KI gehört auch in Schulen im Kreis Böblingen zum Alltag. Foto: Soeren Stache/dpa
KI-Apps wie ChatGPT sind unter Schülern im Kreis Böblingen täglich Brot. Was bedeutet das für die Benotung von Schülerleistungen? Steht hier ein großer Umbruch an?
Hausaufgaben von Klassenkameraden abschreiben, den Vater die Mathe-Aufgaben lösen lassen oder im Ärmel einen Spickzettel platzieren – für Generationen von Schülern gab es unterschiedliche Methoden, die eigene Leistung unerlaubterweise aufzubessern. Im heutigen digitalen Zeitalter aber können sich Schülerinnen und Schüler diesen Aufwand sparen – gibt es doch das Internet und Künstliche Intelligenz. In Sekundenschnelle sind Fragen, die man sich sonst mühevoll selbst erarbeiten musste, beantwortet.
Im Goldberg-Gymnasium blickt man positiv auf die Tools
Was bedeutet das Vorhandensein von Künstlicher Intelligenz für den Schulalltag heute? Veronika Knüppel, Schulleiterin des Goldberg-Gymnasiums in Sindelfingen, zeigt zunächst die positiven Seiten auf: „KI-Nutzung ist wie so vieles für uns Schulen ein ‚doppelschneidiges Schwert’. Wir sehen darin große Vorteile, weil die KI Schüler dabei unterstützen kann, zuhause selbstständig ihren Lernprozess unterstützen und begleiten zu lassen.“ Gerade für Schüler, deren Eltern nicht einfach unterstützen können, biete sich viel Potenzial. Dabei verweist Knüppel auch auf das in Deutschland noch immer vorherrschende Problem, dass soziale Herkunft weiter am meisten Einfluss über den Bildungserfolg hat: „KI kann zu einer größeren Chancengerechtigkeit beitragen.“
Veronika Knüppel, Schulleiterin des Sindelfinger Goldberg-Gymnasiums. Foto: Roger Bürke/Eibner Pressefotos
Die Sindelfinger Schulleiterin kann sich konkrete Situationen im Unterricht vorstellen, in denen KI nützlich sei: „Zum Beispiel können sich Schüler von der KI trainieren lassen, eine gute Erörterung zu schreiben, ihre Französisch-Vokabeln sicher zu lernen oder einen Rechenweg korrekt zu gehen.“ KI diene hier als praktischer Lernassistent. Auch dass solche digitalen Systeme Informationen übersichtlich und strukturiert wiedergeben, helfe Schülern beim Lernen, erklärt Knüppel. Das Kultusministerium des Landes weist nach einer Anfrage zum Einsatz von KI in Schulen auf eine Neuerung hin: „Wir führen daher ab diesem Schuljahr das Fach Informatik und Medienbildung ab Klasse 5 an allen Schularten ein.“ Der Bildungsplan, der schrittweise aufgebaut wird, werde auch die Vor- und Nachteile von Künstlicher Intelligenz thematisieren.
Das Problem des Abschreibens bleibt
Denn trotz der Selbstverständlichkeit von KI im Alltag junger Menschen gibt es auch Nachteile. Gerade im Hinblick auf den stark verankerten Bewertungscharakter von Schulen stehen diese vor Herausforderungen. „Schüler nutzen KI schon länger, um Leistungen vorzutäuschen, die nicht von ihnen stammen, und sich Hausaufgaben und Klassenarbeiten durch KI lösen zu lassen“, sagt Knüppel. Abgesehen davon, dass eine Note dann nicht mehr Ergebnis einer ehrlichen Schülerleistung ist, hätten Schüler dadurch auch keinerlei Lernerfolg, betont die Rektorin: „KI bremst dann eher in ihrem Vorankommen, weil sie nichts oder weniger lernen, wenn sie sich den Aufsatz auf Französisch von der KI schreiben lassen.“
Wie lässt sich jetzt und in der Zukunft sicherstellen, dass die Arbeit wirklich aus der Feder eines Schülers stammt? Veronika Knüppel sagt: „Benotete Leistungen müssen in Präsenz erbracht werden und nicht zuhause. Das Benoten von Hausarbeiten ist schon immer ein Problem, weil einige Eltern zuhause mithelfen. Jetzt gibt es noch die KI, die zum Täuschen einlädt.“ Wenn zukünftig hauptsächlich im Klassenzimmer geprüft werde, verringere sich zumindest die Gefahr einer unauthentischen Schülerleistung. „Ganz ausschließen können wir Täuschen dennoch nicht“, sagt die Schulleiterin offen.
Noten zukünftig nur noch in Präsenz
Die Lehrergewerkschaft GEW deutet nach einer Anfrage an, dass das System von Lernen, Prüfen und Benoten, wie es seit Jahrzehnten gang und gäbe ist, vor einer Revolution steht: „In Zeiten von KI sind die bisherigen Formate nicht mehr zeitgemäß. Insgesamt müssen daher Fähigkeiten wie Kreativität, kritisches Denken, Kommunikation und Kooperation im Vordergrund stehen.“
Denn eines sei klar, so die GEW: „KI prägt bereits jetzt unsere Gesellschaft und wird unsere Arbeits- und Lebenswelt stark beeinflussen. Daher ist es wichtig, Kinder und Jugendliche auf den Umgang mit dieser Technologie vorzubereiten.“ Auch Veronika Knüppel ist klar: „Unser Ziel ist also der mündige KI-Nutzer und die mündige KI-Nutzerin, der/die die KI gekonnt für sinnvolle Zwecke einsetzt.“
KI in Schulen
Neuerung Ab diesem Schuljahr wird ab Klasse 5 an allen Schulen das Fach „Informatik und Medienbildung“ eingeführt. Auch die Nutzung von KI soll darin eine Rolle spielen. Einen festen Bildungsplan gibt es allerdings noch nicht.
KI-Apps Neben dem bekannten Sprachtool „ChatGPT“ der amerikanischen Firma OpenAI wird in Baden-Württemberger Behörden, darunter auch Schulen, vor allem das KI-Programm „F13“ genutzt. In Heilbronn steht das KI Zentrum Schule, das Einrichtungen auf dem Weg der Digitalisierung begleitet.