Kim Hoss über ADHS „Der Trick ist, dass man nicht überall reinpassen muss“

, aktualisiert am 14.01.2023 - 13:00 Uhr
2021 bekam sie die Diagnose ADHS. Kim Hoss spricht mit uns über Selbstakzeptanz und ihr inneres Kind. Foto: Kim Hoss

Kim Hoss ist Impulsgeberin, Podcasterin, Kommuniaktionsdesignerin und hat ADHS. Mit uns spricht die Stuttgarterin über ihr inneres Kind und den Weg zur Selbstakzeptanz. [Plus-Archiv]

„Warum hast du das jetzt gemacht?“ oder „Jetzt hör doch mal auf, so dumm zu sein.“ - Diese Sätze sind Kim Hoss bis heute im Gedächtnis geblieben. Immer wieder wurde ihr suggeriert: Du bist zu viel, zu laut, zu unruhig. „Es ist verrückt, irgendwann habe ich diese Denkweise übernommen und mich immer wieder selbst gefragt: Warum bin ich eigentlich so?“

 

2021 dann die Diagnose: ADHS. Die Abkürzung ADHS steht dabei für „Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Syndrom“. Bei dieser neurobiologischen Erkrankung wird das Gleichgewicht der Botenstoffe im Gehirn verändert, so kommt es teils zu einer veränderten Informationsübertragung zwischen den Nervenzellen. Die Kernsymptome sind Aufmerksamkeitsstörungen, Hyperaktivität und Impulsivität. Als Ursache wird vor allem die genetische Veranlagung genannt.

„Für mich war ADHS früher dieses typische Klischee von kleinen Jungs, die hibbelig und laut sind“

„Für mich war ADHS früher dieses typische Klischee von kleinen Jungs, die hibbelig und laut sind.“ 2020 änderte eine Begegnung dann einiges: „Ich lernte damals einen mittlerweile sehr guten Freund kennen. Es ist schwer zu erklären, aber wir haben uns direkt auf einer ganz anderen Ebene verstanden. Ich dachte mir: Hey, da ist jemand, der tickt wie ich. Immer, wenn wir uns getroffen haben, ist es ein bisschen eskaliert“, lacht die 35-Jährige. „Irgendwann stellte sich in einem Gespräch heraus, dass er mit fünf Jahren die Diagnose ADHS bekam. Dann ist der Groschen gefallen und ich habe angefangen, zu recherchieren.“ Sie ergänzt: „Irgendwann sind die Probleme so groß, dass man nicht mehr wegschauen kann.“

Kim las viele Bücher, markierte sich teilweise Wort für Wort, Seite für Seite, durchsuchte das Internet und ahnte schnell: das könnte ADHS sein. „Ich habe mir damals einen Termin bei einer Therapeutin gemacht und stand knapp eineinhalb Jahre auf der Warteliste. Mit meinem angeeigneten Wissen bin ich dann zum Termin gegangen." Kim hatte insgesamt drei Sitzungen, in denen sie unter anderem Fragen zu ihrer Kindheit, Jugend und dem Erwachsenenalter beantworten musste.

„Ich liebe es zurückzublicken“

Die Erinnerungen aus ihrer Kindheit halfen ihr, um sich selbst noch einmal besser kennenzulernen. „Ich liebe es zurückzublicken“, strahlt die selbsternannte "Edutainerin". „Ich habe mir in den vergangenen Monaten viele Kindervideos angesehen und eines ist mir besonders im Gedächtnis geblieben: Ich war damals so fünf Jahre alt. Wir saßen im Garten um den Tisch herum, ich auf dem Schoß meiner Oma, gegenüber meine Mutter. Zwischen den beiden standen Sektgläser. Mein Vater hat gefilmt und ich habe mit meiner Puppe gespielt und dann die Gläser umgestoßen. Meine Oma ist direkt aufgeschreckt und hat vorwurfsvoll gefragt, warum ich das gemacht habe. Mir hat es echt geholfen, die kleine geschockte Kim zu sehen, die sich selbst fragt, was da eigentlich passiert ist.“

Kim fühlt sich ihrem jüngeren Ich heute näher denn je: „Ich habe wieder eine Verbindung zu meinem inneren Kind aufgebaut und pflege diese Verbindung zur jungen Kim wie eine Freundschaft. All die Gläser, die ich umgeschmissen habe, habe ich mir verziehen. Ich habe das ja nie mit Absicht gemacht.“

An den Tag, an dem sie das erste Mal auf ihrem Instagram-Kanal mit knapp 39 Tausend Follower über ihr ADHS spricht, erinnert sie sich noch ganz genau: „Das war der 3. Oktober, kurz nach meiner offiziellen Diagnose. Seitdem bekomme ich fast wöchentlich Nachrichten, vor allem von anderen Frauen, die mir danken, weil sie sich zum ersten Mal mit dem Thema auseinandergesetzt haben und jetzt verstehen, was eigentlich los ist mit ihnen.“

Es gab jedoch auch einige unreflektierte Kommentare: „Vor allem Aussagen wie, dass ADHS nur eine Modeerscheinung ist oder man ja einfach Medikamente nehme sollte, haben mich echt geärgert. Das zeigt, wie wichtig es ist, mehr darüber aufzuklären.“ Auf der anderen Seite, sei es auch schön zu sehen, wie andere mit ihrer ADHS-Diagnose umgehen – vor allem in Beziehungen. „Die Menschen sprechen miteinander und kommunizieren offen ihre Bedürfnisse.“

Auch Kim beobachtet, wie sich ihre Beziehungen nachhaltig verändern: „Durch meine Auseinandersetzung mit dem Thema habe ich auch herausgefunden, dass mein Vater ADHS hat. Wir hatten schon immer ein super Verhältnis. Doch das war echt ein krasser Moment, der uns noch einmal näher zusammengebracht hat.“

ADHS als Superpower

Die wichtigste Beziehung sei jedoch am Ende die zu sich selbst: „Ich bin jetzt viel sanfter mit mir. Ich war sonst immer so böse zu mir, weil ich das Gefühl hatte, nicht ins Muster zu passen. Heute sehe ich, dass das meine Superpower ist. Und dass ich dieses ‚Anderssein‘ nutzen kann. Ich kann so sein, wie ich will. Jeder kann das. Und wie krass ist diese Erkenntnis?“

Für die Zukunft wünscht sich die 35-Jährige mehr Offenheit und Akzeptanz im Umgang mit dem Thema ADHS, aber auch in der Selbstakzeptanz: „Menschen sollten sich öfters damit auseinandersetzen, wer sie sind und welche Bedürfnisse sie haben. Unabhängig davon, wie das Gehirn funktioniert.“

In ihrem Alltag hat Kim seit ihrer Diagnose eine neue Strategie entwickelt: „Der Trick ist, dass man nicht überall reinpassen muss. Wenn man das erst einmal verstanden hat, dann ist das ein großer Schritt.“

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