Kernfusionsreaktor Iter Zweifel an der zweiten Sonne

Das kreisrunde Fundament ruht auf Gummi – wegen möglicher Erdbeben. Foto: Iter
Das kreisrunde Fundament ruht auf Gummi – wegen möglicher Erdbeben. Foto: Iter

In Südfrankreich entsteht der Kernfusionsreaktor Iter. Europa will für den Traum unerschöpflicher Energie rund 6,6 Milliarden Euro ausgeben – ohne Erfolgsgarantie. Das Parlament stimmt am Dienstag darüber ab. Der Widerstand wächst.

Korrespondenten: Christopher Ziedler (zie)
WhatsApp E-Mail LinkedIn Flipboard Pocket Drucken

Cadarache - Am Horizont ragen die Berge der Provence in die Höhe. Irgendwo darunter liegt die berühmte Verdonschlucht, die der tosende Fluss im Laufe der Jahrtausende in den Stein gefräst hat. Hier jedoch, 50 Kilometer weiter westlich, wo er in die Durance mündet, fließt nur noch ein Rinnsal. Das liegt an heißen Kernbrennstäben, die gekühlt werden wollen. Ein breiter Kanal weiter den Hang hinauf versorgt das örtliche Atomkraftwerk mit Kühlwasser. Diese nukleare Infrastruktur hat den Ausschlag dafür gegeben, weiter die Straße entlang das ehrgeizigste Atomprojekt der Welt anzusiedeln  – den Internationalen Thermonuklearen Experimental-Reaktor Iter.

Am architektonisch ansprechenden Hauptgebäude mit seiner geschwungenen Holzfassade wehen die Fahnen aller Staaten, die das Projekt finanzieren. Mit von der Partie sind Amerikaner, Russen, Chinesen, Inder, Japaner und Koreaner. Die Europäische Union jedoch zahlt von den derzeit veranschlagten 14 bis 16 Milliarden Euro rund 6,6 Milliarden. Ein großflächiges Plakat im Innern erzählt, wofür die gewaltige Summe ausgegeben werden soll: „Wir“, steht dazu zu lesen, „bringen eine Sonne nach Cadarache.“

Sie ist Günter Janeschitz’ Baby. Der Atomphysiker, der lange die Abteilung Kernfusion am Forschungszentrum Karlsruhe geleitet hat, will die Vision wahr machen. Janeschitz steht im Foyer an einem Modell der Maschine, in der die physikalischen Abläufe in der Sonne auf der Erde nachgestellt und bisher ungekannte Energiemengen produziert werden sollen. Und er will wirklich eine Sonne bauen? Ja, mit dem Unterschied, dass der echte Himmelskörper, wie der österreichische Physiker sagt, „nur 15 Millionen Grad warm ist“. Nur? In der Provence soll es, wenn alles so läuft, wie sich Janeschitz das denkt, einmal 150 Millionen Grad heiß werden.

Die Spulen erzeugen ein starkes Magnetfeld

Das Geheimnis sind die Spulen, auf die der Chefplaner nun im Modell zeigt. Die echten werden so groß sein, dass sie nicht auf der Straße herangeschafft werden können, sondern vor Ort eine eigene Fabrik gebaut werden muss, um sie herzustellen. Die Spulen werden die Vakuumkammer mit einem Durchmesser von 38 Metern umschließen und ein so starkes Magnetfeld erzeugen, dass das heiße Plasma wie in einem Käfig eingeschlossen wird. In diesem Sonnenbrei prallen die Atomkerne aufeinander und setzen Energie frei. Bei Iter sollen vorne 50 Megawatt hineingepumpt werden und hinten 500 Megawatt herauskommen.

Was ist mit dem Energieerhaltungssatz, einem der wenigen Bruckstücke aus dem Physikunterricht, an das sich der Gast erinnern kann? Gilt der hier nicht? Günter Janeschitz muss lachen über so viel Ahnungslosigkeit. „Doch natürlich“, sagt er, um dann aber doch auf einen gewissen Albert Einstein zu verweisen: „Schon mal was von e = mc² gehört?“ Die Jahrhundertformel, die erklärt, dass Masse in Energie umgewandelt werden kann, soll hier zur Anwendung kommen. Die Stoffe Tritium und Deuterium, die in der Maschine aufeinandergejagt werden, sind schwerer als die Endprodukte, Helium und freie Neutronen. Wenn sie auf die Außenwand der Kammer treffen, erhitzt sich diese zusammen mit der Flüssigkeit dahinter, die dann in einer Turbine Strom erzeugen könnte.

Bisher ist da nur eine Baugrube, so groß wie zwei Fußballfelder. Eine Schotterpiste führt hinunter. Zwei Seitenwände des Gebäudes, das die 23 000 Tonnen schwere Wundermaschine einmal beherbergen soll, sind schon in Beton gegossen. Das ist schon einmal eine Sache für sich. „Wegen des radioaktiven Tritiums darf es keinerlei Risse geben“, erzählt Laurent Schmieder, der Bauleiter. Jedes Mal, wenn der Betonmischer angeworfen wird, rückt die Atomaufsicht an – so auch beim Fundament mit den kreisförmig angeordneten Stahlträgern darin. Es ruht auf elastischem Hartgummi, weil Cadarache in einem Erdbebengebiet liegt, was Iter-Kritiker wie die grüne Europaabgeordnete Rebecca Harms als „Irrsinn“ bezeichnen. „Die eigentliche Schwierigkeit bei diesem Bau liegt woanders“, ­beharrt dagegen Schmieder, ein Mittvierziger, der zuvor Atomanlagen in Nowosibirsk auseinandergenommen hat: „Es gibt 60 000 Verbindungen zwischen den Wänden und der Maschine, die passen müssen, obwohl deren Komponenten noch entworfen werden. Das ist sehr komplex, und wir müssen immer wieder warten.“




Unsere Empfehlung für Sie