Kent Nagano beim Musikfest Stuttgart Kein Saal für Darmsaiten

Von Markus Dippold 

Die Besetzung des Dirigentenpultes war die größte Überraschung, in Teilen auch Enttäuschung: Kent Nagano und Concerto Köln werden in der Stuttgarter Liederhalle nur schwer miteinander warm.

Experte für Modernes: Kent Nagano Foto: dpa
Experte für Modernes: Kent Nagano Foto: dpa

Stuttgart - Aus Gegensätzen oder scheinbar Zusammenhanglosem kann eine besondere Spannung entstehen. Mit dieser Erwartung musste man auch an das Programm von Concerto Köln herangehen, bei dem Johann Sebastian und Carl Philipp Emanuel Bach neben Felix Mendelssohn und einer Uraufführung standen. Doch weder eine dramaturgische Verbindung noch eine gegenseitige musikalische Erhellung wollten sich an diesem Abend im gut gefüllten Beethovensaal einstellen. Zum einen lag das an der Programmauswahl, vor allem am Beginn des Abends, zum anderen an der sehr unterschiedlichen Qualität der Interpretationen.

Den Anfang bildete die Sinfonie D-Dur des Bach-Sohnes Carl Philipp Emanuel. Da mochte das Programmheft noch so sehr die Sturm-und-Drang-bedingten Brüche in der äußeren Form, die radikalen Kontraste und plötzlichen Kehrtwendungen dieser Musik beschwören, zu hören war das alles nicht. Geradezu belanglos plätscherte das Stück dahin, insbesondere mit dem zweiten und dritten Satz konnte der Dirigent hörbar wenig anfangen.

Mit bloßem Taktieren kommt man hier nicht weit

Die Besetzung des Dirigentenpultes war in jedem Fall die größte Überraschung, in Teilen auch Enttäuschung des Abends. Kent Nagano, bis zu diesem Sommer Generalmusikdirektor der Bayerischen Staatsoper, hat sich vor allem als Experte für moderne und zeitgenössische Musik einen Namen gemacht. Dass er am Pult eines auf historischen Instrumenten spielenden Originalklangensembles steht, kommt selten vor. So ästhetisch seine Schlagfiguren auch anzuschauen sind, darauf kommt es bei Musik des 18. Jahrhunderts nicht an, denn mit bloßem Taktieren und gelegentlicher dynamischer Gestaltung durch die linke Hand kommt man hier nicht weiter. Will man diese Musik beleben, muss man ihre rhetorische und dramatische Dimension erfassen.

Wie das geht, wurde in Bachs Violinkonzert E-Dur vor der Pause deutlich. Nagano machte das Dirigentenpult frei, und der junge Japaner Shunske Sato, Konzertmeister des Orchesters, zeigte als Solist, wie man Barockmusik ebenso artifiziell wie lebendig interpretieren kann. Sato ist ein technisch brillanter Geiger, der dieses Konzert deutlich in die Richtung der italienischen Vorbilder des Frühbarocks rückte und allerlei figurative Zutaten ergänzte, sich auch einige Freiheiten in der zeitlichen Gestaltung nahm, diese aber organisch in den musikantischen Fluss einpasste, so dass man aus dem Staunen kaum herauskam. Da seine Ensemblekollegen die dirigentenlose Freiheit ebenfalls zu nutzen wussten, war diese Viertelstunde zweifellos der Höhepunkt dieses Konzertabends und entschädigte vor allem für die vorangestellte Uraufführung.

Erst beim Choral stellt sich musikalisches Hochgefühl ein

„Bruchstücke – Ruinen“ hat Ulrich Kreppein seine kompositorische Aus­einandersetzung mit dem Bach-Choral „Ein feste Burg ist unser Gott“ genannt. Der 1979 geborene Kreppein bedient sich darin gängiger Formeln zeitgenössischer Tonsetzer. Die Streicher dürfen leise zirpen, die Blechbläser intervenieren mit lauten Akkorden, zwischendurch flirrt es in höchster Geigenlage, Flageolett-Passagen und Glissando-Effekte sind zu hören. Zwischendurch schimmern bis zur Unkenntlichkeit fragmentierte Motivfetzen aus dem Choral durch. Schön, dass beim Musikfest Platz für Uraufführungen ist, doch von bleibendem Wert dürfte das Stück kaum sein. Die viel größere Frage dabei ist allerdings, warum man diese Musik auf historischem Instrumentarium spielen lässt, von Musikern, zu deren täglich Brot derlei Kunst nicht unbedingt gehört.

Dass Concerto Köln sich in anderen Gefilden deutlich heimischer fühlte, war nach der Pause zu erleben. Mendelssohns fünfte Sinfonie interpretierten die Musiker und Kent Nagano beeindruckend, auch wenn es bis zum dritten Satz dauerte, bis ein homogenes Klangbild hergestellt war. Den ersten Satz zelebrierte der Japaner zu sehr, zerdehnte etwa das prägnante „Dresdner Amen“-Motiv und neigte zu einem äußerst filigranen Streicherklang, gegen den die Bläser zu sehr dominierten. Im Scherzo-Satz hatten sich diese Probleme dann erledigt, auch wenn die grundsätzliche akustische Situation ungünstig blieb: für Darmsaiten und Holzflöten ist der Beethovensaal einfach zu groß. So dauerte es bis zum Finalsatz, der vom Choral „Ein feste Burg ist unser Gott“ eingeleitet wird, bis sich ein wirkliches musikalisches Hochgefühl einstellte. Hier gab Kent Nagano das eher starre Taktieren und flächige Gestalten auf und ließ die Zügel locker, so dass das Concerto Köln seine ganze Erfahrung mit derlei Repertoire ausspielen konnte. Immerhin ein gelungener Schlusspunkt unter einem in vielen Aspekten heterogenen Konzert.




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