KI im Online-Dating Besser flirten dank ChatGPT?

Kann KI in Zukunft für uns das Swipen übernehmen? Foto: imago/Pond5 Images/xdiy_13x

Tinder, Bumble, Hinge und Co. – wer heute neue Leute kennen lernen will, muss nicht einmal mehr das Haus verlassen. Doch was zunächst verlockend klingt, kann auf Dauer krank machen. KI soll uns nun das Online-Dating erleichtern.

Digital Desk: Katrin Maier-Sohn (kms)

Wenn wir unsere Eltern fragen, wie sie sich kennengelernt haben, dann erzählen sie vielleicht von einem Gartenfest bei Freunden und davon, wie sie sich nach drei Gläsern Bowle und zwei Bratwürsten tief in die Augen blickten und wussten: Das ist die Person, mit der ich alt werden, in ein Reihenhaus ziehen und zwei Kinder bekommen möchte. Oder sie erzählen eine Geschichte aus der Disco, als Papa Wolfgang zu schüchtern war die Frau an der Bar anzusprechen und seinen Freund Thomas vorschickte, um ihr seine Nummer zu geben. Mama Heike rief Wolfgang dann am nächsten Tag auf dem Festnetz an und der Rest ist Geschichte. Heute läuft das Kennenlernen oft anders ab. Laut der Studie „Singles in America“ von 2023 hatte ein Viertel aller Personen ihr letztes erstes Date mit jemandem, den sie online kennengelernt haben.

 

Laut der Verbraucherzentrale gibt es im deutschsprachigen Raum rund 2500 aktive Online-Dating-Portale. Wer heute neue Leute kennen lernen will, muss nicht einmal mehr das Haus verlassen. Doch was verlockend klingt, kann auf Dauer krank machen. Dass Online-Dating nicht zum passenden Partner, sondern zur Erschöpfung führt, hat einen Namen: Dating-Burn-out oder wie es im englischsprachigen Raum genannt wird „Dating-App-Fatigue.“ Zwölf Jahre nachdem Tinder das Swipen erfunden hat, fühlen sich viele Singles von Ghosting (plötzliches Abtauchen des Gegenüber), anzüglichen Nachrichten und der Jagd nach Matches erschöpft.

KI soll das Dating-Rad am Laufen halten

Sowohl Nutzer:innen als auch Plattform-Betreiber:innen hoffen nun auf die Hilfe von Künstlicher Intelligenz, um das Online-Flirten wieder erträglicher zu machen und das Dating-Rad am Laufen zu halten. „KI wird den Menschen helfen, bessere Kontakte zu knüpfen“, sagt AJ Balance, Chief Product Officer bei Grindr, im August 2024 gegenüber der Financial Times. „Es ist der Freund in der Bar, der dir hilft, jemanden um ein Date zu bitten – aber im virtuellen Kontext.“ Und auch Faye Iosotaluno, CEO von Tinder, sprach kürzlich auf der Vivatech-Konferenz in Paris über die Zukunft von KI im Dating-Bereich: „Ich denke, KI spielt eine enorme Rolle im Dating und wir beschäftigen uns viel damit.“

Nicht nur die Plattformen selbst, sondern auch die Nutzer:innen können KI einsetzen, um ihre Profile zu optimieren oder Aufgaben auszulagern. „Die wohl bekannteste KI-Anwendung hierfür ist ChatGPT. Diese kann ich nutzen, um Teile meiner Biografie verfassen zu lassen“, sagt Jens Vogelgesang von der Universität Hohenheim. „Soll ich mich zum Beispiel für das Profil in einem Satz selbst beschreiben, kann ich etwas formulieren und meine Antwort von ChatGPT überarbeiten und verbessern lassen.“ Wie gut das Ergebnis der KI ist, hänge vom Prompt Engineering ab, erklärt der Professor für Kommunikationswissenschaft. Dies bedeute, je präziser die Aufforderung an die KI formuliert sei, desto wahrscheinlicher sei es, dass man mit der Antwort zufrieden ist.

