Im Wettbewerb um den Innovationspark des Landes zog Stuttgart den Kürzeren. An der Universität in Vaihingen sieht man trotzdem Chancen für eine Führungsrolle in Sachen Künstlichen Intelligenz.

Stuttgart-Vaihingen - Ende Juli 2021 gab die Landesregierung die Standortentscheidung für den geplanten Innovationspark Künstliche Intelligenz (KI) in Baden-Württemberg bekannt. Der Wettbewerbssieger: Heilbronn. Die Stadt hat sich damit auch gegenüber der gemeinsamen Bewerbung von Stuttgart, Karlsruhe und der Region Neckar-Alb durchgesetzt.

Ein Dämpfer sei das auf alle Fälle, räumt Peter Middendorf, Prorektor für Wissens- und Technologietransfer an der Universität Stuttgart, ein. Er betont aber gleichzeitig, es gebe keinen Anlass, den Kopf hängen zu lassen. „Wenn ich an Vorzeigeprojekte wie das Cyber Valley denke, die wir bereits haben, gibt es keinen Grund, an der Strahlkraft des Standorts Stuttgart für KI zu zweifeln“, sagt Middendorf.

Stärkstes Netzwerk in Europa

Das Forschungs-Konsortium sei „das stärkste Netzwerk Europas in Sachen künstliche Intelligenz“. Beteiligt sind neben der Universität Stuttgart die Universität Tübingen, das Max-Planck-Institut für Intelligente Systeme, das Land Baden-Württemberg, die Fraunhofer-Gesellschaft und sieben Industriepartner.

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Der gebürtige Oldenburger, der seit 2012 Direktor des Instituts für Flugzeugbau an der Universität Stuttgart ist, sieht zwar eine „gewisse Überlappung“ zwischen dem Konzept des Innovationsparks und dem Cyber Valley, aber auch deutliche Unterschiede. „Ein solches Projekt ist von der Idee her nicht Teil der Grundlagenforschung, die wir betreiben“, hält er fest.

Ethische Fragestellungen werden hier behandelt

Hinzu kommen besondere Forschungsbereiche. So hat die Uni das „Interchange Forum for Reflecting on Intelligent Systems“ (IRIS) gegründet, wo ethische Fragestellungen im Zusammenhang mit KI untersucht werden. Ein wichtiger Faktor, wo es um die Akzeptanz der Technologie in der Gesellschaft geht: „Das fängt schon beim autonomen Fahren an, wenn festgelegt werden muss, wann ein Fahrzeug bremsen soll und wann nicht“, nennt Middendorf ein Beispiel. „Die Entwicklungen auf diesem Gebiet berühren immer wieder Grenzen, an denen es wichtig wird, zu schauen, wo die ethischen Leitplanken verlaufen.“

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Natürlich wäre der Anteil der Fördermittel, die bei einem Wettbewerbssieg nach Stuttgart geflossen wären, willkommen gewesen. Vom zusätzlichen Renommee ganz zu schweigen. Aber auch jetzt sieht der Prorektor gute Gründe, an der Idee eines Projekts à la Innovationspark für Stuttgart festzuhalten: Dort könnten große Unternehmen wie Bosch, die sich bereits mit KI befassen, und kleinere oder mittelständische Unternehmen zusammentreffen, erklärt er.

Damit die Menschen KI besser verstehen

Letztere seien für Baden-Württemberg ein wichtiger Innovations- und Beschäftigungsmotor: In Reallaboren seien Pilotanwendungen mit niederschwelligem Zugang denkbar. Die Gründung von Start-ups ließe sich in diesem Rahmen ebenfalls weiter fördern.

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„KI ist ein Thema, das mit Sicherheit in viele weitere Bereiche vordringen wird“, ist sich Middendorf sicher. „Daher ist es wichtig, zu schauen, wie wir den Transfer von der Forschung hin zur Anwendung und in die Gesellschaft hinein vollziehen.“ Die Menschen sollten besser verstehen, was Künstliche Intelligenz bedeutet, sagt er. Für solche Ansätze sei ein Innovationspark ein tolles Instrument. Die ohnehin transferstarke Uni Stuttgart könnte dabei eine wichtige Rolle übernehmen.

Trotzdem ein Innovationspark in Stuttgart?

Ein springender Punkt bei der Entscheidung für Heilbronn könnte der kompaktere Standort gewesen sein, vermutet der Universitätsprofessor: „Anstelle eines großen, zusammenhängenden Areals präsentierte die hiesige Bewerbung aber ein dezentrales Konzept gemeinsam mit Tübingen, Karlsruhe und Reutlingen.“ Künftig könnte sich die Vernetzung verschiedener Standorte als vorteilhaft erweisen.

Die Zukunft des Projekts Innovationspark sieht er dabei in Stuttgart. Im Synergiepark in Stuttgart-Vaihingen, wie bereits angedacht? Es sei der falsche Zeitpunkt, um Aussagen über ein Areal zu treffen, schickt Peter Middendorf voraus, unterstreicht dann aber, dass Vaihingen mit der räumlichen Nähe zur Universität und zu wichtigen Unternehmen sehr günstig liege.

Man sei mit Politik und Wirtschaft im Gespräch, um Möglichkeiten zu eruieren. Das klingt zuversichtlich. Auch Middendorfs Resümee klingt keineswegs resigniert: „Der Wettbewerb war gut, richtig und wichtig. Die Entscheidung für Heilbronn heißt aber sicher nicht, dass wir das Thema KI vernachlässigen werden.“