Noch nie wurden in Stuttgart so viele Kinder in Obhut genommen wie im vergangenen Jahr. Das Jugendamt sucht dringend weitere Pflegeeltern. Doch wie sieht der Alltag so einer Familie aus? Zu Besuch bei den Beers.

Lokales: Viola Volland (vv)

Stuttgart - Einen kleinen Fuhrpark hat Justin auf dem Esstisch aufgebaut. „Pppbbbfff“, der Dreijährige fährt ein Polizeiauto durch einen aus Holzplättchen gebauten Tunnel. Er scheint völlig in seiner Kinderfantasie versunken zu sein. Doch als er nach seiner Mama gefragt wird, lässt er das Auto stehen und tippt mit dem rechten Zeigefinger auf Melanie Beers Unterarm. „Mama“, sagt er, dann berührt er sachte mit dem linken Zeigefinger die Hand von Andreas Beer (Namen geändert): „Papa.“ Er schaut auf, zeigt ein Kleinkindlächeln. Melanie Beer, seine Pflegemutter, lacht: „Und dann hast du noch die Mama Angie und den Papa Alex.“ Justin mustert die fremde Frau am Tisch und fragt: „Bis du au ’ne Mama?“

Sein Bruder Jerry schlendert in den Raum, nimmt zwischen Melanie Beer und Justin Platz. Die höfliche Begrüßung liegt schon hinter ihm, jetzt will er seine rechte Hand vorzeigen: Mit drei Buntstiften und Gummibändern hat er sie in eine Kralle verwandelt. Die Kralle signalisiert Abwehr und Distanz. Sie passt dazu, dass Jerry eigentlich keine Lust hatte auf den Besuch der fremden Frau. Doch jetzt ist er offen und einnehmend. „Die ist echt praktisch, man kann sich damit kratzen und damit malen“, plaudert der Neunjährige drauflos.

Jetzt fehlt nur Felix, der älteste Sohn, dann wäre die Familie komplett. Doch es ist Wochenende, der 16-Jährige kann ausschlafen. Die Sonne scheint ins Zimmer, auf Jerrys Kralle und Justins Autos. Ihre Eltern haben Jerry und Justin die Vornamen gegeben. Andreas und Melanie Beer hätten andere ausgesucht, wenn sie nach Felix weitere leibliche Kinder bekommen hätten. Doch das war nicht möglich. Weil Felix nicht als Einzelkind aufwachsen sollte, mussten sie einen anderen Weg gehen – und wurden eine Pflegefamilie. „Ihr seid alle Wunschkinder“, drückt es Melanie Beer aus und wuschelt Jerry durchs blonde Haar.

Der Druck ist deutlich gewachsen

Die große Freude am Zusammenleben mit Kindern und ein unerfüllter Kinderwunsch, das seien typische Motive vieler Pflegeeltern, berichtet Helga Heugel, die beim Stuttgarter Jugendamt für die Pflegefamilien zuständig ist. Sie ist auf der ständigen Suche nach Paaren und Familien, die sich diese Aufgabe vorstellen können. Rund 250 Pflegefamilien gibt es in Stuttgart, hinzu kommen noch mal 16 Bereitschaftspflegefamilien, die kurzfristig in der Krise Kinder bei sich aufnehmen. Der Druck ist seit Jahren hoch, aber zuletzt deutlich gewachsen. Im Schnitt suche sie immer für zehn Kinder nach Pflegefamilien, berichtet Heugel.

2016 hat das Stuttgarter Jugendamt 164 Kinder aus Kinderschutzgründen in seine Obhut genommen – so viele, wie noch nie, fast doppelt so viele wie 2013 (84 Inobhutnahmen) und 31,2 Prozent mehr als 2015. Eine Entwicklung, mit der Stuttgart nicht alleine ist. Zwar gibt es die Statistik der Landeshauptstadt nicht eins zu eins für Baden-Württemberg, aber dass auch die anderen Jugendämter häufiger tätig werden, ist aus den Tabellen ersichtlich. Allein bei den unter Dreijährigen ist die Zahl der Schutzmaßnahmen landesweit von 362 in 2015 auf 458 im vergangenen Jahr gestiegen.