Wir fragen ChatGPT um Rat

Hier ein Beispiel: Zunächst bitten wir ChatGPT lediglich darum „eine erste Nachricht fürs Online-Dating“ zu schreiben und bekommen folgenden Vorschlag: „Hey, ich bin gerade über dein Profil gestolpert und musste einfach mal schreiben. Du scheinst eine interessante Mischung aus [Hobby/Interesse aus dem Profil] und [anderes Hobby/Interesse] zu haben – das finde ich echt spannend! Was machst du am liebsten, wenn du mal richtig abschalten willst? Freu mich, von dir zu hören!“ Geben wir einen detaillierteren Auftrag und fragen nach einer „Tinder-Nachricht für einen 29-jährigen sportlichen Mann aus Stuttgart“ erhalten wir folgenden Vorschlag: „Hey! Ich sehe, du bist sportlich unterwegs – was sind denn deine liebsten Aktivitäten? Ich bin auch gern aktiv und immer auf der Suche nach neuen Herausforderungen. Vielleicht könnten wir ja mal zusammen etwas unternehmen, wie eine Runde Laufen oder ein bisschen Klettern? Freue mich, von dir zu hören!“ Inklusive passender Kletter-Emojis, die wir hier nicht abbilden können. In beiden Fällen handelt es sich sicher um keine schlechten Gesprächseinstiege, wobei der detaillierter formulierte Prompt zu einer weitaus persönlicheren Nachricht führte.

„Man muss sich fragen was für eine Art von Partnerschaft man führen will“

Künstliche Intelligenz kann nicht nur beim Texten helfen. „Nutzer:innen können KI auch dazu einsetzen, um ihre Bilder zu bearbeiten“, erklärt Vogelgesang. „Das fängt bei einer rein technischen Bildbearbeitung mit Kontrast, Belichtung etc. an. Ich kann einer KI aber auch mehrere Fotos von mir zeigen und sie darum bitten, die drei besten Bilder für mein Profil auszuwählen.“ Dieses Tool bietet neuerdings auch Tinder an, wie uns eine Sprecherin mitteilte. „Tinder hat kürzlich eine neue KI-gestützte Funktion namens Photo Selector eingeführt, um den Nutzer:innen die Auswahl ihrer besten Profilbilder zu erleichtern. Dieses Tool analysiert die Fotogalerie und schlägt die effektivsten Bilder vor, die auf dem Profil angezeigt werden sollen.“

Und in Zukunft könnte noch viel mehr möglich sein. „Eine mögliche Zukunftsvision hat die Gründerin von Bumble, Whitney Wolfe Herd, skizziert. Sie sprach von sogenannten KI-Dating-Concierges“, berichtet Vogelgesang, der insbesondere im Bereich Medien- und Nutzungsforschung tätig ist. Demnach könnte es in naher Zukunft einen Bot geben, der im Namen des Nutzers oder der Nutzerin mit Bots anderer Nutzer:innen chattet und prüft, ob die beiden User:innen kompatibel sind. Erst einmal würden quasi die Assistenten miteinander schreiben, bevor dann die Chefs miteinander kommunizieren. „Bevor man solche Systeme nutzt, muss man sich allerdings fragen, was für eine Art von Partnerschaft man führen will“, merkt Jens Vogelgesang an. „Wenn ich meinem Concierge sage, ich will eine Partnerin, die auch Musik der 80er gut findet und Serien aus den 90ern, dann habe ich zwar Gemeinsamkeiten aber auch eine Partnerin, die mir sehr ähnlich ist. Wenn ich nur noch nach gleichen Interessen suche, dann werde ich keine Partnerin finden, die mir auch mal etwas Neues zeigt.“

