InterviewKickers-Chef Rainer Lorz im Interview „Die Kickers werden nicht untergehen“

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Nach dem Abstieg in die Fußball-Oberliga sind die Stuttgarter Kickers am Tiefpunkt angekommen. Der Präsident Rainer Lorz stellt sich im Interview mit Peter Stolterfoht der Kritik und sagt, wie er den Traditionsverein aus seiner bisher schwersten Krise führen will.

Dicke Luft in Degerloch: Einige  Fans der Stuttgarter Kickers    zeigen ihren Frust über den Abstieg in die Oberliga sehr deutlich. Foto: Baumann
Dicke Luft in Degerloch: Einige Fans der Stuttgarter Kickers zeigen ihren Frust über den Abstieg in die Oberliga sehr deutlich. Foto: Baumann

Stuttgart - Eines zumindest kann man Rainer Lorz nicht vorwerfen. Dass sich der Präsident der Stuttgart Kickers nach dem Abstieg aus der Regionalliga wegduckt. „Natürlich wäre es das Einfachste gewesen zu sagen: Sorry, ich habe versagt, auf Wiedersehen“, meint der 55 Jahre alte Rechtsanwalt und Honorarprofessor: „Ich spüre jetzt aber eine Verantwortung.“

Herr Lorz, direkt nach dem Oberliga-Absturz haben Sie gesagt, dass sich der Abstieg aus der Dritten Liga schlimmer angefühlt hatte. Heißt das: je tiefer es für die Kickers geht, desto kälter lässt es Sie ?
Da haben Sie mich nicht richtig verstanden. Ich wollte damit zum Ausdruck bringen, dass der Abstieg vor zwei Jahren mit der Entscheidung gegen uns in der Nachspielzeit absolut dramatisch war. Jetzt hat es sich schon früher, vor dem letzten Spieltag, abgezeichnet. Von der Qualität ist aber beides gleich schlimm. Es ist zweimal eine riesengroße Enttäuschung.
Wie konnte es diesmal so weit kommen?
Da ist viel zusammengekommen. Wir hatten zunächst einmal großes Verletzungspech. Darauf allein will ich mich aber bestimmt nicht herausreden. Wir haben Fehler in der Kaderzusammenstellung gemacht. Wir hatten eine zu junge Mannschaft, die der nervlichen Belastung des Abstiegskampfes nicht gewachsen war. Charakterlich sind die Spieler in Ordnung, aber sie waren nicht krisenresistent. Ohne Korsettstangen funktioniert eine Mannschaft nicht. Beim ersten Gegenwind wurde die Mannschaft meist durcheinander gewirbelt.
Zusammengestellt hat diese Mannschaft der im vergangenen Herbst entlassene Trainer Tomasz Kaczmarek.
In Abstimmung mit seinem Trainerteam und mir. Ich will mich da nicht aus der Verantwortung nehmen.
Von Ihnen heißt es, dass Sie prinzipiell ein guter Präsident seien, der aber aus beruflichen Gründen viel zu wenig Zeit hat, sich um das Fußballgeschäft zu kümmern.
Ja, es kann eine Rolle gespielt haben, dass ich zu wenig auf der Anlage war. Ich bin da limitiert, keine Frage. Die Zeit für die Kickers muss ich mir täglich abringen. Auf der anderen Seite haben wir im sportlichen Leiter Martin Braun jetzt wieder jemanden, der immer greifbar ist.
Sie beneiden wahrscheinlich Ihren VfB-Kollegen Wolfgang Dietrich, der sich ganz auf seinen Club konzentrieren kann und gerade sportlichen Erfolg hat.
Beneiden kann man nicht sagen. Herr Dietrich hat ja auch schon schwierige Zeiten beim VfB erlebt. Dort hat man die Aufgaben zuletzt aber sehr gut gelöst, und deshalb steht der VfB an diesem Punkt und wir an einem anderen Punkt, der eine echte Herausforderung ist.
Wo wir gerade bei Wolfgang Dietrich sind: Seine frühere Firma Quattrex hat den Kickers viel Geld zur Verfügung gestellt. Von drei Millionen Euro ist die Rede. Wie wollen Sie das denn jemals zurückzahlen?
