Kinder außer Rand und Band Wenn sich Eltern für ihr Kind schämen

Das ist sogar dem Teddy unangenehm. Aber warum schämt er sich? Foto:  

Ein Kind beißt, der Vater schimpft, alle schämen sich. Was Scham wirklich bedeutet – und wie Eltern mit diesem komplexen Gefühl umgehen können.

Ihr Sohn hat heute schon wieder ein anderes Kind gebissen.“ Dem betroffenen Vater ist die Situation beim Abholen im Kindergarten sichtlich unangenehm. In Gegenwart der Erzieherin nickt er nur stumm. Beim Hinausgehen schimpft er mit seinem Kind („So etwas darfst du nie wieder machen. Ich bin sehr enttäuscht von dir“). Das Kind hält sich die Hände vors Gesicht. Vater wie Sohn – beide schämen sich.

 

Und beide würden es vermutlich aber nicht zugeben. „Scham ist ein sehr starkes und schmerzhaftes Gefühl“, sagt Ursula Immenschuh, Professorin für Pflegewissenschaften und Schamforscherin von der Katholischen Hochschule Freiburg. Schämt man sich, werden im Gehirn die Areale aktiviert, die auch für Schmerz und Ekel zuständig sind.

Eigentlich eine nützliche Emotion

Zudem werden starke körperliche Reaktionen ausgelöst. Die Bandbreite reicht vom Rotwerden, über Zittern, Erstarren, Fliehen oder Aggressivität. „Das alles trägt dazu bei, dass wir eine Verhaltensweise, für die wir uns schämen, künftig möglichst versuchen, zu vermeiden“, sagt Ursula Immenschuh. Insofern sei Scham in sozialen Beziehungen eine sehr nützliche Emotion.

Wer beispielsweise über jemanden lästert und die Person bekommt das mit, erlebt, wie verletzend das eigene Verhalten war – und wird es vermutlich nicht unbedingt wiederholen. „Scham hat als sehr unangenehmes Gefühl eine regulative Komponente. Sie sorgt dafür, dass man sich in Gruppen regelkonform verhält“, sagt Josepha Katzmann, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin aus Düsseldorf und Mitglied im Bundesvorstand der Deutschen Psychotherapeuten Vereinigung.

Die meisten Forscher sind sich einig darüber, dass Scham angeboren ist. Kinder sind aber erst ab einem Alter von etwa drei Jahren in der Lage dazu, sich für eine Verhaltensweise zu schämen. „Es braucht dazu eine gewisse kognitive Reife“, sagt Josepha Katzmann. Um sich schämen zu können, muss das Kind zwischen sich selbst und anderen Personen, sowie zwischen den Erwartungen dieser Personen an das Verhalten des Kindes unterscheiden können.

Scham hat aber auch einen großen erlernten Anteil. „Wofür, wie stark und wie wir uns schämen, ist individuell sehr unterschiedlich. Es hängt damit zusammen, in welcher Familie, welcher Kultur, welcher Religion, welchem Milieu man aufwächst“, erklärt Ursula Immenschuh.

Das Gefühl der Hilflosigkeit

Beißen, beleidigen, klauen – tun nun die eigenen Kinder, mit denen man sich stark identifiziert oder in Verbindung gebracht wird, etwas, das den geltenden sozialen Werten oder Normen zuwider läuft, schämen sich nicht nur die Kinder, sondern die Eltern gleich mit. „Denn sie meinen zu wissen, was andere Menschen in so einer Situation von ihnen denken. Und manchmal stimmt das ja auch“, sagt Anna Kipp-Menke, Erziehungswissenschaftlerin, Systemische Beraterin und Familylab-Seminarleiterin aus Kornwestheim.

Der Vater im Kindergarten sorgt sich dann beispielsweise, dass die Erzieherin nun an seinen erzieherischen Fähigkeiten zweifelt – und dass das womöglich sogar noch andere Eltern mitbekommen. Das kann ein Gefühl der Hilflosigkeit erzeugen. „Um schnell aus der Situation zu kommen, reagieren Eltern autoritär. Sie schimpfen oder drohen Strafen an“, sagt Anna Kipp-Menke.

„Ich schäme mich für dich!“

Nicht selten werde dabei das ganze Kind in Frage gestellt. „Es ist aber sehr verletzend, zu einem Kind zu sagen: Ich schäme mich für dich. Ich bin enttäuscht von dir“, sagt Anna Kipp-Menke. Ausdrücken wollten die Eltern ja meist vielmehr, dass sie mit einer Verhaltensweise des Nachwuchses nicht einverstanden sind. Also: Mir ist es peinlich, dass du andere Kinder beißt. Dieses Verhalten ist nicht in Ordnung.

