Sie kommen aus vielen verschiedenen Ländern, den Spaß am Fußball haben sie gemein: immer dienstags kicken junge Flüchtlinge in der Halle des Ebelu im Stuttgarter Westen.

S-West - Der Fuß von Fabian Schönleber ist auf dem Ball. „Kann ich den haben?“, fragt Mustafa ungeduldig und versucht ein überzeugendes Grinsen. „Erst baut ihr die Tore auf“, antwortet der Sportlehrer. „Die bauen auf, und ich kann ja schon mal spielen“, versucht es der 17-Jährige Syrer im Bayern-Trikot. Vergebens. Auch er muss warten, bis Khaled, Ismail, Atta und die anderen die Fußballtore aufgestellt haben. Dann – endlich – geht es los.

So oder so ähnlich fängt wohl fast jedes Fußballtraining an: mit ungeduldigen Jungs und geduldigen Trainern. Doch hier, immer dienstags um 18.45 Uhr in der Sporthalle des Friedrich-Eugen-Gymnasiums (FEG), ist etwas anders: Es spielen bunt zusammengewürfelt junge Flüchtlinge aus vielen verschiedenen Ländern – und können ihre Sorgen, Probleme oder das Heimweh für eineinhalb Stunden vergessen.

Jungs aus Marokko, Afghanistan oder Eritrea

Wie etwa Khaled Alosman. Vor sieben Monaten ist der 15-Jährige aus Syrien in Deutschland angekommen. Allein, ohne Mutter oder Vater. Ins Gesicht geschrieben ist ihm das allerdings nicht. Fröhlich spielt er mit den anderen Jungs aus Marokko, Afghanistan oder Eritrea. Schnappt sich den Ball, kickt ihn nach vorn, spielt ab – und jubelt über das Tor seines Mitspielers aus Albanien. „Ich habe auch in Syrien in zwei Mannschaften gespielt“, erzählt Khaled in passablem Deutsch. Warum er zum Flüchtlingskick ins FEG kommt? „Weil ich gerne Fußball spiele“, sagt er und lächelt. Seine Leidenschaft geht inzwischen so weit, dass er in der B-Jugend des SSC Stuttgart spielt.

Leidenschaft bringt auch sein Kumpel Mustafa Ahmad mit. Die beiden kennen sich aus dem Kernerheim, der Erstanlaufstelle für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge. Der 17-jährige Syrer wohnt inzwischen allerdings in Böblingen in einer WG – und kommt trotzdem jede Woche nach Stuttgart zum Kicken.

Froh, in Deutschland zu sein

So weit hat es Atta Toryalai nicht. Er muss nur von der Forststraße, wo er seit drei Monaten wohnt, ums Eck zur Sporthalle des FEG finden – und schon kann es losgehen. Toryalai sticht ein wenig aus dem Haufen von Jungs heraus. Er sieht älter aus und spricht zunächst kein Wort. Dann kommt er selbst auf die Bank und fängt an zu erzählen: „Ich bin 28 Jahre alt und zum dritten Mal hier dabei“, sagt er höflich auf Englisch. Er sei sehr froh, in Deutschland zu sein – und Fußball spielen zu dürfen: „Wir lieben Fußball. Wir lieben unseren Coach. Hier ist es gut. Merkel ist gut.“ Dann steht er wieder auf und mischt sich unter die Spieler.

Die jungen Flüchtlinge haben einen Riesenspaß

Seit September 2015 gibt es das Angebot vom Gemeinschaftserlebnis Sport (GES) – einem Programm, das von der Stadt und dem Sportkreis getragen wird und sich der sozial-integrativen Wirkung der Sportpädagogik verschrieben hat. Beim Flüchtlingskick geht es ums Wohlfühlen, Leute treffen, neue Bekanntschaften machen, um Fairplay – und um die Sprache – denn kommuniziert wird auf Deutsch. Gestartet ist der dienstägliche Flüchtlingskick als Kooperation von GES und dem Freundeskreis Flüchtlinge Stuttgart-West. Die Ehrenamtlichen des Freundeskreises haben Werbung für das neue Angebot gemacht, die Flüchtlinge begleitet und auch mitgespielt. Inzwischen kommen die Flüchtlinge alleine. Und haben einen Riesenspaß.

„Fußball wird überall auf der Welt gespielt“, sagt Fabian Schönleber, der als Sportlehrer von der GES die Fußballgruppe aufgebaut hat. Der Ballsport sei allerdings kein Selbstläufer: „Die Pädagogik muss richtig angewandt werden.“ Dafür sorgen inzwischen drei Ehrenamtliche: Daniel Wespel ist eigentlich Sportlehrer am Mörikegymnasium in Ludwigsburg und will mit seinem abendlichen Engagement Flüchtlingen helfen. Dazu hat er auch Andy Biesinger gebracht, der sonst beim Württembergischen Landessportbund arbeitet. Wespels Freund Abed Abo-Namous ist ebenfalls gerne beim Kicken dabei. Als Flüchtling, der vor mehr als 20 Jahren nach Deutschland gekommen ist und Arabisch spricht, ist er Hilfe und Vorbild zugleich.

Der Schweiß tropft, die Beine sind leer. Die Jungs auf dem Spielfeld sind inzwischen ausgepowert. Ein letzter Konter, ein letzter Übersteiger. Dann fliegt der Ball ins Tor. Nun heißt es wieder aufräumen – bis zum nächsten Dienstag.