InterviewKickers-Neuzugang Auracher „Für keinen anderen Club wäre ich in die Oberliga gewechselt“

Von Jürgen Frey 

Einsatz, Mentalität, Wille, Robustheit: Patrick Auracher steht für die Tugenden, die die Stuttgarter Kickers in den vergangenen beiden Spielzeiten viel zu selten zeigten. Wie der 28-Jährige die aktuelle Lage einschätzt und warum er vom Aufstieg überzeugt ist, sagt er im Interview.

Gibt immer Vollgas – im Training und im Spiel: Rückkehrer Patrick Auracher. Foto: Baumann 12 Bilder
Gibt immer Vollgas – im Training und im Spiel: Rückkehrer Patrick Auracher. Foto: Baumann

Stuttgart - Auf Patrick Auracher ruhen bei den Stuttgarter Kickers in der am 11. August beginnenden Saison der Fußball-Oberliga große Hoffnungen. Auch ohne Kapitänsbinde will der Defensiv-Allrounder vorne weg marschieren.

Herr Auracher, 1:4-Niederlage im Testspiel bei Regionalliga-Neuling TSG Balingen. Muss man sich Sorgen um die Blauen machen?
Nein, absolut nicht. Wir haben in diesem Testspiel gut angefangen und waren die bessere Mannschaft. Danach gab es viele Abstimmungsprobleme und die Abstände zwischen den Mannschaftsteilen waren zu groß. Die Gegentore fielen nach Standards und einem individuellen Fehler. Wir haben über viele neue taktische Dinge zu viel nachgedacht, dadurch sind wir nicht die Zweikämpfe gekommen. Letztendlich haben wir verdient verloren. Wir haben noch drei Wochen Zeit. Ich hoffe, es war ein Weckruf zum richtigen Zeitpunkt.
Wie sind die ersten dreieinhalb Wochen nach dem Trainingsstart insgesamt angelaufen?
Sehr, sehr gut. Es ist wirklich ein tolles Gefühl, wieder nach Hause zu kommen. Und allzu viel hat sich auch gar nicht verändert.
Das mag auf das Team hinter dem Team und die Infrastruktur zutreffen, die Ligazughörigkeit ...
...hat sich in der Tat verändert. Leider. Als ich das erste Mal vergangenen Februar mit dem Sportlichen Leiter Martin Braun Kontakt hatte, bin ich schon davon ausgegangen, dass die Kickers in der Regionalliga bleiben.
Sie sind mit 28 Jahren im besten Fußballalter, waren Stammkraft und Kapitän bei Regionalligist Wormatia Worms – und hatten auch noch ein Jahr Vertrag. Warum der Abstieg in die Oberliga?
Weil es die Stuttgarter Kickers sind. Für keinen anderen Club hätte ich eine solche Entscheidung getroffen und wäre in die Oberliga gewechselt. Die Blauen sind mein Verein. Ich musste nicht lange überlegen, als mir das Angebot unterbreitet wurde.
Und wie kamen Sie aus Ihrem noch bis 30. Juni 2019 laufenden Vertrag heraus?
Klar hat die Wormatia alles versucht, mich zu halten. Aber ich habe früh signalisiert, dass ich meinen Lebensmittelpunkt wieder Richtung Stuttgart verlegen will. Zumal meine Freundin ebenfalls aus der Region stammt und ein Referendariat an einem Schorndorfer Gymnasium beginnt. Außerdem besteht eventuell mal die Möglichkeit, dass ich mich nach meiner aktiven Karriere im Nachwuchsbereich bei den Kickers einbringen kann.
Worms wollte doch bestimmt eine Ablöse?
Also die Kickers mussten keine Ablösesumme bezahlen. Wären die Blauen in der Regionalliga und damit Ligarivale der Wormatia geblieben, wäre es bestimmt schwieriger geworden. So habe ich das selbst mit dem Verein geregelt.
Wie haben Sie die drei Jahre in Worms erlebt?
Am Anfang war es nicht einfach. Das ganze Drumherum, die medizinische Betreuung, die Infrastruktur – alles war nicht besonders professionell. Doch ich habe mich durchgebissen, habe mich der Situation angepasst und mich zum Führungsspieler entwickelt und bin vorneweg marschiert. Ich hatte drei wunderschöne Jahre dort und habe in einem sehr familiären Verein gespielt. Das DFB-Pokal-Spiel am 18. August gegen Bundesligist Werder Bremen wäre der Höhepunkt meiner Zeit in Worms geworden.
Jetzt spielen Sie stattdessen mit den Kickers im WFV-Pokal beim FV Sontheim/Brenz.
