KI und das Ende des Lesens Wie wir durch Künstliche Intelligenz das Denken verlernen

Bilder auf Bildschirmen statt Buchstaben in Texten – die digitale Welt fördert das Denken nicht. Foto: KI/Midjourney/Montage: Björn Locke

Bilder statt Texte, Künstliche Intelligenz statt menschlicher Denkleistung. Statt kritischer Reflexion pflegen wir lieber Meinungen und arrogante Selbstüberschätzung.

Stadtentwicklung & Infrastruktur: Andreas Geldner (age)

Wie war sie eigentlich, die Welt vor der Aufklärung? Wer ein Gespür dafür bekommen will, braucht nur eines der prächtigen Kirchenportale an romanischen oder gotischen Kirchen betrachten. Die Welt fügt sich dort zu einfachen Bildern und Geschichten. Gut und Böse, oben und unten, Engel und Teufel, Bauern und Bischöfe. Die Wirklichkeit war das, was man gezeigt und erzählt bekam, und was die Sinne zu erfassen vermochten.

 

So unterschiedlich Mittelalter und Gegenwart auch sind, so ist doch unübersehbar, dass die moderne Digitalwelt uralte Wahrnehmungsmuster nutzt. Aufmerksamkeitsökonomie heißt vornehm die Tatsache, dass Videos und Social-Media-Posts nun wieder Bauch und Instinkt ansprechen – nicht das Gehirn. Unser Bild von der Welt entsteht hier nicht über abstrakte Texte, sondern über konkrete Bilder und gesprochene Sprache, direkt und unreflektiert.

Die Schriftkultur erodiert

Lesen und Schreiben sind hingegen eine hart erarbeitete Kulturtechnik. Nach der Erfindung des Buchdrucks wurde dieses Werkzeug des Denkens im Laufe der Jahrhunderte immer mehr Menschen zugänglich. „Dass die Sprache nicht von Mund zu Mund übertragen werden musste, sondern sich darüber hinaus, allgemein verständlich, als lesbares Wort für alle darstellen ließ – das kam einem evolutionären Schub in der Menschheitsgeschichte gleich“, sagt der österreichische Philosoph Peter Strasser.

Texte fordern das eigene Denken heraus. Digitale Kommunikation dagegen ist unmittelbar. In einem Video oder einem Social-Media-Post werden Informationen wieder zu einer Art von Hörensagen.

KI wird wie der liebe Gott des Mittelalters

Etwas Entscheidendes ist aber hinzugekommen. Dank Künstlicher Intelligenz (KI) lässt sich das Denken nun outsourcen. KI wird wie der liebe Gott des Mittelalters: Man versteht nicht, wie ihre unerforschliche Weisheit entsteht, aber sie hat auf alles eine Antwort. Bilderfixierung plus KI – für unsere Denkfähigkeit ist das eine toxische Kombination. Aktuell rollen wir so ein halbes Jahrtausend an Kulturentwicklung zurück. Radio und Fernsehen, auch anfangs das Internet, konnten die Schriftkultur nicht aushebeln. Nun ist diese bedroht wie nie.

Eine OECD-Studie aus dem Jahr 2024 stellte fest, dass die Lesefähigkeit von Erwachsenen in 31 untersuchten Ländern stetig abgenommen hat. In Deutschland kann ein Fünftel der Erwachsenen Texte nur noch schwer erfassen. Das IT-Magazin SQ fasst aktuelle Studien zur Aufmerksamkeitsspanne so zusammen: 1,7 Sekunden verbringen Internetnutzer im Schnitt damit, um zu entscheiden, ob sie ein Text interessiert. Die optimale Länge von Tiktok-Videos liegt bei 15 Sekunden. Nur ein Drittel der Nutzer von Instagram Reels hält länger als zehn Sekunden durch. Doch Denken kann man nicht im Sekundentakt.

Dummheit verkauft sich besser

Die Menschen sind heute biologisch nicht dümmer als früher. Sie sind auf gewisse Weise informierter denn je. Aber da das moderne, kapitalistische Kommunikationsgeschäft meist keinen höheren Anspruch außer der Monetarisierung hat, sind Emotionen, Reflexe, Zerstreuung und Bauchgefühl das Geschäftsmodell, nicht geistige Anregung. Und das verändert unser Verständnis von Realität. Wir ertrinken in Daten und Reizen – und werden nicht schlauer.

Künstliche Intelligenz ist dafür kein Ausweg. Sie imitiere nur die äußeren Formen der menschlichen Sprache, schreiben die Autoren Andrew und Spencer Klaven in der „Washington Post“. Der KI fehle ein multidimensionales Verständnis der Welt: „Sie ist nicht in der Lage, die subjektiven Gedanken und Erfahrungen hinter diesen Worten zu erfassen.“ Eine Studie der Cornell Universität in Ithaca, New York, die untersuchte, ob KI zu wissenschaftlichem Denken fähig sei, kam zum Ergebnis, dass diese Mühe habe, Hypothesen zu korrigieren, wenn Fakten diesen widersprechen. Sie verwechsele Korrelation mit Kausalität oder halluziniere Erklärungen, wenn Beweise scheiterten.

