Kinder- und Frauenschutz Zwangsehen im Kreis Esslingen – „Nur die Spitze des Eisbergs“

, aktualisiert am 16.04.2025 - 10:01 Uhr
Zwangsverheiratete Frauen führen oft ein Leben in Einsamkeit. Foto: //Zoonar.com/Evgeniia Gordeeva

Die Frau muss sich fügen. Eine Botschaft, die in patriarchal strukturierten Familien zur Erziehung gehört. Auch im Kreis Esslingen gibt es Fälle, bei denen Frauen – teilweise noch minderjährige – selbst bei der Wahl des Ehegatten nichts zu melden haben.

Kinder oder Jugendliche werden gegen ihren Willen verheiratet. Klingt für viele Menschen erst einmal nach einer Sache, die man zwar kennt, aber die man eher weit weg verortet. Das ist leider falsch. Im Kreis Esslingen gibt es laut Kerstin Deuschle, Koordinatorin des Kinderschutzes für den Landkreis Esslingen, geschätzt etwa zwei Fälle von drohenden Zwangsehen von Minderjährigen pro Jahr. Wobei oft die Eheschließung noch verhindert werden könne. „Ich glaube, es ist nicht allen bewusst, dass es so etwas im schönen, eher ländlichen Kreis Esslingen gibt“, sagt Deuschle. Daher gelte es, präventiv tätig zu werden. Beispielsweise jüngst mit einer Schulung für Menschen, die mit eventuell gefährdeten Jugendlichen zusammenarbeiten.

 

Gefährdet seien – unabhängig vom sozialen Status – Kinder aus traditionell geprägten Familien, in denen Männer das Sagen haben – egal ob aus Syrien, Griechenland, Süditalien, Kosovo oder vielen anderen Ländern oder Regionen. Religion spiele oft, aber nicht immer eine Rolle. Durch die patriarchalen Familienstrukturen ist es ein Problem, das junge Frauen stärker betrifft, sagt eine Mitarbeiterin von Yasemin, der baden-württembergischen Fachberatungsstelle „für Betroffene von Gewalt im Namen der sogenannten Ehre“, wie die Beraterin erklärt. „Aber“, ergänzt sie, „es werden immer zwei Personen miteinander zwangsverheiratet.“

Frauen erfahren häufig psychischen oder sexuellen Missbrauch

Für Männer würde das Leben aber zumeist relativ normal weitergehen, da sie nicht mit Einschränkungen ihrer Persönlichkeitsrechte klarkommen müssen. Für die Frauen bedeute ein Zwangsehe oft ein Leben ohne Privatsphäre, degradiert zu einem Besitztum, das die Rolle der Hausfrau und Mutter zu übernehmen habe. „Die Zwangsehe ist nur die Spitze des Eisbergs. Der gehen meist jahrelange Unterdrückung und oft auch psychische, physische oder sexuelle Gewalt voraus“, sagt die Beraterin. Erst seit dem Jahr 2011 gibt es den Straftatbestand Zwangsheirat, seit 2017 das Gesetz zur Bekämpfung von Kinderehen. „Wobei das nur eine Ordnungswidrigkeit ist“, sagt sie.

79 Fälle von drohenden Zwangsehen

Im Jahr 2024 habe die landesweit tätige Beratungsstelle 269 Akten angelegt. In 79 Fällen sei es um Zwangsehen gegangen. Wobei sich die Stelle nicht nur um Minderjährige kümmert, sondern die Zielgruppe seien Frauen zwischen zwölf und 27 Jahren. „Es gibt auch Frauen, die erst zu uns kommen, wenn sie volljährig geworden sind“, sagt die Beraterin.

Ihren Namen darf sie aus Sicherheitsgründen nicht nennen, da Familien, in denen eine Zwangsehe verhindert wurde, oft alle Hebel in Bewegung setzen, um die aus ihrer Sicht verletzte Familienehre wiederherzustellen und um der entflohenen Tochter habhaft zu werden. Es gebe aber auch Fälle, in denen junge Männer sagen würden: „Ich kann doch nicht meine Cousine heiraten, die kenne ich seit meiner Kindheit“, erzählt die Beraterin. Oder die jungen Männer hätten bereits eine Freundin, die sie nicht verlassen wollen. In manchen Fällen spiele eine verborgene Homosexualität eine Rolle.

