KI an Literaturinstituten „Literatur lebt von Neurosen, nicht von Schemen“

Hanns-Josef Ortheil blickt entspannt in eine Zukunft der Schreibroboter. Foto: Frank Bauer / www.frankbauer.com/FRANK BAUER

Der Gründer des Hildesheimer Literaturinstituts, der Schriftsteller Hanns-Josef Ortheil, kann dem Einsatz von Chatbots wie Chat GPT zu Übungszwecken durchaus etwas abgewinnen. Menschliche Kreativität könne sie jedoch nicht ersetzen.

Kultur: Stefan Kister (kir)

Hanns-Josef Ortheil gibt die Geheimnisse literarischen Schreiben an seine Studierenden weiter. Der Schriftsteller hat auf diesem Gebiet in Hildesheim schulbildende Pionierarbeit geleistet. Dass ihm künftig Künstliche Intelligenzen den Rang ablaufen könnten, befürchtet er eher nicht.

 

Herr Ortheil, haben Sie schon einmal bei Ihrem Schreiben Chat GPT benutzt?

Nein, noch nie. Ich bin allerdings insofern ein Sonderfall, als ich auch alle anderen Formen des Eingreifens in meine entstehenden Texte nie in Anspruch genommen habe. Bei meinen Studierenden ist das anders. Mit der Digitalisierung einher geht eine enorme Zunahme des Mitredens - vom frühesten Stadium der Textproduktion an, unter den Schreibenden selbst, in Lektoraten, bis hin zu den Marketingabteilungen der Verlage, die das Entstehende auf seine Marktchancen hin prüfen.

Welche Rolle spielt KI am Literaturinstitut?

Man kann damit üben, verschiedene Handlungsvarianten entstehender Texte durchspielen, bestimmte Partien probeweise verändern. Ein Programm wie Chat GPT kann Vorschläge machen. Das kann durchaus eine Bereicherung sein – wie ein Lektor, der sagt: Muss Deine Hauptfigur unbedingt in X aufwachsen, sollte es nicht eher Y sein?

Haben Sie keine Angst, dass bei den Arbeiten Ihrer Studierenden eine KI heimlich mitgeschrieben haben könnte?

Nein. Diese Programme jonglieren bereits vorhandenes Datenmaterial hin und her. Bei literarischen Texten merkt man sofort, wenn Partikel auftauchen, die sich algorithmischer Wahrscheinlichkeit verdanken und nicht primärer sinnlicher Erfahrung. Dann werden Dialoge schwach und plappern, der Text tritt auf der Stelle, trocken und unlebendig.

Könnte es nicht sein, dass irgendwann ein Roman erscheint, auf den sich alle begeistert einigen, hinter dessen Autor dann aber ein Algorithmus als eigentlicher Schöpfer hervortritt?

Schon möglich. Doch eine KI tut ja nichts von alleine, sondern setzt nur Befehle um. Je besser sie instruiert wird, desto genauer arbeitet sie. Ich muss ihr immer sagen, an dieser Stelle will ich dieses oder jenes. Auch dann haben wir es mit einem Text zu tun, den ein Autor aufgrund seiner Anweisungen entworfen hat.

Sie befürchten also nicht Ihre bevorstehende Abschaffung durch diese neuen Möglichkeiten?

Wie gesagt, man kann damit üben, wie man an Literaturinstituten schon immer geübt und trainiert hat. Tiefergehende Literatur entsteht jedoch nur aus dem biografischen Feld, in dem Schreibende leben, aus ihrer Herkunft, den Erfahrungen und eigenen Erlebnissen. Dieses komplex Individuelle ist nicht erfassbar. Literatur lebt von unseren Neurosen und Eigenheiten, davon, sich im Chaos zu verlieren und andere Welten kennen zu lernen. Das ist das absolute Gegenteil von den Schemata, mit denen uns eine KI beliefert.

Zur Person

Autor
Hanns-Josef Ortheil wurde 1951 in Köln geboren und lebt in Stuttgart. Er zählt zu den erfolgreichsten und vielseitigsten Autoren der deutschen Gegenwartsliteratur.

Lehre
2008 wurde Ortheil Gründungsdirektor des von ihm initiierten „Instituts für Literarisches Schreiben und Literaturwissenschaft“ in Hildesheim, aus dem viele bekannte Namen hervorgegangen sind.

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