Menschliches Denken werde gleichzeitig zur Luxusware, schreibt die britische Journalistin Mary Harrington in der „New York Times“: „In einer Kultur, die überschwemmt wird mit immer zugänglicheren und fesselnderen Formen der Unterhaltung, wird die Fähigkeit, lange und komplexe Texte zu verstehen, immer mehr eine Domäne von gesellschaftlich elitären Subkulturen.“ Gerade Eltern im Silicon Valley versuchten, ihre eigenen Kinder von dieser Welt fernzuhalten. Für die Masse gebe es hingegen Fast-Food-Information, was soziale Ungleichheit und die Polarisierung der Gesellschaft befeuere.

Eine intellektuelle Revolution – diesmal rückwärts

Für David Bell, Historiker an der US-Universität Princeton, läutet die KI eine geistige Revolution ein. Nur in umgekehrter Richtung wie die Aufklärung – hin zur Unmündigkeit. Die Interaktion mit KI funktioniere ganz anders als die mit einem Buch. Ein Leser müsse einem Text folgen. „Wenn wir andererseits mit der KI interagieren“, schreibt Bell in der New York Times, „dann sind wir Treiber der Konversation: Wir suchen allzu oft nach Antworten, die nur das verstärken, was wir bereits zu wissen glauben.“

Die großen KI-Sprachmodelle haben aus dem Internet auch jeden Gedanken-Müll der Menschheit akkumuliert - und füttern sich nun mit KI-Geblubber gegenseitig. Die US-Marketingfirma Graphite Growth, die Suchmaschinen und KI-Funktionen optimiert, hat berechnet, dass aktuell mehr als die Hälfte aller Inhalte im Internet von Maschinen generiert werden. Ende 2022 waren es weniger als zehn Prozent.

Das I in der KI ist ein Werbetrick

Der Schlüssel zum Denken ist aber die Fähigkeit, nicht nur zu reproduzieren, sondern neue Ideen hervorzubringen, sie zu überprüfen und zu verbessern. Es ist die nicht nur intellektuelle, sondern auch seelische Fähigkeit, Bedeutungen und Sinnzusammenhänge zu erfassen und herzustellen. Was immer Künstliche Intelligenz genau tut, deren exakte Funktionsweise selbst ihre Entwickler nicht durchschauen - echtes Denken ist es nicht. KI hat viele sinnvolle Anwendungen. Doch das I im Kürzel ist ein Marketingtrick.

Wie die KI zu ihren Ergebnissen kommt, ist anders als bei Links im Internet nicht nachvollziehbar. Frage, Textfeld, Antwort - ein Vorgang, im jahrzehntelangen Gebrauch von Internet-Suchmaschinen eingeübt, funktioniere bei der KI anders, sagt der in Berliner Medienphilosoph Roberto Simanowski in seinem Buch „Sprachmaschinen“. Dieser Prozess wandele sich vom Suchen mit all seinen Irrtümern, Eingebungen und Umwegen zum Abrufen fertiger Antworten. Künstliche Intelligenz wird so zum Mittel, künstlich Intelligenz zu simulieren.

Dank Künstlicher Intelligenz (KI) lässt sich das Denken outsourcen. Foto: Robert Michael/dpa

„I did my own research“ - „ich habe selber nachgeforscht“ - das war der Slogan der Corona-Leugner. Der Amerikanist Michael Butter, Experte für Verschwörungstheorien, umreißt das so entstehende Weltbild: „Nichts geschieht durch Zufall, alles wurde geplant, nichts ist, wie es scheint, und alles ist miteinander verbunden“. Und das ist das Ende des analytischen und rationalen Denkens. Laut dem Meinungsforschungsinstitut Ipsos verließen sich 2024 in Deutschland und den USA heute jeweils fast 40 Prozent der Menschen lieber auf gefühlte Wahrheiten als auf die Wissenschaft. Der Philosoph Theodor W. Adorno hat formuliert, wie verführerisch es ist, Denken durch die bloße Meinung zu ersetzen: „Sie bietet Erklärungen an, durch die man die widerspruchsvolle Wirklichkeit widerspruchslos ordnen kann, ohne sich groß anzustrengen.“

Verklärung des Nicht-Wissens

Der Schweizer Psychiater Ingo Butzke beschreibt die Folgen: „Hier tritt eine eigentümliche Form von Bigotterie hervor: die Verklärung des Nicht-Wissens. Dummheit wird zur Tugend, die Regression zur neuen Ethik. Man verachtet die Eliten der Vernunft, geißelt den Expertenrat als Anmaßung und erklärt die eigene Unwissenheit zur unbestechlichen Reinheit des Geistes.“ Die größten Dummheiten werden so zu unterdrückten Wahrheiten. Wir kehren zurück in kindliche Allmachtsfantasie, die den Schmerz der Realität durch trotziges „Nein“ abwehrt.