Eine drohende Zwangsheirat kann man leicht übersehen

Klassische Warnzeichen für eine drohende Zwangsehe gibt es laut Deuschle und der Yasemin-Beraterin nicht. Manchmal gebe es Auffälligkeiten wie: ein plötzlich wechselnder Kleidungsstil, das Verhalten ändere sich in Richtung Bedrücktheit oder gar Aggression. Oder ein Urlaub in das Heimatland stehe an, auf den sich der oder die Betroffene ganz offensichtlich nicht freut.

Wenn man als Außenstehender den Verdacht hege, dass ein junger Mensch zwangsverheiratet werden soll, gelte es, auf keinen Fall selbstständig einzugreifen. „Immer an den Bezirkssozialdienst wenden, der auch die Gefährdung für die Betroffenen einschätzt“, sagt auch die Koordinatorin für Kindesschutz. Eine Gratwanderung für den Sozialdienst: „Die Schwierigkeit liegt darin, dass wir einen guten Mittelweg finden müssen zwischen: Ich muss schnell handeln, aber erst einmal ein Vertrauensverhältnis mit der Jugendlichen aufbauen“, sagt Deuschle. Es sei ein sehr emotionales Thema, bei dem man nicht über den Kopf der Betroffenen hinweg entscheiden könne. „Die Jugendlichen sind dabei in ihren Gefühlen sehr ambivalent, weil sie seit Geburt in diesen patriarchalen Strukturen aufgewachsen sind“, erklärt sie weiter. Daher falle es ihnen oft schwer, diese meist lebensverändernde Entscheidung zu treffen, ob sie Hilfe annehmen möchten. Es stehe auf der einen Seite zur Wahl, die Familie zu enttäuschen und in manchen Fällen sogar zu verlassen und auf der anderen Seite die Möglichkeit auf ein selbstbestimmtes Leben.

Zu wenig Schutzräume für Frauen in Not

Die Beratungsstelle Yasemin wie auch der Bezirkssozialdienst würden, wenn sie von solchen Fällen erfahren, erst einmal versuchen, unbemerkt von der Familie ein Treffen mit der betroffenen Person zu organisieren – beispielsweise in der Schule oder auf einem Spielplatz. Gerade junge Frauen würden oft stark von ihren Familien überwacht. Meist würden außenstehende Vertrauenspersonen oder Freunde die entsprechenden Stellen informieren, nur in seltenen Fällen würden sich die jungen Frauen selbst melden. Falls es notwendig sein sollte, die jungen Menschen in Obhut zu nehmen – das heißt, sie an einen sicheren und geheimen Ort außerhalb der Zugriffsmöglichkeiten der Familie zu bringen – , gebe es oft logistische Probleme. Die Vertreterinnen vom Bezirkssozialdienst und der Beratungsstelle sind sich einig: Es gibt deutlich zu wenig Schutzräume im Land. Oft müsse man nach Übergangslösungen suchen wie: kurzzeitige Unterbringung bei einer Freundin der Betroffenen oder in einer Pflegefamilie, wenn es um Minderjährige geht.

Hier gibt es Hilfe

Kreis Esslingen
Auf der Internetseite des Landratamtes finden sich sämtliche Ansprechpartner nicht nur der Bezirkssozialdienste im Kreis, sondern auch für psychologische Beratungsstellen, Integrationshilfen, Familienhilfen und vieles mehr: www.landkreis-esslingen.de/start/soziales/adressen+und+ansprechpartner.html

Yasemin
Träger der Fachberatungsstelle Yasemin sind die Evangelische Gesellschaft und das Ministerium für Soziales, Gesundheit und Integration. Die drei Beratungsschwerpunkt sind: Zwangsehe, „Gewalt im Namen der sogenannten Ehre“ und weibliche Genitalbeschneidung. Die Beraterinnen sind erreichbar unter der Nummer: 0711 / 65 86 95 26 oder per Mail: info@eva-yasemin.de. Sowohl Yasemin als auch der Sozialdienst behandeln alle Anrufer und Mails vertraulich und anonym. Mehr Informationen auf: https://www.eva-stuttgart.de/unsere-angebote/angebot/beratungsstelle-yasemin

Weitere Themen

Weitere Artikel zu Kreis Esslingen