Der Grabstein war völlig eingewachsen und in Vergessenheit geraten. Foto: Sven Vollbrecht
Bei der Gartenarbeit macht ein Steinmetz einen überraschenden Fund: Ein Grabstein aus dem 19. Jahrhundert, komplett überwuchert. Wir konnten einige Details dazu herausfinden.
Alte Spielsachen, vergessene Schaufeln, vielleicht die ein oder andere Blumenzwiebel – solche und ähnliche Dinge gehen als typische Funde bei der Gartenarbeit durch. Ein Kindergrabstein gehört definitiv nicht dazu. Doch genau einen solchen hat der Sven Vollbrecht neulich entdeckt, als er im Garten seines Arbeitgebers, des Steinmetzbetriebes Wenzler & Vogt in Backnang, gearbeitet hat.
Vollbrecht hat ein Video von dem Fund veröffentlicht. Der gelernte Steinmetz ist in der Region als „Schwäbischer Waldschrat“ auf diversen Festen unterwegs und hat als solcher eine breite Fanbasis. Diese nutzt er immer wieder, um den Beruf des Steinmetzes mit kurzweiligen Videoclips auf Facebook bekannter zu machen. „Wir hatten gesagt, hier muss noch ein Busch weg – und jetzt gucket mol, was da no nauskommt“, schwäbelt Vollbrecht und zieht ein paar Äste zur Seite. Völlig eingewachsen in dem Thujastrauch, steht dort ein alter Grabstein.
Mal gschwind en Grabstein gfunda. Wieder eine neue Geschichte die es aufzudecken gilt. Den Stein kannte nicht mal der Chef Steht da also schon ne Weile
Zwar gibt es in dem Garten noch andere Steine und Skulpturen, meist Werke von früheren Lehrlingen. Der historische Grabstein ist aber dennoch etwas Außergewöhnliches. Allzu viel verrät die teils verwitterte Inschrift nicht: Der Verstorbene hieß Friedrich Klenk und kam aus dem Backnanger Stadtteil Oberschöntal – noch mit „th“ geschrieben, in diesem Fall.
Die Geburts- und Sterbedaten auf dem Stein geben auch ein trauriges Detail preis: Es handelt sich um ein Kindergrab, Friedrich Klenk wurde nur vier Jahre alt und starb im Dezember 1885, wenige Tage vor Weihnachten. Warum, wissen die Steinmetze nicht. Eine Inschrift auf der Rückseite des Steins ist heute komplett unleserlich.
Wir lüften das Geheimnis um den Grabstein – zumindest ein wenig
Der Backnanger Stadtarchivar Bernhard Trefz hat auf eine Anfrage unserer Zeitung hin ins alte Ortssippenbuch geschaut und tatsächlich Details gefunden, die etwas Licht in die Sache bringen. Demnach hieß der Vater des Jungen Johann Gottfried Klenk, er war ein Bauer aus Mittelschöntal, der im Jahr 1875 seine Frau Karoline Magdalene, geborene Wahl, geheiratet hatte.
Friedrich – mit vollem Namen eigentlich Jakob Friedrich – war von zehn Kindern der beiden das fünfte. „Im Sterbebuch von 1885 ist leider keine Todesursache angegeben, und in der damaligen Zeitung ‚Murrtal-Bote’ ist auch kein Hinweis oder eine Todesanzeige zu finden“, erklärt Trefz.
Noch etwas fällt bei dem Eintrag im Ortssippenbuch ins Auge: Friedrich war nicht das einzige Kind des Paares, das lange vor seiner Zeit gehen musste. „Das ist zwar interessant, aber nicht ungewöhnlich“, sagt Trefz. Die damaligen Zeiten waren hart, laut einer Statistik des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung starb Ende des 19. Jahrhunderts noch rund ein Fünftel aller Kinder bereits im Säuglingsalter. So wurde das vierte Kind der Eheleute Klenk nur zwei Wochen alt, und Pauline Karoline, die rund drei Jahre nach Friedrich zur Welt kam, lebte nur rund zwei Monate. Erst zum Beginn des nächsten Jahrhunderts verbesserten sich Lebens- und Arbeitsbedingungen, aber auch Ernährung, Hygiene, Säuglingspflege und natürlich die Medizin so weit, dass die Säuglings- und Kindersterblichkeit merklich abfiel.
Der Grabstein soll nun einen neuen Platz bekommen
Friedrich Klenk wurde nur vier Jahre alt. Foto: Vollbrecht/
Wie genau der Grabstein von Friedrich Klenk schließlich auf das Anwesen des Steinmetzbetriebes gelangt ist und wie lange er dort stand, ist unklar. Steinmetzmeister Carl-Eugen Vogt, Chef des „Waldschrats“, hat jedoch eine Ahnung: „Vor rund 30 Jahren wurde der Garten schon einmal neu gestaltet. Damals muss der Grabstein hier gefunden worden sein, vielleicht war er vergraben oder irgendwo drunter gelegt. Dann wurde er wohl an dem Busch aufgestellt.“ Dort blieb er dann und wuchs vollkommen in der Thuja ein, bis er in Vergessenheit geriet.
Damit ist nun Schluss. „Ich würde den Stein gerne wieder auf den Stadtfriedhof stellen“, sagt Vogt. Für ihn ist jeder Grabstein auch ein Stück Historie: „Jeder von ihnen hat seine eigene Geschichte“, sagt der 59-Jährige. Auf dem Backnanger Stadtfriedhof gibt es ein sogenanntes Lapidarium, wo alte Grabsteine aufbewahrt werden. „Wenn man sich auf den Friedhöfen umschaut, wird so etwas leider immer seltener“, sagt Vogt. Er ist zuversichtlich, den Grabstein dort unterbringen zu können – damit auch in Zukunft Menschen den Namen des kleinen Friedrich Klenk lesen und sich ausmalen können, wer er wohl war und was vielleicht aus ihm geworden wäre.