Der CDU-Spitzenkandidat Manuel Hagel fordert im Wahlkampf eine neuen Landesuniversität für Künstliche Intelligenz. Sticht er damit in eine offene Flanke grüner Forschungspolitik?
Nein. Ich stimme Manuel Hagel zu, dass die angewandte KI von großer Bedeutung für Wissenschaft und Industrie in unserem Land ist. Weniger überzeugt mich aber die Idee, diese Technologie in der Struktur einer neuen Universität voranbringen zu wollen: Das ist viel zu langsam, zu unflexibel und gerade in der Startphase zu wenig international. Das Graduierten- und Forschungszentrum Connaix in Heilbronn, das wir gerade an den Start bringen und in dem die KI-starken Universitäten Tübingen, Stuttgart und Karlsruhe kooperieren, ist viel besser und schneller geeignet, hoch qualifizierte Nachwuchswissenschaftler in Chip Design, Cybersicherheit und Robotik auszubilden.
Wieso?
Eine Universität muss im Schwerpunkt auf die Lehre in Bachelor- und Masterstudiengängen abzielen. Auf dem Niveau haben wir aber mit mehr als 500 Professuren zu KI bereits genügend hochkarätige Kapazitäten im Land. Connaix setzt dagegen genau auf der Qualifikationsebene an, wo wir Nachholbedarf haben: bei der Promotion und danach.
Als 1966/1967 die Universitäten Konstanz und Ulm gegründet wurden, stand das für die technologischen Ambitionen des Landes. Was ist falsch daran, an diesem Ehrgeiz anzuknüpfen?
Damals war die Universitätsgründung gut für den Standort. Aber es ist ein Konzept der 1960er Jahre. Es gibt gute Gründe, wieso seither keine weitere Uni gegründet wurde.
Welche?
Eine Universität braucht Jahre für den Aufbau. Eine Spitzenreputation zu erlangen, dauert noch viel länger. Beim Thema angewandte KI brauchen wir aber schnelle Ergebnisse. Die bekommen wir durch die Kooperation bestehender Landesuniversitäten, weil sie ihr internationales Netzwerk aus dem Stand nutzen und sofort auf die Bedürfnisse der Wirtschaft reagieren können. Denn Unternehmen sind von der ersten Stunde an als Partner dabei. Das Land hat am Standort Heilbronn außerdem bereits jetzt eine Hochschule für Angewandte Wissenschaften und eine Duale Hochschule. Die Technische Universität München hat dort eine Außenstelle, die ETH Zürich wird eine eröffnen. Das sind lauter Puzzleteilchen, die gut in das bestehende Wissenschaftssystem passen. So müssen wir heute denken: in innovativen Ökosystemen.
Geld ist im Etat nicht absehbar vorhanden
Bayern denkt auch anders und hat 2021 die Technische Universität Nürnberg gegründet.
Die Gründung hat mehr als sieben Jahre gedauert, das Projekt ist sehr teuer und es gibt achtzig Prozent internationale Studierende, weil die Nachfrage nach Studienplätzen im eigenen Land schwächelt. Auch das ist ein Unterschied zu den 1960er Jahren: Damals drängten die Babyboomer an die Hochschulen. Jetzt stagniert die Zahl der Studierenden.
Würde eine neue KI-Universität die gewachsenen Fachbereiche in Heidelberg, Stuttgart, Ulm und Karlsruhe kannibalisieren?
Zwei Risiken sehe ich: Unsere Studienplatzkapazitäten reichen auch auf dem Feld der KI für die nächsten zehn bis zwanzig Jahre absehbar aus, um das Interesse der Schulabgänger und die Nachfrage der Unternehmen nach Fachkräften zu bedienen – selbst wenn wir mehr Studierende aus dem Ausland anwerben können. Wenn noch einmal ein paar hundert Studierende an eine neue Landesuni abwandern würden, fehlen sie anderswo – und die einschlägigen Studiengänge in Karlsruhe und Stuttgart sind schon jetzt nicht ausgelastet.
Was ist die zweite Gefahr?
Das Geld. Wenn wir vom beschlossenen Doppelhaushalt ausgehen, müssen bei einer Neugründung alle anderen Hochschulen Mittel abgeben. Wenn man sie nicht schwächen will, muss man zusätzliches Geld in die Hochschulen geben – und zwar viel Geld, das im Etat absehbar nicht vorhanden ist.
Wie klug ist die Spezialisierung auf KI?
Internationale Vergleiche belegen, dass Universitäten, die sich auf ein Feld fokussieren, nicht erfolgreich sind. Und gerade KI ist ein Querschnittsthema: Da brauchen wir das Know-how quer durch die universitären Disziplinen – von Technik über die Sozial-, Lebens- und Rechtswissenschaften bis hin zur Philosophie.
Fehlt am Innovationspark für Künstliche Intelligenz ein gemeinsames Dach, das alle Akteure zusammenbindet?
Am IPAI in Heilbronn arbeiten das Land und die Schwarz-Stiftung sehr gut zusammen. Aber naturgemäß sind es zwei Partner, deren Interessen sich nicht immer decken. Forschungspolitisch hätte die Landesregierung die Ansiedlung der TU München und der ETH-Zürich nicht vorangetrieben. Es war das Interesse der Schwarz-Stiftung, sie nach Heilbronn zu holen. Trotzdem kann die Zusammenarbeit mit unseren Hochschulen funktionieren – gerade mit dem Graduiertenzentrum, weil es für alle Partner Anknüpfungspunkte bietet.
Wie ist dort der Stand der Dinge?
Das Land baut dort eine echte Promotionsschule auf. Ein international hochkarätig besetzter wissenschaftlicher Beirat hat die Arbeit aufgenommen. Zum Start werden dort zehn Professoren sechzig Doktoranden und zwanzig junge Wissenschaftler betreuen. Im Vollbetrieb von 2029 an wird das Land jährlich 30 Millionen Euro investieren. Die Schwarz-Stiftung stellt die Räume; den Forschungsbetrieb und das Personal finanzieren wir. Das Projekt steht für weitere Partner offen. Ich erwarte, dass dort sehr viel Drittmittelforschung stattfinden wird und damit noch zahlreiche weitere Promovenden hinzukommen. Die Verfahren für die Berufung der Gründungsdirektoren laufen derzeit.
Zur Person
Privates
Petra Olschowski, Jahrgang 1965, ist in Stuttgart geboren und aufgewachsen. Hier hat sie eine Lehre als Einzelhandelskauffrau gemacht, Germanistik und Kunstgeschichte studiert. Danach hat sie als Redakteurin der „Stuttgarter Zeitung“ in Sport, Politik und Kultur gearbeitet, bevor sie erst Geschäftsführerin der Kunststiftung, dann Rektorin der Kunstakademie in Stuttgart wurde.
Politik
Der Wechsel in die Politik vollzog sich mit Petra Olschowskis Berufung zur Kunststaatssekretärin im Wissenschaftsministerium im Mai 2016. Danach wurde sie Mitglied der Grünen. 2021 zog sie als direkt gewählte Abgeordnete für den Wahlkreis Stuttgart 4 in den Landtag ein. Seit 28. September 2022 ist sie als Nachfolgerin von Theresia Bauer Wissenschaftsministerin. luß