Damit habe ich mich auseinandergesetzt. Solche Spiele gehören dazu. Die Oberliga hat zwar absolute Priorität, aber ich will mit den Blauen schon auch mal im DFB-Pokal spielen.
Nach Ihrem Abgang bei den Kickers waren Sie vor Ihrer Zeit in Worms in der Saison 2014/15 ein Jahr bei Holstein Kiel unter Vertrag. Mit welchen Erinnerungen?
Auch diese Erfahrung im hohen Norden möchte ich nicht missen. Zwar hätte meine sportliche Bilanz mit nur zehn Einsätzen besser sein können, doch ich habe tolle Menschen kennengelernt und Aufregendes erlebt: Zum Beispiel die Relegationsspiele zur zweiten Liga gegen den TSV 1860 München.
Die haben die Kickers als Drittliga-Vierter damals nur knapp verpasst. In der Saison danach folgte der Absturz. Wie haben Sie den verfolgt?
Natürlich sehr aufmerksam und mit Schrecken. Von den Namen her, hatten die Blauen immer ganz gute Mannschaften, dachte ich zumindest. Doch die Ergebnisse stimmten nicht.
Sie gehörten zu der Mannschaft, die 2013 den Drittliga-Klassenverbleib am letzten Spieltag bei Dirk Schusters Team in Darmstadt schaffte – mit Spielern wie Julian Leist, Fabian Gerster, Fabio Leutenecker, Enzo Marchese. Mussten im Laufe der Zeit zu viele „blaue Urgesteine“ den Verein zu lassen?
Ich denke schon, dass zu viele dieser Spielertypen, die sich mit dem Verein identifizieren, aussortiert wurden. Sie wurden damals im Verein für nicht mehr gut genug empfunden. Aber ich schaue nicht zurück, Fehler passieren und im Nachhinein ist man immer schlauer. Wichtig ist das Hier und Jetzt. Der Blick geht nach vorne und der heißt, alles für den direkten Wiederaufstieg tun.
In Sachen Transferpolitik war das Problem, dass nichts Besseres nachkam.
Was viele im Sport unterschätzen ist, dass es am Ende immer auf die Mannschaft ankommt. Auf den Zusammenhalt, auf die Mentalität. Auf die Bereitschaft, für den anderen da zu sein, Fehler auszubügeln. Das zeigte doch auch die WM: Die Teams, die kompakt zusammenstehen, kamen weit. Nicht die großen Namen sind entscheidend.
Nun haben die Kickers aber für Fünftligaverhältnisse durchaus eine Mannschaft mit klangvollen Namen.
Wir haben Qualität im Team. Das sehe ich von jedem Einzelnen in jedem Training. Ich bin mir ziemlich sicher, dass wir mit dieser Truppe in der Regionalliga nicht gegen den Abstieg spielen würden.
Aber...
...wir werden in jedem Spiel die Gejagten sein, und um dieser Favoritenrolle gerecht zu werden, müssen wir von Anfang an topfit und voll da sein. Wir werden nicht wie im Vorjahr der FC 08 Homburg in die Regionalliga durchmarschieren, dafür ist die Oberliga Baden-Württemberg mit Teams wie SGV Freiberg, FSV 08 Bissingen, FV Ravensburg oder SSV Reutlingen einfach zu stark. Wir werden auch mal ein Spiel verlieren. Doch ich bin mir sicher, dass wir unser individuelles Können mit Teamgeist verbinden werden – und dann führt an uns kein Weg vorbei.
Tobias Feisthammel wird das Team als Kapitän aufs Feld führen. Auch Sie wären dafür in Frage gekommen.
Die Binde ist nicht so wichtig. Alle unsere erfahrenen Spieler müssen vorne weg gehen. Tobi ist eine gute Wahl, er hat einige Jahre Erfahrung auf dem Buckel. Wir alle werden ihn tatkräftig unterstützen.
Sie persönlich spielten in der Vorbereitung bisher immer auf der Sechser-Postion. Eine große Umstellung?
Als Innenverteidiger hat man das Spiel vor sich, von daher ist es im defensiven Mittelfeld schon eine gewisse Umstellung. Aber ich kann mich auch mit dieser Rolle anfreunden und wichtige Impulse geben.
Wie haben Sie Trainer Tobias Flitsch bisher erlebt?
Als einen Mann, der einen klaren Plan hat und der weiß, was er will. Die Mischung im Training und in seiner Ansprache zwischen Spaß und Ernst passt optimal. Er ist sehr akribisch und fordert sehr viel von uns Spielern. Das ganze Trainerteam harmoniert sehr gut.
Was wünschen Sie sich für die neue Saison?
Den Aufstieg.