Kinder und ihre Ängste Auf Augenhöhe mit dem Angstmonster

Auch wenn Erwachsenen die Angst vor diesem Gesellen hier nicht rational erscheint. Kinder haben ihre Gründe. Foto: Unsplash/Ashkan Forouzani

Kindliche Ängste vor Monstern, Tieren oder bestimmten Personen lassen sich nicht immer rational verstehen. Warum sie dennoch zur Entwicklung dazu gehören und welchen Anteil Eltern daran haben.

Sehr langsam und gebückt, mit Gehhilfe und tiefen Falten im Gesicht läuft der alte Mann den Gehweg entlang. Jeden Morgen trifft er dort auf einen Fünfjährigen, der auf dem Weg zum Kindergarten ist. Der alte Mann grüßt sehr herzlich, das Kind versteckt sich hinter seinem Papa. Warum? „Ich fürchte mich!“

 

Grundsätzlich ist Angst etwas ganz Normales, eine Grundemotion wie auch Freude, Ekel oder Wut, die alle Menschen empfinden und die überlebenswichtig ist. Denn Angst setzt im Körper ein Alarmsystem in Gang: Wir werden wacher und sind dann jederzeit bereit, anzugreifen, zu flüchten oder zu erstarren. Vorausgesetzt, es droht echte Gefahr.

Emotionale Bewertung

Unser Gehirn ist in der Regel in der Lage, eine emotionale Situation zu bewerten: Gewitter sind zwar unheimlich, aber im Haus ist man geschützt. Die Spinne hat zwar lange Beine, aber sie greift nicht an. Der alte Mann sieht vielleicht aus wie eine unheimliche Figur aus dem Märchen, aber man kann an ihm vorbeigehen, ohne dass etwas passiert. „Normalerweise haben wir ein gutes Gleichgewicht im Gehirn, um Gefahren richtig einzuschätzen“, sagt Sonja Hasler, die als Doktorandin am Zentrum für Entwicklungs- und Persönlichkeitspsychologie an der Universität Basel arbeitet.

Damit sich dieses Gleichgewicht entwickeln kann, muss man eine Angst machende Situation erst einmal erlebt haben – und den Umgang damit lernen. Weshalb Kinder entwicklungsbedingt auch häufiger Angst haben als Erwachsene.

Los geht es mit etwa einem Jahr mit Trennungsängsten in dem Moment, in dem die Kinder selbst mobiler und selbstständiger werden. „Zwischen zwei und vier Jahren haben dann viele Kinder Angst vor der Dunkelheit, vor Gewittern, vor Feuer oder vor dem Alleinsein. Das kann man aus der Evolution heraus gut erklären, das waren früher ja echte Gefahren in der Natur draußen“, sagt Christian Fleischhaker, Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie am Uniklinikum Freiburg.

Fantasiegestalten im echten Leben

Im Alter von etwa vier bis sechs Jahren sind Ängste vor Monstern oder Gespenstern typisch. Kinder kennen solche Fantasiegestalten aus Büchern, Hörspielen und Filmen. „Sie können in diesem Alter aber noch nicht klar unterscheiden, was Fiktion ist und was Realität“, sagt die Klinische Psychologin Susanne Knappe von der Evangelischen Hochschule Dresden. Und wenn die Nachbarin dann der Hexe aus dem Bilderbuch ein wenig ähnlich sieht oder der buckelige Mann einem bösen Zauberer – wer weiß, ob sie nicht wirklich Hexen oder Zauberer sind?

Ab dem Grundschulalter werden Ängste unspezifischer, soziale Ängste und Leistungsängste stehen im Vordergrund. Ängste vor Monstern oder der Trennung von den Eltern verschwinden in der Regel entwicklungsbedingt von allein wieder. „Bei etwa zehn Prozent der Kinder ist das jedoch nicht der Fall. Sie haben dann beispielsweise auch als Zehnjährige noch Angst davor, allein ohne Eltern in der Schule zu bleiben“, sagt Susanne Knappe. Wenn entwicklungsbedingte Ängste über das jeweilige Alter hinaus bestehen, ist es angebracht, sich Hilfe von Experten zu suchen.

