Kinder-Psychiater zu Kurverschickungen „Eine Kur ist traumatisch für Kinder“

Momentaufnahme am Strand: die Verschickungskinder schauen alles sehr ernst. Foto: StZ/Gobetto

Viele Kurkinder haben eingenässt und konnten nichts mehr essen. Der Bindungsforscher Karl Heinz Brisch sagt, das zeige, unter welch riesigem Stress sie standen und welche Panik sie hatten. Manche Kinder machen diese Erfahrungen heute noch.

Familie/Bildung/Soziales: Hilke Lorenz (ilo)

Stuttgart - Sie wurden ohne ihre Eltern sechs Wochen in Kur geschickt. Für viele ehemalige Verschickungskinder waren die Erfahrungen traumatisch. Der Bindungsforscher Karl Heinz Brisch erklärt warum.

 

Herr Brisch, ist es aus heutiger verantwortbar, ein gerade drei Jahre alte Kind ohne Elternteil oder vertraute Person in Kur zu schicken?

Nein, es war damals nicht zu verantworten und ist es heute erst recht nicht. Durch die langen Trennungen geraten Kinder in Angst und Panik. Ihnen bleibt nichts Anderes übrig, als emotional abzuschalten, damit sie ihre Angst, Panik, Wut, Ohnmacht und Verzweiflung nicht spüren. Sie haben das Gefühl, die Bindungsperson ist weg und kommt gar nicht mehr wieder. Viele Betroffene berichten ja auch, dass ihre Eltern gesagt haben, sie seien als total verändertes Kind zurückgekommen.

Können Kinder unter diesen Bedingungen gesund werden?

Nein, im Gegenteil. Sie bekommen noch zusätzliche Stresserkrankungen. Die sind gravierender als die versprochenen Benefits durch Essen und gute Luft.

Konnte Ihnen der Gedanken helfen, dass die Kur nach sechs Wochen um ist?

Kinder haben in jungem Alter überhaupt kein Zeitgefühl. Sie wissen nicht, was eine Stunde, was ein Tag, eine Woche ist oder sechs Wochen sind.

Kann ein solche Erfahrung dauerhaft das Verhältnis zu den Eltern verändern?

Ja. Schon viel kürzere Trennungszeiten können großen Stress auslösen. Die Bindungsforscher John Bowlby und James Robertson haben das erforscht und in Filmen gezeigt, dass Kinder nicht ohne die Begleitung der Eltern ins Krankenhaus aufgenommen werden sollten. Die Kinder reagierten nach der Trennung von ihren Eltern mit Angst, Panik und Weinen, dann mit Wutanfällen, sie waren verzweifelt, und schließlich waren sie nur noch „brav und ruhig“. Dieser ruhige Zustand entspricht aber keiner emotionalen Zufriedenheit, wie wir heute aus vielen Studien wissen, sondern ist genau dieses emotionales Abschalten zum Überleben, um Angst und Panik nicht mehr zu spüren. Der Körper und das Immunsystem zeigen uns aber, dass die Kinder dann innerlich in einem sehr gestressten Zustand sind, während sie nach außen „ruhig“ erscheinen. Es ist nicht nur eine Frage des Alters, sondern auch, wie viel Angst und Panik ein Kind hat. Kur-Verschickungen für so lange Zeit sind für Kinder zweifellos eine traumatische Erfahrung.

Unabhängig vom Alter?

