen Roman von Ken Follett eskalieren viele kleine Krisen zu einer globalen Apokalypse. Was taugt das neue Buch des Erfolgsautors?

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Stuttgart - Corona! Klimakatastrophe! Islamistischer Terrorismus! Es mangelt nicht an Katastrophen-Szenarien und endzeitlichen Erwartungen: Verzweiflung, Elend, Massensterben, die Unbewohnbarkeit des Planeten (zumindest für Menschen). Die Krisen der Gegenwart spiegeln sich auch in der Populärliteratur wider. Der Drogerie-Unternehmer Dirk Rossmann steht zum Beispiel mit der Fortsetzung seines Öko-Thrillers „Der neunte Arm des Oktopus“ gerade auf der Bestsellerliste. Andere Thriller-Schreiber versuchen sich erfolgreich in Ökozid-Sachbüchern.

Menschliche Gehirne können, sagen Psychologen, nur ein gewisses Maß an Katastrophenerwartung verarbeiten. Der britische Bestseller-Autor Ken Follett hat diese Erkenntnis in seinem neuen Buch „Never“ ignoriert. Jene Gefahr, die bei ihm die Vernichtung der Menschheit heraufbeschwört, ist allerdings in den letzten Jahren aus dem Fokus geraten.

Amerika, Nordkorea, China, Sudan: Es geht um internationale Verflechtungen

Der Roman fängt vergleichsweise harmlos an. Die amerikanische Präsidentin Pauline Green hat, wie für eine Supermacht üblich, mit einer Reihe regionaler Konflikte irgendwo auf der Welt zu tun. Die Chinesen sind zickig, weil sie sich von der Amerikanern in ihrer Sicherheit bedroht fühlen. In Nordkorea wackelt das Regime von Diktator Kang, eines Verbündeten Chinas; und im zentralafrikanischen Tschad provoziert ein mit den USA verbündeter Putschisten-General einen Konflikt mit dem Nachbarland Sudan. Er bedient sich dabei islamistischer Rebellen, die wiederum von Nordkorea unterstützt werden. Internationale Politik ist eben ein Geflecht von Beziehungen, Abhängigkeiten, Wirtschafts-, Militär- und Machtinteressen.

Im globalen Spiel der Macht gibt es große, mittlere und ganz kleine Mitspieler, die alle ihre eigenen Geschichten haben, ihre alltäglichen Sorgen und ihr alltägliches Glück erleben. In N’Djamena, der Hauptstadt des Tschad, verlieben sich zum Beispiel die CIA-Agentin Tamara Levit und ihr französischer Kollege Tabdar Sadoul von der dortigen EU-Mission. Gemeinsam versuchen sie aufzudecken, wie genau sich die örtliche Terror-Gruppe des „Islamischen Staates“ finanziert. Ihr Undercover-Agent ist ein im Libanon geborener US-Staatsbürger namens Abdul John Haddad. Er gibt sich als Flüchtling aus, um die Transportwege der Menschen- und Drogenhändler durch die Sahel-Wüste zu erkunden und verliebt sich wiederum in eine junge Fischerin, die mit ihrem zweijährigen Sohn eine neue Zukunft in Europa sucht, weil ihnen das Austrocknen des Tschad-See ihre Lebensgrundlage raubt. Währenddessen treiben die USA und China auf eine nukleare Auseinandersetzung zu.

Die Menschheit schlittert in die Katastrophe

Anders als in den vielen anderen Apokalypse-Thrillern gibt es in „Never“ keine absoluten Bösewichte. Die Beteiligten handeln lediglich nach der Logik der Abschreckung: Stärke zeigen. Auch dann, wenn man die Finger am Atomwaffen-Knopf hat. Und so schlittert die Menschheit ungewollt in die Katastrophe.

Das ist, wie immer bei Follett, gut und flüssig zu lesen. Aber leider enden viele Handlungsstränge im Ungefähren und die Verdichtung der Ereignisse gegen Ende – der eigentliche Kniff jedes guten Thrillers – lahmt. Dennoch: Wem die aktuellen Apokalypsen etwa durch Viren, Klimaerhitzung und Terror nicht reichen, kann seinen Endzeit-Cocktail literarisch mit einem Spritzer Atomangst noch ein bisschen berauschender machen.

Infos

Das Buch
Ken Follett: Never - Die letzte Entscheidung. Roman. Aus dem Englischen von Dietmar Schmidt und Rainer Schumacher. Lübbe, Köln. 878 Seiten. 32 Euro.




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