Kinder als Zeugen vor Gericht Gefühle der Ohnmacht

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Wenn Kinder als Zeugen mit Polizei oder Gerichten zu tun haben, müssen die Ermittler umdenken. Sie müssen Kinder ernst nehmen. Das tut Heranwachsenden gut und dient der Wahrheitsfindung.

Die Vernehmung von Kindern erfordert viel Einfühlungsvermögen und Respekt ihnen gegenüber. Foto: dpa
Die Vernehmung von Kindern erfordert viel Einfühlungsvermögen und Respekt ihnen gegenüber. Foto: dpa

Leipzig - Ein 15-jähriges Mädchen erinnert sich an eine Anhörung beim Familiengericht, in der sie sich mit ihrer Schwester im Alter von sechs und sieben Jahren wiederfand. „Meine Schwester ist zusammengebrochen. Sie haben keine Rücksicht genommen, sie haben einfach weitergeredet. Die Richterin hat einfach weitergemacht, obwohl sie total geheult hat“, gibt die Heranwachsende Jahre später zu Protokoll. 48 Kinder und Jugendliche im Alter von vier bis 17 Jahren hat Annemarie Graf-van Kesteren nach ihren Erfahrungen mit der Justiz befragt. Die Berichte sind nicht eben ermutigend.

Die Gespräche sind Teil der Studie „Kindgerechte Justiz“. Annemarie Graf-van Kesteren ist in ihrer 2014 für das in Berlin ansässige Institut für Menschenrechte erstellten Untersuchung der Frage nachgegangen, wie der Zugang zum Recht für Kinder und Jugendliche verbessert werden kann.

Schweigen aus Selbstschutz

Etwa 100 000 Kinder müssen jedes Jahr mit der Scheidung zurechtkommen, so schätzt Graf-van Kesteren. Etwa ein Zehntel von ihnen würden bei den Verhandlungen vorm Familiengericht gehört. Zu den Trennungskindern kommen die Kinder, die als Opfer von Misshandlungen und Missbrauch von Polizei, Gericht oder Staatsanwaltschaft befragt werden müssten, aber nicht immer werden, weil sie die Aussage aus Angst vor dem Prozedere scheuen – und aus Selbstschutz lieber schweigen.

Tenor aller Interviews: Kinder wollen erklärt bekommen, was geschieht, und sie wollen ernst genommen werden. Eine andere 15-Jährige erinnert sich an eine acht Jahre zurückliegende Episode. „Man kann sagen, was man will. Wenn man klein ist, heißt es, es wurde von den Eltern eingeredet. Wenn man dann etwas größer ist, dann heißt es, ja, das ist jetzt Pubertät“, so beschreibt sie ihr Gefühl der Ohnmacht.

Ein weiteres Manko: Die Fachsprache vor Gericht verstehen Kinder nicht, sie schüchtert sie ein. Sie berichten von unfreundlichen Richtern und anderen, die ihnen ins Wort fallen und „ihre eigenen Sachen sagen“. Sie vermissen Empathie und fühlen sich unwohl, wenn sie auf Behördengängen warten müssen. Die Befragten erinnern sich aber auch sehr wohl daran, wenn ein Richter oder eine Richterin ihnen etwas erklärt hat oder wenn ihnen zum Abschluss jemand freundlich die Hand geschüttelt hat.

Bislang, so scheint es allerdings, sind diese geglückten Momente Zufall – weil eben nicht alle Richter oder Richterinnen die Begabung haben, kindgerecht und respektvoll aufzutreten. Dabei seien Juristen, wie die schwedische Königin Silvia auf dem 72. Juristentag sagte, davon überzeugt, dass kindgerechte Befragungen auf Augenhöhe der Wahrheitsfindung dienen. Die Monarchin setzt sich mit ihrer Stiftung Childhood Foundation seit fast 20 Jahren für die Umsetzung von Kinderrechten ein.

Kinderrechte ins Grundgesetz

Die Studie des Instituts für Menschenrechte ist nur ein Teil einer breiter angelegten Bestandsaufnahme, die die Europäische Grundrechteagentur in zehn Mitgliedstaaten in Auftrag gegeben hat. Der Zugang zum Recht ist zwar ein Menschenrecht, für Kinder jedoch ist es oft nicht durchsetzbar. Die Forderung des UN-Menschenrechtsausschusses, auf die besondere Situation von Kindern einzugehen, stammt aus dem Jahr 2004. Die UN-Kinderrechtskonvention verpflichtet Gesetzgeber sowie Gerichte zur Schaffung von „angemessenen Vorkehrungen“, die es Kindern und Jugendlichen jeden Alters ermöglichen, sich in allen sie betreffenden rechtlichen Verfahren Gehör zu verschaffen. Im Koalitionsvertrag haben CDU/CSU und SPD vereinbart, die Rechte von Kindern in das Grundgesetz aufzunehmen.