Kernen im Remstal Um Fassung ringen

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Yvonne Englich, die einige Jahrne in Stetten zu Hause war, hätte nur zu gerne bei den Olympischen Spielen in London um eine Medaille gekämpft.

Seit den ersten Foto: Sigerist
Seit den ersten Foto: Sigerist

Stetten - Eigentlich war alles ganz anders geplant. Am Samstag wollte Yvonne Englich nach London fliegen und am Mittwoch im olympischen Excel Centre in der Klasse bis 63 Kilogramm um eine Medaille ringen. Stattdessen sitzt sie, die als Yvonne Hees in Korb im Remstal aufwuchs und einige Jahre in Stetten lebte, zu Hause in Frankfurt/Oder und ringt um Fassung. Verzweifelt bekämpft die 32-Jährige in Brandenburg jeden Gedanken an die Olympischen Spiele und die Wettkämpfe auf der Matte. Ein sinnloses Unterfangen. Und als sei das nicht genug, hat jetzt der Deutsche Ringer-Bund (DRB) erklärt, dass Yvonne Englich und ihr Mann Mirko, Silbermedaillengewinner in Peking 2008 und diesmal auch nicht qualifiziert, zum 31. Dezember aus dem Nationalkader fliegen.

Zum dritten Mal kann sich die 32-Jährige nicht qualifizieren

Die Tränen wollen nicht trocknen. Zuerst war ihr großer Traum geplatzt. „Ich werde nie eine Olympionikin sein“, schrieb sie nach der verpatzten Qualifikation für die Spiele 2012 auf ihrer Facebook-Seite. Zum dritten Mal in Folge hatte sich die 32-Jährige nicht für die größte Sportveranstaltung der Welt qualifiziert. Für Olympia 2004 in Athen wurde Yvonne Englich nach der Geburt ihres Sohnes Noah nicht rechtzeitig fit. Vier Jahre später rief Peking, doch die Tochter Lotta war erst auf die Welt gekommen. Diesmal richtete Yvonne Englich ihr Leben auf London aus, fuhr zu Wettkämpfen, während Noah mit 40 Grad Fieber im Bett lag. Und ins Trainingslager, als er Geburtstag hatte. Doch Yvonne Englich, 2011 Dritte der Europameisterschaften in Dortmund, konnte das Ticket nicht greifen.

Negatives i-Tüpfelchen: Der Rauswurf aus dem Kader

Mirko Englich wird sich die Wettbewerbe der Ringer in London wohl im Fernsehen anschauen, Yvonne Englich eher nicht. Vielleicht hätte sie es gekonnt, wenn nicht als negatives i-Tüpfelchen gewissermaßen, der Rauswurf aus dem Kader gewesen wäre. Yvonne Englich ist nicht naiv, die angehende Berufsfeuerwehrfrau weiß, dass es gute Gründe für einen Ausschluss geben kann. Das Argument, sie hätten keine Perspektive im Hinblick auf Olympia 2016, will sie aber nicht gelten lassen. „Wenn sie alle aus dem Kader streichen, die keine Perspektive haben, hätten wir damit leben müssen und können, aber nur wir sind draußen.“ Der Rauswurf bedeutet für die sportliche Familie nicht nur das Ende der finanziellen Unterstützung, sondern auch das Ende der Freistellung im Beruf. Bisher arbeitet Mirko Englich 40 Prozent in seinem Job als Ausbilder bei der Feuerwehr, seine Frau, die gerade in der Ausbildung zur Berufsfeuerwehrfrau ist, ebenfalls. So blieb Zeit zum Training. „Bei einer 40-Stunden- Woche müssen wir unsere Einheiten von zwölf auf vier herunterschrauben“, sagt Yvonne Englich. Dabei wollten die beiden nicht mit Niederlagen von der Matte gehen und eigentlich noch einmal richtig angreifen. Mirko Englich hatte die Europameisterschaft 2013 in Budapest als Abschiedsvorstellung angekündigt, seine Frau hatte das Ende völlig offen gelassen.

„Wir haben in der Randsportart Ringen für ein gewisses Medienecho gesorgt“, sagt Yvonne Englich. Dankbarkeit erwarten die Englichs nicht, aber, dass sie eiskalt abserviert werden, hat beide in die Knie gezwungen. Dass die Atmosphäre zwischen dem erfolgreichen Ehepaar und der DRB-Verbandsspitze in den vergangenen Jahren nicht ungetrübt war, daraus macht Yvonne Englich keinen Hehl. Den Vorwurf, ihnen ginge es bei der Kaderzugehörigkeit nur ums Geld, wollen sie nicht auf sich sitzen lassen. Sie hätten alles getan, weil sie das Ringen lieben, sagt die gebürtige Schwäbin. Sie sei von Korb nach Dortmund gegangen – wegen des Leistungssports. Aus dem gleichen Grund seien sie und ihr Mann später mit den Kindern von Dortmund nach Frankfurt/Oder gezogen. Die Oma pendelt ständig die knapp 600 Kilometer zwischen der Ruhrmetropole und der Stadt in Brandenburg. „Und Geld haben wir vom DRB nicht bekommen, wir wurden von der Sporthilfe, dem Olympia-Stützpunkt Frankfurt und der Landesfeuerwehrschule Brandenburg unterstützt.“

Das Ringer-Paar wird nicht kampflos aufgeben

Kampflos aufgeben wird das Paar nicht. Die Englichs wollen ein Gespräch mit Thomas Bach, dem Präsidenten des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) und Vize-Präsidenten des Internationalen Olympischen Komitees (IOK). Schließlich haben sie von Michael Vesper, dem DOSB-Generaldirektor aus London einen Brief erhalten: „Ihr fehlt.“

Yvonne Englich hat sich in Rage geredet. Größer als die Wut ist aber die Trauer. Nach der verfehlten Qualifikation für die Olympischen Spiele, sei es ihr vorgekommen, als habe man ihr eines ihrer Kinder weggenommen, sagte sie einmal. Der Rauswurf aus dem Bundeskader fühlt sich an, als würde ihr das Herz herausgerissen. Noah, mit acht Jahren brandenburgischer Landesmeister im Ringen, ist der Einzige, der seine Mutter trösten kann. „Wenn ich groß bin, werde ich Olympiasieger, dann hole ich dich zu mir rauf aufs Podest“, hat er zu ihr gesagt. Yvonne Englich erzählt es unter Tränen. Die Trauer hat sie fest im Griff.




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