Kin-Ball in Stuttgart Hundert Freunde und ein riesiger Ball

Voller Einsatz beim Stuttgarter Spieltag. Insgesamt waren auf der Waldau 16 Mannschaften am Start. Foto: Tom Bloch

Das Spielgerät ist riesig, wiegt fast nichts und darf den Boden nicht berühren: Kin-Ball – ein Besuch beim Bundesliga-Spieltag des SV Sillenbuch und den Stuttgarter Eichhörnchen.

Ja, der Ball ist rund. Und ja, das Runde muss ins Eckige. Die legendären Weisheiten der Fußball-Legende Sepp Herberger gelten auch hier. Wobei der Kin-Ball einen Durchmesser von 1,22 Metern hat und nicht mal ein Kilogramm wiegt – eine luftgefüllte Latexblase mit Hülle. Und das Eckige ist ein 20 mal 20 Meter großes Spielfeld. Und in diesem darf dieser Ball nicht den Boden berühren. Blöd dabei ist halt, dass die gegnerische Mannschaft genau das versucht – das durch die Luft fliegende Riesending auf den Boden zu bringen. Und, um die Verwirrung zu komplettieren, befindet sich gleichzeitig noch eine dritte Mannschaft auf dem Feld, mit den gleichen Zielen.

 

Übergezogene Leibchen dienen der Unterscheidung. „Gris“, „bleu“, „noir“ – also grau, blau und schwarz sind die Teamfarben beim Kin-Ball. „Kin“ steht für Kinetik, und die Spielsprache ist zumeist Französisch, denn die Wurzeln der Sportart liegen in der kanadischen Provinz Quebec. Eine Sportart, die weltweit mittlerweile von mehr als vier Millionen Menschen betrieben wird, entstanden 1986 quasi auf dem Reißbrett – als Abschlussarbeit von fünf Studenten an der University of Quebec in Montreal. Und ein kooperatives Tun, dessen Regeln schnell zu erlernen sind, das keine Geschlechts-, Alters- oder Leistungsgrenzen kennt und auf Respekt gegenüber allen Akteuren beruht.

In Deutschland wird Kin-Ball leistungsorientiert an vier Bundesliga-Spieltagen pro Saison betrieben. Für Stuttgart stellt der SV Sillenbuch mit seiner Kin-Ball-Abteilung gleich mehrere Teams. Am vergangenen Wochenende war er Ausrichter des zweiten Wettbewerbstags 2025/26. Dies bedeutete: eine proppenvolle Sporthalle Waldau. 16 Mannschaften samt Anhang sowie sonstige Neugierige tummelten sich auf der Tribüne beziehungsweise den zwei Spielfeldern. Von 9 Uhr in der Früh an wurde zehn Stunden lang non-stop gespielt, inklusive Live-Stream auf Youtube.

Wie es der Stuttgarter Teamname schon verrät: mit Eichhörnchen. Foto: Tom Bloch

„Das Spiel geht über vier Perioden bis elf Punkte. Wobei beim erreichten neunten Punkt diejenige Mannschaft das Feld verlässt, die bis dahin am wenigsten Punkte erzielt hat“, erklärt Wagner Merten, Vizepräsident des Deutschen Kin-Ball-Verbands. „Und man schlägt immer gegen den, der aktuell am meisten Punkte hat.“ Damit werden Kantersiege unterbunden. Was sich erst einmal kompliziert anhört, sieht auf Anhieb nach großem Spaß aus, denn alle Teammitglieder sind mit eingebunden.

Dennoch will Merten nicht verhehlen, dass die Akquise von Sportlern noch nicht rund läuft. „Obwohl wir auch viel auf Social Media unterwegs sind, haben unsere Maßnahmen bislang nicht so gefruchtet“, sagt der Funktionär, der neben dem Verband auch beim SV Sillenbuch tätig ist. Sprich: bei den Stuttgarter Eichhörnchen. So nennen sich deren Spielerinnen und Spieler.

Stuttgarter Teams verpassen Finale

Aus lokaler Sicht ist der Höhepunkt des Spieltags in Degerloch ein Aufeinandertreffen gleich dreier Stuttgarter Teams, die in dieser Saison eine Spielgemeinschaft mit München gegründet haben. Am Ende reicht es aber nicht fürs Finale. Dieses bestreiten Dissen II, Oberhausen und Erfurt – mit dem letztjährigen deutschen Meister Erfurter Lachse als schlussendlichem Sieger.

Sandra Manier von den Stuttgarter Eichhörnchen ist vor drei Jahren zum Kin-Ball gekommen. „Ich war einmal zum Schnuppertraining, und die Sportart hat mich sofort abgeholt. Besonders weil es Mixed-Teams sind und weil es viel um Respekt und Fair-Play geht“, sagt sie. Abgekämpft, aber zufrieden sitzt sie auf der Tribüne, gerade mit ihrer Mannschaft ausgeschieden, doch die Laune ist nicht verdorben.

„Der Spaß steht im Vordergrund. Und die Community. Und nach jedem Spieltag gehen wir alle gemeinsam essen. Oft beinahe hundert Leute“, sagt Sandra Manier und lacht.

Tja, Herr Herberger, von wegen elf Freunde müsst ihr sein. Hunderte! Und sie sind’s.

Info

Kin-Ball-Training
Der SV Sillenbuch bietet donnerstags in der Sporthalle Riedenberg, Kemnater Straße 27, eine Kin-Ball-Trainingseinheit an. Beginn ist jeweils um 18.45 Uhr. Das Mindestalter zur Teilnahme liegt bei 15 Jahren.

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