Für Zwölfjährige ist es vielleicht schon ein bisschen entspannter. Sie können sich viel stärker daran erinnern, wie es wäre, wenn die Mutter da wäre, zum Beispiel im Schullandheim, und sich beruhigen. Wenn Kinder aber krank sind, Schmerzen haben und stationär behandelt werden müssen, benötigen sie die Bindungsperson zur Beruhigung und emotionalen Unterstützung. Aber auch in der Pubertät braucht es gute Vorbereitung und gute Begleitung bei Trennung. Heute ist es mit Telefonaten oder Skypen viel einfacher, Kontakt zu halten. Wenn Eltern ihre Kinder heute schon sehr früh zu einem langen USA-Aufenthalt schicken, damit sie früh „selbstständig“ werden, sterben manche fast vor Heimweh, werden dann krank und kommen psychisch sehr verstört wieder. Oder brechen den Aufenthalt ab, weil sie nicht mehr essen und nicht mehr schlafen können. Also alle diese Zeichen zeigen eine hohe Erregung, die man dann Heimweh nennt. Dies sollten die Eltern sehr ernst nehmen.

Fast alle Verschickungskinder berichten davon, dass sie in der Kur angefangen haben, wieder einzunässen.

Das zeigt, dass sie riesigen Stress hatten, Angst und Panik verspürt haben. Wir haben zwei Stressreaktionen, wenn wir emotional abschalten, was wir auch „dissoziieren“ nennen. Die eine ist eine überlebenswichtige Kampf- und Fluchtreaktion. Da wird man zunächst sehr wütend und friert schließlich emotional ein, ein Kind spürt dann keine Angst, keinen Schmerz und keine Ohnmacht mehr. Kinder sitzen dann da und starren in die Luft und gucken durch einen durch. Die andere Reaktion ist, dass Kinder einnässen und einkoten, sich übergeben. Da ist das ganze Magendarmtraktsystem aktiviert. Das ist die Situation, in der Kinder vor ihrem Teller sitzen und nicht mehr essen können, es ihnen nur schlecht und übel ist. Das Einnässen gehört klassischerweise mit dazu.

Johanna Haarer hat 1934 den NS-Erziehungsratgeber „Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind“ geschrieben, der bis in die 70er Jahre verkauft wurde. Alles, was die Verschickungskinder erzählen, klingt so, als seien sie in den Kurheimen nach diesem nationalsozialistischen Erziehungsratgeber erzogen worden.

Nach den Berichten der Betroffen ist dies offensichtlich genau so gewesen. Die Erziehungstipps von Haarer, die Abhärtung, Gehorsam und Unterwerfung des Kindes zum Ziel hatten, der Wille schon des Säuglings sollte gebrochen werden, sind unreflektiert noch Jahrzehnte nach dem Krieg in unserer Gesellschaft so praktiziert worden. Und vermutlich auch in vielen dieser Kinderheime.

Kann man diese Kurerlebnisse auch wieder loswerden und bewältigen?

Das wirkt nachhaltig. Es sind traumatische Erfahrungen. Sie graben sich tief in die Seele und in die Gehirnstrukturen eines Kindes ein. Natürlich bräuchten die Menschen gute Begleitung und gute Therapie, um das verarbeiten zu können. Das haben die Kinder damals natürlich nicht bekommen. Die Erwachsenen tragen diese Erinnerungen bis ins Erwachsenenalter mit sich herum. Auch dann könnte eine Therapie noch sehr hilfreich sein.

Ist das mit der Mutter-Kind-Kur nun vorbei?

Man hat das auch heute noch in Mutter-und-Kind-Kuren. Dort müssen Mütter ihre kleinen Kinder von hier auf jetzt abgeben, ohne dass es eine Eingewöhnung in die Kinderbetreuung gibt. Auch heute berichten Eltern mir noch von Erzieherinnen in Kinderkrippen und Kindergärten, die mit den Eltern und ihrem Kind keine individuelle Eingewöhnung machen und den Kindern – und oft den Eltern – sehr stressvolle, traumatischen Trennungserlebnisse zumuten. Das ist nach wie vor hochaktuell. In Kinderkliniken ist es noch lange nicht überall selbstverständlich möglich, dass Eltern immer und ohne lange Diskussionen bei ihren Kindern bleiben dürfen, wenn sie untersucht und behandelt werden. Da haben wir als Gesellschaft noch viel zu tun, um Kinder auch heute vor traumatischen Trennungserfahrungen zu schützen!

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