Anmachsprüche vom Bot

Auch heute schon sind Apps auf dem Markt, die ganz ähnlich wie die Zukunftsvisionen der Bumble-Gründerin funktionieren. So schrieb das Magazin Fluter bereits 2023 über die App CupidBot, die mithilfe von KI das Flirten übernehmen will. Das Versprechen des Start-ups: Die KI sucht passende Gesprächspartner:innen auf Datingplattformen wie Tinder, Bumble oder Hinge aus, indem sie im Sinne ihrer Nutzer:innen den Wischmechanismus nach links (nein) oder rechts (ja) auslöst. Den Machern wurde Rassismus und Bodyshaming vorgeworfen, da unter anderem nach Gewicht und Ethnien gefiltert werden kann. Im deutschen Apple-App-Store ist CupidBot aktuell nicht auffindbar. Dafür zum Beispiel die App Rizz, die sich selbst „the app everyone is secretly using“ beschreibt und unter anderem Dating-Ratschläge und Anmachsprüche verteilt. Bei der App Blush hingegen handelt es sich um einen KI-Chatbot, der einem das Flirten beibringen soll. Die KI emuliert echte Dating-Apps wie Tinder und Bumble mit einer Swipe-Oberfläche mit dem Unterschied, dass hinter den Profilen keine realen Menschen, sondern Bots stecken.

Nicht alle Menschen, die Dating-Apps nutzen, befürworten diese Entwicklungen. Wir haben unsere Stadtkind-Instagram-Follower:innen gefragt, ob sie es gut finden, dass KI zur Partnersuche verwendet wird. Von 93 Personen sagten nur elf (12 Prozent) ja, die anderen 82 (88 Prozent) gaben an, dass ihnen diese Entwicklung Angst mache. Zu ähnlichen Ergebnissen kam die „Singles in America“-Studie, die 5035 US-Singles zwischen 18 und 77 befragte. Hier zeigten sich nur 27 Prozent der Online-Dater optimistisch in Bezug auf den Einsatz von KI.

Fake-Profile kaum zu erkennen

Ob Befürworter oder Gegner – letztendlich sei es für die Nutzer:innen fast unmöglich zu erkennen, ob das Gegenüber sein Profil oder seine Nachrichten mithilfe von KI optimiert, sagt Vogelgesang. „Fake-Profile kann man manchmal daran erkennen, dass die Chat-Nachrichten sehr kurz sind oder nur die Pflichtfelder im Profil ausgefüllt wurden.“ Die besseren Technologien hätten aber die Plattformen selbst. „Sie scannen die Profile auf Fake-Accounts hin.“ Eine Sprecherin der Plattform Bumble sagt uns auf Nachfrage: „Wir untersagen jegliche Versuche, Matches, Gespräche oder Interaktionen künstlich oder mit Fehlinformationen zu beeinflussen. Seit Juni 2024 können Bumble-Mitglieder Profile melden, die KI-generierte Fotos oder Videos verwenden. Unsere Moderationsteams können außerdem die Accounts jener Mitglieder sperren, die gegen unsere Community-Richtlinien verstoßen.“

Doch was bedeutet diese extreme Selbstoptimierung, die durch KI im Online-Dating ermöglicht wird, für unser Datingleben und zwischenmenschliche Beziehungen? Wollen wir in einer digitalen Welt leben, in der wir uns nirgends mehr sicher sein können, ob wir es mit einem Menschen oder einer Maschine zu tun haben?

„Einen Korb kann man trotzdem noch bekommen“

„Zunächst ist die Entwicklung dahin, dass wir beim Online-Dating Technologien verwenden, um uns selbst besser darzustellen, nicht ungewöhnlich“, meint Vogelgesang. „Wenn wir im realen Leben auf ein Date gehen, ziehen wir uns ja auch etwas Schönes an, machen uns die Haare und so weiter. Das sind erst einmal die gleichen Vorgehensweisen.“ Es sei aber ein Irrglaube, dass wir so online schneller eine Partnerin oder einen Partner finden würden. Denn letztendlich folge ja immer ein Treffen im echten Leben. Einerseits werde es also dank KI einfacher, Online-Dating-Profile aufzusetzen, sich Profile anzuschauen und mit anderen Personen zu schreiben. Die Gefahr „einen Korb zu bekommen“ bestehe aber weiterhin. „Und wenn ich direkt jemanden im Café oder Club treffe, interessant finde und anspreche, erhalte ich viel mehr Eindrücke als online. Ich habe dann eine ganzheitliche Wahrnehmung der Person, höre zum Beispiel auch die Stimme, sehe die Mimik und Gestik.“

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