Die meisten Kinder lernen von sich aus Strategien, um mit Angst machenden Situationen umzugehen. „Dazu braucht ein Kind Selbstwirksamkeit, also die innere Überzeugung, schwierige oder herausfordernde Situationen selbstständig meistern zu können“, sagt die Psychologin Sonja Hasler. Ein Teil dieser Selbstwirksamkeit liegt in der Persönlichkeit des Kindes. Genauso wie auch Ängste teilweise genetisch veranlagt sind.

Die Selbstwirksamkeit der Kinder

„Es gibt tatsächlich Menschen, die von Geburt an anfälliger sind für manche Ängste als andere“, sagt Christian Fleischhaker. So schaffen es zwei Geschwister vielleicht ohne große Trennungsangst durch die Kindergartenzeit, das dritte Kind der Familie hat aber sehr damit zu kämpfen. Dann kommen die Umweltbedingungen ins Spiel. Wie reagieren die Eltern darauf, wie die Erzieher im Kindergarten? Unterstützen sie das Kind dabei, eigene Strategien zu finden, mit der Trennungsangst umzugehen? Oder darf das Kind morgens zu Hause bleiben, wenn es nicht gehen möchte?

„Eltern können Selbstwirksamkeit aktiv einüben, indem sie das Kind Herausforderungen erleben und meistern lassen, ihnen etwas zutrauen und Verantwortung übertragen“, sagt Sonja Hasler. Dazu gehören auch Pflichten wie den Tisch decken oder den Müll rausbringen. Dinge, auf die Kinder nicht unbedingt Lust haben. Sie lernen dabei aber: Ich muss das trotzdem machen – und ich kann mich auch überwinden, das zu tun.

Abgeschaut von den Alten

Hinzu kommt, dass Kinder sich viele Verhaltensweisen auch von Erwachsenen abschauen. Wenn die Eltern eher einen Bogen um Hunde machen, registrieren das Kinder. Egal ob eine Angst unbegründet scheint oder tatsächlich eine Gefahr zugrunde liegt: Ernst nehmen sollten Eltern kindliche Ängste immer. „Dann kann man versuchen herauszufinden, was genau dem Kind unangenehm ist“, sagt Christian Fleischhaker.

Manchmal fehlt es nur an Wissen: Warum läuft ein alter Mensch gebückt, wozu braucht er diese Gehhilfe? Oder an einer Strategie, um mit Situationen umzugehen: Was kann ich tun, wenn der Bus an meiner Ausstiegshaltestelle nicht anhält? „Für so etwas kann ich das Kind befähigen, dann kann es bei der nächsten Busfahrt weniger Angst davor haben“, sagt Susanne Knappe.

Kleine Schritte

Bei vielen Ängsten hilft den Experten zufolge aber nur eins: sich ihnen langsam und in kleinen Schritten auszusetzen und zu schauen, was man gerade noch aushalten kann. „Dabei ist es nie das Ziel, die Angst zu verlieren. Es ist völlig o. k., Angst zu haben. Es geht darum, einen gesunden Umgang mit der Angst zu finden“, sagt Sonja Hasler.

Der Fünfjährige und der alte Mann begegnen sich weiterhin jeden Morgen. Inzwischen versteckt der Junge sich nicht mehr hinter dem Rücken seines Papas. Neulich hat er den alten Mann sogar kurz angelächelt. Und er will ihn fragen, wie alt er eigentlich ist. Irgendwann.

Info

Corinna Leibig: Das kleine Bauchweh.
Vom Essen, vom Achterbahnfahren oder doch vor Angst? Das kleine Bauchweh versucht herauszufinden, warum es solche Schmerzen hat. Das schön gestaltete Bilderbuch bietet einen Zugang schon mit Kindergartenkindern über Angst zu sprechen. Angefügt ist ein Infoteil für Eltern über Ängste und den Umgang damit. (Mabuse, 20 euro

Ulrike Légé & Fabian Grolimund: Huch, die Angst ist da! Wie sich Kinder und Eltern mit ihrem Angstmonster aussöhnen können.
Das Buch fordert Eltern- wie Kinder auf, sich aktiv mit dem Thema Angst zu beschäftigen. Woher kommen Ängste, was machen sie mit uns – und wie können wir lernen damit umzugehen? Dazu gibt es viele Seiten zum Ausfüllen für Eltern wie Kinder sowie Pläne, was sich tun lässt, wenn die Angst kommt – beispielsweise vor einer Prüfung oder bei einer Übernachtung außer Haus. (Hogrefe, 20 Euro)

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