Bei den Beers hatte es gedauert, bis endlich der Anruf kam. Sie hätten da ein Kind, kein einfaches, hatte die Sachbearbeiterin gesagt, damals, vor elf Jahren. Ob sie sich zutrauten, einen geistig behinderten Jungen aufzunehmen? Ja, das taten sie. Tyson war noch keine zwei Jahre alt, tatsächlich ein forderndes Kind. Doch sie fühlten sich wohl mit ihm. Felix habe den Bruder sehr geliebt. Beide teilten ein Zimmer. Wenn er mit dem Kleinen an der Hand die Straße langlief, fühlte sich der Ältere stark. Felix habe der Abschied besonders zugesetzt, berichtet seine Mutter. Doch Tysons Eltern waren zu herausfordernd. „Der Vater hat mir am Telefon Waffengewalt angedroht“, erzählt Andreas Beer. Er erinnert sich ungern an diese Zeit. Zum Glück sei das Jugendamt für sie da gewesen. Sie durften Helga Heugel sogar sonntags privat auf dem Handy anrufen. Doch irgendwann war es zu viel. Die Pflegeeltern haben Tyson abgegeben, er kam zu einer Tante.

Eine solche Entwicklung sei eine absolute Ausnahme, sagt die Bereichsleiterin Helga Heugel. Aus der Bereitschaftspflege wechselten zwar etwa die Hälfte der Kinder zurück zu den Eltern, doch bei der Vollzeitpflege bleibe der überwältigende Teil in der Pflegefamilie, weniger als zehn Prozent wechselten zurück zu den leiblichen Eltern. Die Kennenlernphase mit den neuen Pflegeeltern werde, so es möglich ist, recht lang angesetzt, damit diese noch vor dem Wechsel aus der Bereitschaftspflegefamilie ins eigene Zuhause merkten, ob sie einen Draht zu dem Kind aufbauen können. Wer sich in Stuttgart dazu entscheidet, ein Pflegekind aufzunehmen, bekommt monatlich eine Pauschale zwischen 784 und 945 Euro vom Jugendamt überwiesen, für die Bereitschaftspflege sind es an die 2000 Euro.

Wenn Eltern ihre Kinder abgeben müssen

Melanie Beer, 46, gelernte Erzieherin, sagt, sie könne nur empfehlen, Pflegekinder aufzunehmen. Sie will ihre auf keinen Fall missen. „Aber man muss sich darüber im Klaren sein, dass man nicht nur ein Kind aufnimmt, sondern die ganze Familie.“ Jerrys Mutter zum Beispiel ist psychisch krank, der Vater interessiert sich nicht für seinen Sohn. Justins Eltern sind ein Paar, aber nicht in der Lage, für Kinder zu sorgen. Der Vater ist geistig behindert, die Mutter hat eine Förderschule besucht und arbeitet heute in einer Behindertenwerkstatt.

Wenn Eltern ihre Kinder abgeben müssen, ist das dramatisch für alle Beteiligten. Sexueller Missbrauch und Misshandlungen gehen den Stuttgarter Erfahrungen zufolge nur selten einer Inobhutnahme voraus. „Sehr viel häufiger geht es um Vernachlässigung oder auch Mangel an emotionaler Zuwendung und Förderung“, berichtet Helga Heugel vom Jugendamt. Die Eltern hätten oft mit Problemen zu kämpfen, seien psychisch krank, drogenabhängig oder behindert.

