In der „Zeit“ hat sich der 35-Jährige nun zu den Gründen für diesen Schritt geäußert, mit dem er im Oktober vergangenen Jahres auch sein näheres Umfeld überraschte. Im Wahlkampf müsse jeder über sich hinauswachsen, hatte er damals den SPD-Mitgliedern geschrieben. „Ich selbst kann im Moment leider nicht über mich hinauswachsen, weil ich leider nicht gesund bin.“ Um ein körperliches Leiden gehe es nicht, war damals aus dem Willy-Brandt-Haus zu hören. War es Burnout? Eine Depression? Es gab vielfältige Spekulationen. Klar war: Ihm ging es dreckig.
Jetzt also führt Kühnert konkreter aus, was ihn bewog, nicht nur sein Amt in der Parteispitze aufzugeben, sondern auch nicht erneut für den Bundestag zu kandidieren. Er begründet den Schritt auch mit wachsender Sorge um seine persönliche Sicherheit. „Meine rote Linie ist da, wo Gewalt in der Luft liegt. Ich bin nur 1,70 Meter groß“, sagt Kühnert.
Die Liebe zu einem FDP-Mitglied
Im Gespräch mit der Wochenzeitung spricht der Sozialdemokrat über Demonstranten, die mit einem selbst gebauten Galgen anrückten. Über die Männer, die in der Straßenbahn Kühnert anstarrten und – erst leise, dann laut – darüber sprachen, wie sie ihm „die Fresse polieren“ würden. Und über eine Coronaleugnerin, die ihm ein rohes Ei an den Kopf schleuderte. Was, wenn sie ihn mit einer Waffe angegriffen hätte?
Das ist – auch wenn Kühnert selbst sagt, dass es andere Politiker weit schlimmer getroffen hat – ein sehr verständlicher Rückzugsgrund. Spätestens seit dem Mord an dem CDU-Politiker Walter Lübcke wissen alle, wie gefährlich das Leben von Politikern geworden ist. Der SPD-Kandidat Matthias Ecke wurde im Europawahlkampf verprügelt. Gerade auf kommunalpolitischer Ebene geben Politiker auf, weil sie sich selbst und ihre Familien nicht mehr Hass, Hetze und möglichen Angriffen aussetzen wollen.
Kühnert wird noch etwas grundsätzlicher. Er verrät, dass er seit einigen Jahren mit einem Mann mit FDP-Parteibuch zusammen ist. Das ist auch deshalb interessant, weil er als Juso-Chef in einem Interview mal gesagt hat, es sei zumindest unwahrscheinlich, dass er sich mal in jemanden aus der Jungen Union verlieben könnte. Heute sagt Kühnert, er habe dank seiner Beziehung noch einmal neu begriffen, wie wichtig es sei zu verstehen, dass auch der politische Gegner recht haben könnte. Diese „Kulturtechnik des Miteinanderauskommens“ habe die Gesellschaft in den vergangenen Jahren verlernt. Eine Diagnose, an der oft etwas dran ist.
Absurder Personenkult – und ein Kontrastprogramm dazu
Kühnert hat in wenigen Jahren mehr erlebt als andere Politiker in Jahrzehnten. Obwohl es ihm als Juso-Chef nach der Bundestagswahl 2017 nicht gelang, eine große Koalition zu verhindern, wurde er damals zur Projektionsfläche für die Hoffnungen all jener, die sich eine andere SPD wünschten. „Der Personenkult war absurd“, sagte Kühnert einmal darüber, wie er zu Zeiten des Kampfes gegen die große Koalition gefeiert wurde.
Der Job als Generalsekretär ist das hundertprozentige Kontrastprogramm. Er muss in einer Partei für alles den Kopf hinhalten, was schiefgeht. Gleichzeitig hatte Kühnert die Aufgabe, als Generalsekretär der größten Regierungspartei in der Ampel jederzeit die Politik des Kanzlers verteidigen – auch wenn diese sich, etwa bei der Lieferung bestimmter Waffensysteme in die Ukraine, schon mal abrupt änderte. Das kann für jeden quälend sein, dabei sieht jeder schlecht aus – selbst, wenn er vorher nicht als Lichtgestalt verehrt wurde.
Komplett monokausal lässt sich Kühnerts Rückzugs wohl nicht erklären. Er sei selbst noch dabei zu begreifen, was dazu führte, sagt er. Zeit dafür hat er jetzt – und auch darüber nachzudenken, wie seine Zukunft aussehen soll. Bis ihn niemand mehr, ob freundlich oder im schlimmsten Fall hasserfüllt, in der U-Bahn erkennt, dürfte es aber dauern.