Auch ein Gespräch mit dem Kind in der Öffentlichkeit über beschämende Situationen meiden die Eltern besser. „Das klärt man lieber in Ruhe zu Hause im Zwiegespräch, sonst wird die Scham für das Kind umso größer“, sagt Ursula Immenschuh.

Der Abstand zur konkreten Situation kann Eltern auch helfen, die Perspektive zu weiten. „Wenn Kinder sich auffällig verhalten, bietet das für Eltern auch die Chance, genauer hinzuschauen, warum dies der Fall ist“, sagt Anna Kipp-Menke. Auch Ursula Immenschuh rät: „Versuchen Sie die Schamdynamik zu verstehen.“

Warum hat das Kind gebissen? War es wütend auf ein anderes Kind? Weil dieses ihm vielleicht etwas weggenommen hat? Kennt es noch keinen anderen Weg, seine Wut auszudrücken? „Hilfreich kann es sein, mit dem Kind zusammen andere Verhaltensideen zu entwickeln“, sagt Anna Kipp-Menke. Darüber könnten dann Eltern ruhig mit der Erzieherin ins Gespräch kommen – ohne sich dafür zu schämen.

Für Eltern ist es Ursula Immenschuh zufolge auch sehr hilfreich, sich klar zu machen: Wie sieht meine eigene Schamabwehr aus? Werde ich gern laut – oder erstarre ich? „Wenn man sich selbst hier gut kennt, dann kann man in solchen Fremdscham-Situationen mit dem Kind bewusster reagieren“, sagt Ursula Immenschuh und empfiehlt – wie in vielen angespannten Situationen: erst einmal tief durchatmen.

Irgendwann schämen sich Kinder für die Eltern

Mit älteren Kindern dreht sich das Fremdschämen innerhalb der Familie oft um. „Bei Jugendlichen ist es ganz normal, dass ihnen die eigenen Eltern peinlich werden“, sagt Josepha Katzmann. Eine zentrale Aufgabe der Pubertät sei es nun mal, die eigene Identität zu entwickeln und sich von den Eltern zu lösen. „Teenager identifizieren sich sehr stark mit ihrem Freundeskreis und tun sehr viel, um die dort geltenden Normen einzuhalten“, so Katzmann.

Aber selbst wenn Eltern wissen, dass ein solches Verhalten zu einem gesunden Ablöseprozess dazugehört, fällt es schwer, dabei immer gelassen zu bleiben. Denn es kann sehr verletzend sein, wenn das eigene Kind sich plötzlich für Äußerlichkeiten wie den Kleidungsstil der Mutter oder für das Familienauto schämt. „Man darf als Eltern hier auf jeden Fall auch seine eigenen Gefühle ernst nehmen und dem Kind auch sagen, dass einen gewisse Aussagen sehr treffen“, rät Anna Kipp-Menke.

Wie so oft bei zwischenmenschlichen Beziehungen käme es dabei auf die richtige Wortwahl an. „Einerseits ist es gut, dem Kind zu vermitteln: Es ist völlig ok, dass du dich jetzt anders anziehen möchtest oder andere Autos cooler findest“, so Kipp-Menke. „Andererseits mag ich meinen Kleidungsstil, und es trifft mich, wenn du mich eine Vogelscheuche nennst. Und es ist in Ordnung, wenn du nicht mehr mit unserem Auto fahren möchtest. Willst du vielleicht vorerst auf Bus oder Bahn umsteigen?“

Info

Wenn die Scham zu groß wird
Jugendlichen ist es sehr wichtig, wie sie von anderen gesehen und bewertet werden. Das kann das Schamgefühl phasenweise erhöhen. „Passiert dies jedoch über einen längeren Zeitraum und behindert den Alltag stark, sollte man ein Auge darauf haben“, sagt Josepha Katzmann. So könne es beispielsweise vorkommen, dass Kinder sich nicht mehr trauen würden, im Unterricht irgendetwas zu sagen oder dass Teenager den Kontakt mit Gleichaltrigen stark meiden. „Zunächst würde ich immer mit dem Jugendlichen selbst ins Gespräch gehen und fragen, wie die Situation erlebt wird. Und dann gegebenenfalls professionelle Hilfe aufsuchen, weil übergroße Scham auch ein Hinweis auf psychische Probleme sein kann“, so Katzmann. (mar)

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