Das Stichwort Infantilisierung erklärt viel vom aktuellen gesellschaftlichen Klima. So manche über „die Politik“ schimpfende Wähler verhalten sich wie Kinder: Sie wollen sich die Welt wie Pippi Langstrumpf machen, wie sie ihnen gefällt. Wenn aber die Fähigkeit zum Denken abhanden kommt, wackelt die Demokratie. „Können Menschen, die nicht mehr in der Lage sind, komplexe Prosa zu entziffern, überhaupt noch komplexe politische Ideen verstehen?“, fragt der konservative US-Publizist George Will.

Populisten ersparen das Denken

Du musst die richtigen Geschichten erzählen, heißt es heute für Politiker. Doch es sind die Populisten, die wie einst die Kirchenportale griffige Stories und einfache Bilder präsentieren: Wir gegen die anderen, Feinde und Freunde, Migranten gegen Einheimische, das gute Volk gegen böse Eliten. Gipfel dieser schlichten Erzählungen ist der Führerkult. Auch die Ablehnung des Impfens oder die Leugnung des Klimawandels fußen auf simplen Stories. Wissenschaftler und Experten können ihre Erkenntnisse aber nicht in TikTok-Videos packen. Es braucht Kontext und Abstraktion. Bei der Frage, ob Impfen gefährlich ist oder der Klimawandel stattfindet, sind Statistiken und Wahrscheinlichkeiten entscheidend – nicht Anekdoten.

Die Realität ist eben mehr als eine Erzählung. Denken folgt logischen, nachvollziehbaren, faktenbasierten Regeln. Es ist weder links noch rechts. Man kann progressiv denken oder konservativ. Allein selig machende Antworten gibt es nicht. Wer denkend und nicht meinend seine Weltanschauung formt, sieht Nuancen. Denkfähigkeit ist nicht identisch mit Intelligenz. Es sind gerade intelligente Menschen, die von Verschwörungstheorien angezogen werden, weil diese glauben, sie seien schlauer als andere. 

Denkfaulheit in einer komplexen Welt

Gerade in der Verbindung mit der geistigen Reduktion auf Bilder und Erzählungen ist KI für die Zukunft des Denkens so gefährlich. Weniger die Technologie ist das Problem, sondern der Umgang mit ihr. Die Selbstüberschätzung, die Menschen aus ihrer banalen Fähigkeit beziehen, vorgekaute Antworten aus einer Chatbox zu ziehen, ist erschreckend. Künstliche Intelligenz ist zudem darauf trainiert, unsere Eitelkeit zu kitzeln. Lobhudelei sei eines ihrer kritischen Defizite, sagt eine Studie der Universitäten Stanford, Pittsburgh und Oxford, denn diese könne schädliche Überzeugungen der Nutzer verstärken. Immer deutlicher wird auch: In ihrer jetzigen Form werden KI-Sprachmodelle nie ganz zuverlässig sein, egal wie viel Rechenleistung man in sie hineinsteckt.

KI fordert von uns also, selber zu denken, um ihre Grenzen zu erkennen. Doch wir absorbieren lieber deren mundgerechte Wahrheiten. Eine komplexe Welt lässt sich so nicht verstehen. Das ist gefährlich. Wir sind noch nicht so weit wie in der Zeit vor dem Buchdruck, als der Zugang zur Schrift die Sache einer winzigen Elite war. Denken wird aber immer mehr ein bewusst gewählter Akt. Dafür müssen wir bequeme Werkzeuge wie den Daddelbildschirm des Smartphones und die KI auch einmal zur Seite legen.

Denken als Rebellion

Denken kostet Kraft. Die Menschen im Mittelalter haben dies immerhin begriffen. Das Wort kommt von althochdeutsch „thenken“, also „geistig arbeiten“. Und der Philosoph Immanuel Kant hat 1784 das Wesen der Aufklärung so definiert:„Sapere Aude“ - „habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen“. Das Wort „eigen“ heißt hier nicht „eigenwillig“, sondern aus eigener Anstrengung. Heutzutage wolle man mit dem Helikopter gleich auf den Gipfel der Gewissheit, so hat es der Kunstwissenschaftler Jörg Scheller in unserer Zeitung formuliert: „Ohne die anstrengende Wanderung und die Erfahrungen, die man auf dem Weg macht, bleibt das Gesehene abstrakt, ohne Detailtiefe, entrückt aus dem Horizont menschlicher Erfahrung.“ Solche Geistesarbeit ist heute fast ein Akt der Rebellion. Aber Denken bleibt der einzige Weg zur Freiheit.

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