Kidnappingfall im Kreis Esslingen Retter entdecken entführte Frau in einer Gartenhütte

Wo ist die 23-Jährige? In der ersten Nacht suchen die Einsatzkräfte noch vergebens. Foto: SDMG/Woelfl

Eine 23-Jährige wurde zwischen Plochingen und Reichenbach gefangen gehalten: Wie Polizei, Feuerwehr und Rettungskräfte eine Nacht und einen ganzen Tag lang suchen und am Ende Erfolg haben.

Lokales: Wolf-Dieter Obst (wdo)

Eine 23-jährige Frau ist entführt, vergewaltigt und in einem Gartenhäuschen gefangen gehalten worden. Ihr Martyrium dauerte fast 24 Stunden. Es konnte mit einer groß angelegten Suchaktion von Polizei und Rettungskräften zwischen Reichenbach an der Fils und Plochingen (Kreis Esslingen) am Samstagabend beendet werden. „Man hat bei der Suche einfach nicht lockergelassen“, sagt Polizeisprecherin Andrea Kopp, „und dann hat sich tatsächlich auch ein entscheidender Hinweis ergeben.“

 

Begonnen hatte der Albtraum am Freitagabend: Die 23-Jährige hatte am Freitag gegen 20.15 Uhr ihren Arbeitsplatz in Reichenbach verlassen und sich gewohnheitsgemäß auf einen über drei Kilometer langen Fußweg nach Hause nach Plochingen begeben. Dabei benutzte sie einen Feldweg, der parallel und nördlich der L 1192 (Stuttgarter Straße) und Bundesstraße 10 verläuft. Doch sie kam daheim nicht an. Besorgt gaben Angehörige gegen 23.15 Uhr eine Vermisstenmeldung auf – und sofort wurde eine groß angelegte Suchaktion mit Streifenwagen, Polizeihubschrauber, Rettungsdienst und Rettungshunden ausgelöst. Doch alles ohne Erfolg. Man musste das Schlimmste befürchten. Doch Aufgeben war keine Option.

Am nächsten Tag ein neuer Anlauf

Die Feuerwehr Reichenbach bekam am Samstag den Auftrag zu einer neuen Suchaktion. „Mit 18 Einsatzkräften ging es für uns um 18.12 Uhr los“, sagt Feuerwehrsprecher Andreas Nitsch. Der Auftrag: das Gebiet links und rechts des Hannestobelbachs absuchen, der die Gemarkungen von Reichenbach und Plochingen trennt. Das Gebiet ist groß, reicht etwa von der Wegkreuzung am Nussbaum bis zur Shell-Tankstelle am Ortsende von Reichenbach.

Nitsch sitzt zusammen mit dem Feuerwehrkommandanten Michael Kohlhaas in der Funkzentrale im Feuerwehrhaus, als es gegen 19.30 Uhr eine interessante Spur gibt. Spaziergänger berichten einem Suchtrupp von einem seltsamen Mann, der sich seit einiger Zeit in einem der zahlreichen Gartenhäuser im Gewann Harnesteig aufhalte. Am Funk hört Nitsch dann auch mit, dass man dort tatsächlich eine Frau gefunden hat.

Ein Blick durchs Fenster der Hütte

Die Feuerwehrleute schauen durch ein Fenster ins Innere – und treffen auf die Blicke einer jungen Frau. „Sie hat offenbar erkannt, dass hier die Rettung naht“, sagt Polizeisprecherin Kopp. Die junge Frau wagt sich ans Fenster und klettert heraus. Wenige Minuten später ist auch die Polizei an Ort und Stelle. Es handelt sich um die vermisste 23-Jährige. Sie ist leicht verletzt, kommt vorsorglich stationär ins Krankenhaus. Ihre seelischen Verletzungen dürften schwerwiegender sein.

Die Ermittler erfahren, dass sie am Freitagabend von einem Mann abgepasst und mit einem Messer bedroht wurde. Anschließend habe er sie zu der Hütte geschafft und vergewaltigt. Der Täter selbst hat sich beim Anblick der Suchtrupps aus dem Staub gemacht. Doch er kommt nicht weit. Die Polizei spürt ihn im Bereich der Bundesstraße 10 auf einem Feldweg auf und nimmt ihn fest. Mit dem Messer, mit dem er mutmaßlich sein Opfer bedroht hatte, hat er sich selbst eine Verletzung zugefügt. Ein Suizidversuch? Auch er kommt in eine Klinik.

Der Täter ist bereits polizeibekannt

Die Hintergründe der Tat sind unklar. Der 36-jährige Tatverdächtige hat tatsächlich seit mehreren Monaten mit Zustimmung des Eigentümers in der Gartenhütte gelebt. Er gilt als wohnsitzlos und hat bereits einige Einträge in den Polizei- und Justizdateien. „Er ist wegen Drogendelikten polizeibekannt und wegen einer Raubstraftat vorbestraft“, erklärt Polizeisprecherin Kopp. Wegen Sexualdelikten ist er bis dato allerdings nicht aktenkundig. Ob er die junge Frau schon länger beobachtet oder eher spontan und zufällig zugeschlagen hatte, ist unklar. Der 36-Jährige schweigt zu den Vorwürfen. Er wurde am Sonntag dem Haftrichter vorgeführt, der ihn in Untersuchungshaft schickte.

Für die Reichenbacher Feuerwehr ein aufregender Fall, der nach der Festnahme am Samstag noch in die Verlängerung ging. „Wir haben den Fundort für die Polizei ausgeleuchtet“, sagt Feuerwehrmann Nitsch, „die Letzten kamen um 4.15 Uhr nach Hause.“ Er habe in 39 Jahren als Feuerwehrmann schon viele spannende Einsatzlagen gehabt, sagt Nitsch: „Und es ist immer wieder schön, wenn sie erfolgreich beendet werden.“

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