Um die Sache mit Quattrex ein weiteres Mal klar zu stellen. Es handelt sich hierbei nicht um ein Darlehen, sondern um eine Erlösbeteiligung. Und die tut uns im Moment überhaupt nicht weh, da es nur dann einen Rückfluss gibt, wenn bestimmte Situationen eintreten.
Wenn Fernsehgelder fließen.
Zum Beispiel. Doch von solchen und anderen Voraussetzungen sind wir im Moment meilenweit entfernt. Ich will jetzt aber auch nichts beschönigen. Die Kickers sind seit vielen Jahren finanziell nicht auf Rosen gebettet. Wir hatten zuletzt ein negatives Eigenkapital in Höhe von rund 2,6 Millionen Euro. An dieser Situation hat sich in den vergangenen Jahren nichts signifikant geändert.
Wie wollen Sie von ihrem Schuldenberg in der Oberliga runterkommen?
Wir haben dort zwei Ziele: den sofortigen Wiederaufstieg und den Abbau von Schulden.
Wie soll das funktionieren?
Das Finanzielle funktioniert natürlich nur nach der Eichhörnchen-Methode. In der Oberliga sind die Einnahmen zwar etwas niedriger, anderseits müssen und werden wir die Ausgaben auch weiter herunterfahren. Die Reisekosten werden geringer sein und auch der Etat.
Was heißt das für den Spieleretat, der bisher bei 1,5 Millionen Euro lag?
Der wird in der Oberliga unter eine Million gedrückt. Um das in diesem Zusammenhang gleich auch noch zu sagen. Eine Insolvenz hat in unseren Überlegungen keine Rolle gespielt. Unsere Partner und Sponsoren haben klar gesagt, dass sie mit uns nur in der bisherigen Form weitermachen werden.
Wird es Entlassungen auf der Geschäftsstelle geben?
Wir müssen natürlich auch hier schauen, wo wir optimieren können. Und nicht jede Leistung kann in der Oberliga weiter wie bisher erbracht werden. Im Jugendbereich wird es aber keine Einschnitte geben.
Auch nicht im Nachwuchsleistungszentrum der Kickers?
Dort läuft alles weiter wie geplant mit dem künftigen sportlichen Leiter Marijan Kovacevic, dem strategischen Jugendpartner Porsche und mit Gazi auf den Trikots der Jugend.
Heißt das auch, dass der Fokus künftig auch in der ersten Mannschaft verstärkt auf Spieler aus der Region gerichtet wird?
Das wird gemacht, wobei es ja wirklich nicht so war, dass wir in der letzten Saison eine Söldner-Truppe am Start hatten. Wir hatten genügend Spieler aus den eigenen Reihen und aus der Region im Kader. Diese Entwicklung soll natürlich weiter vorangetrieben werden. Einen wichtigen Impuls versprechen wir uns auch vom neuen Trainer Tobias Flitsch, der den Regionalligisten SSV Ulm 1846 zu einer athletischen und leidenschaftlich kämpfenden Mannschaft gemacht hat.
Wie sehen Ihre persönlichen Planungen aus? Ein Rücktritt nach dem Abstieg kam für Sie nicht in Frage. Werden Sie sich bei der Mitgliederversammlung im November auch erneut zur Wahl stellen?
Das kann ich jetzt noch nicht sagen. Natürlich wäre es das Einfachste gewesen zu sagen: Sorry, ich habe versagt, auf Wiedersehen. Ich spüre aber eine Verantwortung und verstehe es als meine Aufgabe, gerade jetzt, in dieser wichtigen Phase, zusammen mit meinen Kollegen im Präsidium und mit dem Aufsichtsrat die Weichen zu stellen. Ich glaube auch nicht, dass ein radikaler Umbruch jetzt zielführend wäre, davon hatten wir in der Vergangenheit schon viele. Eins möchte ich aber auch ganz deutlich sagen. Ich klebe wirklich nicht an meinem Stuhl, was auch für meine Kollegen im Präsidium und im Aufsichtsrat gilt. Im Moment müssen wir das Schiff wieder gemeinsam flott kriegen.
Wir reden aber nicht von der Titanic?
Ganz bestimmt nicht. Die Kickers werden nicht untergehen, sondern aufsteigen.