Kinder mit Krebs Wie erträgt man das Unerträgliche?

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Erna ist vier Jahre alt und hat seit drei Jahren Leukämie. Nichts konnte den Krebs zerstören. Ihre letzte Hoffnung: neuartige Antikörper.

Ernas Vater Axel Brunner ist Tag und Nacht an ihrer Seite. Foto: Heinz Heiss 3 Bilder
Ernas Vater Axel Brunner ist Tag und Nacht an ihrer Seite. Foto: Heinz Heiss

Tübingen - Im Herbst 2008 bestatten Andrea und Axel Brunner ihren totgeborenen Sohn in einem winzigen Sarg. Das Ehepaar ist verzweifelt, und auch die sonst so lebhafte Tochter Erna wirkt betrübt. Zwei Wochen nach der Beerdigung schwillt Ernas Bauch an, und sie will nichts mehr essen. Der Kinderarzt überweist die Einjährige in die Tübinger Uniklinik, noch in derselben Nacht wird sie untersucht. Erna hat Leukämie.

Gut drei Jahre später sitzt Axel Brunner, 42, in der Elternküche der Kinderkrebsstation. Hinter ihm steht ein Fernseher, über ihm hängt ein Adventskranz, vor ihm dampft Pfefferminztee. Brunner hat dunkle Augenränder, seine Unterlippe ist aufgeplatzt, er fühlt sich "völlig platt". Erna bekommt zurzeit wieder Chemotherapie, es ist bereits die dritte: "Wir mussten etwas machen, sonst hätte sie wohl nur noch wenige Tage gelebt."

Tag und Nacht an der Seite der Tochter

Die meisten Nächte verbringt Axel Brunner im Krankenzimmer neben seiner Tochter. Er liegt auf einem Klappbett zwischen piepsenden Apparaten und dem Bett eines anderen kranken Kindes. Seine Frau sieht er kaum noch. Und wenn, liegen die Nerven oft blank. Wer ständig gestresst ist, dem rutschen unbedachte Sätze raus, die eigentlich nicht böse gemeint sind. Es gibt keine härtere Prüfung für eine Ehe als ein todkrankes Kind.

Manchmal bekommt Erna 42 Grad Fieber, und ihr Puls steigt auf 170. Manchmal jammert sie vor sich hin, aber die Schwestern können die Schmerzen nicht vollständig betäuben, weil man einer Vierjährigen nicht grenzenlos starke Arzneimittel verabreichen darf. Manchmal stirbt im Zimmer nebenan ein Kind. Axel Brunner geht dann raus in den Gang und tröstet die Eltern, obwohl er selbst Trost gebrauchen könnte. "Ich kam zuletzt in Situationen, in denen ich nicht mehr konnte", sagt er. "Aber dann rafft man sich doch wieder auf. Schließlich geht es um die eigene Tochter."

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