Felix ist inzwischen aufgestanden. Er hat sich im Wohnzimmer auf die Couch geworfen und ist – typisch 16-Jähriger – um kurz vor 11 Uhr noch nicht wirklich ansprechbar. „Brumm“, hört man es von oben. Justin fährt inzwischen vor seinem Zimmer mit einem Modellauto die Straßen eines Spielteppichs ab. Autos sind Justins Welt. Die von Jerry sind Spielzeugwaffen. Der Neunjährige hat in seinem Zimmer ein Regal zu einem Waffenschrank umfunktioniert. Darin lagert er seine Plastikpistolen. Jerry zieht eine heraus. „Das ist meine Sniper.“ Er zielt auf eine Plastikflasche auf seinem Schreibtisch. Treffer, die Flasche fällt um. „Ich bastele gern, ich kann aus allem eine Waffe basteln“, erzählt er. Jerrys Kinderpsychologin hat erklärt, woher die Faszination für Waffen kommt: Mit ihnen fühlt sich Jerry weniger machtlos.

Keine Kritik an der leiblichen Mutter

Der Drittklässler liebt aber nicht nur Pistolen, sondern auch Kuscheltiere. Sie haben Namen wie Schnuffi, Hasi und Wuffel und liegen auf dem Bett und in einem Bettkasten. Hasi ist von seiner Mutter. Eigentlich hätte sie heute kommen sollen, doch sie hat per Whatsapp-Nachricht abgesagt. Offiziell ist einmal im Monat Besuchszeit, im Schnitt schafft es Jerrys Mutter, die selbst im Heim aufgewachsen ist, alle drei Monate. Dennoch liebt sie Jerry, und Jerry liebt sie. „Für ihn ist seine Mutter die Größte“, sagt Melanie Beer. Seine leibliche Mutter erlaubt ihm alles, beispielsweise lässt sie ihn stundenlang mit ihrem Smartphone spielen. Melanie Beer gefällt das nicht, aber sie hält sich mit Kritik zurück. „Es ist wichtig, den Kindern zu vermitteln: Eure Mama ist nicht schlecht. Sonst denken die Kinder, sie sind auch schlecht“ – so hat sie es mit der Kinderpsychologin besprochen. Sie sagt stattdessen zu Jerry: „Du hast eben eine coole Mama und eine Kuschelmama.“

Für Jerry haben die Beers inzwischen sogar die Vormundschaft. Seine Mutter war vor Gericht gezogen, nachdem sie sich zuvor zwei Jahre lang nicht gemeldet hatte. Plötzlich wollte sie ihr Kind zurück, um dann nur zu einem einzigen der Gerichtstermine zu erscheinen, in psychisch schlechtem Zustand. Der Richter entschied nicht nur, dass Jerry bei den Beers bleiben sollte, er entzog ihr auch das Sorgerecht. Dass das Verhältnis seither nicht besser geworden ist, kann man sich vorstellen.

Wenn Jerrys Mutter kommt, herrsche immer Aufregung, sagt Melanie Beer. Bei Justins Eltern sei das anders. Da sei es, als kämen Freunde zu Besuch. Die beiden freuten sich über das Essen, fühlten sich als Teil der Familie. Sie hegten keinen Groll. Die Pflegeeltern glauben, das liegt daran, dass sie selbst Justin als Bereitschaftspflegeeltern aufgenommen haben. Er sollte nur vorübergehend bleiben. Dadurch seien sie nicht als Konkurrenz wahrgenommen worden. „Wir sind mal nicht die Bösen“ – für die Pflegemutter eine völlig neue Erfahrung. Die beiden hätten sie nach einem Jahr selbst gebeten, dass Justin bei ihnen bleibt. Und weil sie sich alle in den kleinen Sonnenschein verliebt haben, kam es dann auch so.

Macht es gefühlsmäßig einen Unterschied, ob es das leibliche Kind oder ein Pflegekind ist? „Wir sind eine Familie, ich habe drei Söhne“, sagt Andreas Beer. „Ich denke nie, dass Jerry und Justin nicht meine Kinder sind.“