Kinder- und Jugendhospizdienst Dem Tod ein wenig den Schrecken nehmen

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Ist ein Kind lebensverkürzend erkrankt, kann der Kinder- und Jugendhospizdienst die betroffene Familie entlasten. Für „Sternentraum“ im Rems-Murr-Kreis kümmert sich unter anderem Barbara Müller ehrenamtlich um die Geschwister schwerkranker Kinder.

Barbara Müller engagiert sich im Kinder- und Jugendhospizdienst Sternentraum. Foto: Gottfried Stoppel
Barbara Müller engagiert sich im Kinder- und Jugendhospizdienst Sternentraum. Foto: Gottfried Stoppel

Backnang - Wenn Barbara Müller erzählt, dass sie sich ehrenamtlich im Kinder- und Jugendhospizdienst engagiert, reagieren manche Menschen mit Unverständnis: „Wie kannst du dir das antun?!“, ist eine Frage, die die 68-Jährige häufiger hört. „Der Tod gehört zum Leben dazu“, sagt Müller ruhig. Sie findet es schade, dass sich so wenige Menschen dafür öffnen – denn „vom Wegschieben wird alles nur schlimmer“, ist sie überzeugt.

Als ihre eigenen Kinder im Jahr 2006 aus dem Gröbsten heraus waren, hat die Frau aus Oppenweiler nach einer sinnvollen Aufgabe gesucht und ist auf die Anzeige des Kinder- und Jugendhospizdienstes Sternentraum in Backnang gestoßen. Damit gehörte sie damals zu den Ehrenamtlichen der ersten Stunde. In einem 100 Stunden umfassenden Kurs wurden sie auf ihre Aufgabe vorbereitet, lernten unter anderem etwas über Trauermodelle, kindliche Entwicklung und kindgerechte Literatur zum Thema Tod.

Geschwister kommen oft zu kurz

Seitdem hat Sternentraum immer wieder neue Ehrenamtliche selbst ausgebildet. Im Oktober startet ein weiterer Kurs, die 18 Teilnehmer stehen schon fest. „Wir versuchen eine bunte Mischung unterschiedlicher Charaktere auszuwählen, damit wir auch die Unterschiedlichkeit der Familien abdecken können“, erklärt Simone Hascher, eine der drei hauptamtlichen Koordinatorinnen bei Sternentraum. Der Hospizdienst betreut nicht nur lebensverkürzend erkrankte Kinder, sondern auch deren Geschwister, denn diese kommen häufig zu kurz.

„Es ist schön zu erleben, wie diese Kinder aufblühen, wenn sie merken, dass jemand nur für sie da ist“, sagt Barbara Müller, die sich in den vergangenen Jahren um einige Geschwister von schwerkranken Kindern gekümmert hat. Gerne ist sie mit ihnen raus in die Natur gegangen um zur Ruhe zu kommen, oder zum Klettern auf den Spielplatz. Die Bedürfnisse und Wünsche des Kindes stünden dabei stets im Vordergrund: „Einfühlungsvermögen ist wichtig“, sagt Barbara Müller. „Man muss schon sehr flexibel sein und sich auf die betroffene Familie vorbehaltlos einlassen können“, ergänzt Hascher. Die wichtigste Eigenschaft, die die Ehrenamtlichen mitbringen müssten, sei Zuverlässigkeit: Drei bis vier Stunden verbringen sie jede Woche mit ihren Schützlingen.

Freude an den kleinsten Dingen

„Wir sind nicht ständig am Weinen, wir sind auch viel am Lachen“, betont Barbara Müller und man glaubt es ihr sofort. Sie wirkt fröhlich, hat einen freundlichen Blick. Mit einem Lächeln erinnert sie sich an einen Spielplatzbesuch, bei dem ein Kind rief: „Guck mal, da ist eine Oma im Klettergerüst.“ Von den Kindern könne man viel lernen – etwa „die Freude an kleinsten Dingen. Auch wenn es in der Familie gerade sehr traurig ist, zeigen sie, dass es immer noch etwas gibt, was schön ist und wofür es sich zu leben lohnt“, sagt Müller. Gemeinsam bringen sie und ihre Schützlinge ein wenig Farbe in die Trauer, versuchen, dem Tod etwas von seinem Schrecken zu nehmen – zum Beispiel, indem sie den Sarg für das Geschwisterkind bemalen oder eine Erinnerungsschatzkiste gestalten.

Über ihre kranken Geschwister sprechen viele Mädchen und Jungen eher nebenbei, stellen Fragen wie „Warum muss ein Kind so früh sterben?“ „Man kann nicht alles beantworten. Aber man kann die Kinder fragen, was sie sich vorstellen“, so Müller. Wichtig sei es, die Trauergefühle des Kindes auszuhalten und nicht zu bewerten – denn jeder geht anders mit Trauer um.

Es fehlt an Männern

Den Rückhalt für ihr Engagement findet Barbara Müller bei ihrer eigenen Familie, durch den Austausch mit den anderen Ehrenamtlichen und in der regelmäßigen Supervision. Die eigenen Ressourcen müsse man im Blick behalten: „Wenn ich total ausgelaugt bin, kann ich nichts mehr geben“, sagt die 68-Jährige. Am Anfang sei es für sie zunächst schwierig gewesen, zu ergründen, was die betreute Familie braucht, wo ihre Aufgaben, aber auch ihre Grenzen als Ehrenamtliche sind. „Man wird mit sich selbst konfrontiert“, schildert Barbara Müller ihre Erfahrungen.

Sobald eine Familie eine entsprechende Diagnose erhält, kann sie vom Kinder- und Jugendhospizdienst Unterstützung erhalten. Derzeit sind fünf Haupt- und 28 Ehrenamtliche für die Einrichtung tätig, unter letzteren nur zwei Männer. „Männer sind rar, wir bräuchten mehr“, sagt Simone Hascher. Immer wieder fragten Familien gezielt nach einem männlichen Trauerbegleiter. So oder so: „Diese Arbeit wäre ohne Ehrenamtliche nicht möglich“, betont die Koordinatorin.

Wenn ein Kind schwer krank ist, kommen meistens viele verschiedene Fachkräfte ins Haus, etwa Pfleger oder Therapeuten, die die Eltern unterstützen. Die Geschwisterkinder reagieren daher zunächst oft skeptisch auf noch einen weiteren Fremden. „Man muss nach und nach Vertrauen aufbauen, zuhören, beobachten“, erklärt Barbara Müller. Dann aber kann es schon sein, dass ein Kind Sätze sagt wie diesen: „Ich liebe dich wie eine Oma.“ Die Freude darüber merkt man Barbara Müller noch heute an, auch wenn ihr Engagement für dieses Kind inzwischen beendet ist. Bald möchte sie sich um eine neue Familie kümmern. „Solange ich noch klettern kann“, sagt sie lachend.

Kinder- und Jugendhospizdienste im Kreis

Angebote:
Außer dem Kinder- und Jugendhospizdienst Sternentraum gibt es in der Region auch noch den Kinder- und Jugendhospizdienst Pusteblume, als Teilbereich der Hospizstiftung Rems-Murr-Kreis. Für Pusteblume sind derzeit 16 Ehrenamtliche aktiv im Einsatz.

Kurse
: Pusteblume bildet in diesem Jahr ebenfalls neue ehrenamtliche Hospizbegleiter für Kinder und Jugendliche aus. In dem Kurs, der im Oktober beginnt, sind noch einige Plätze frei. Interessierte sollten dazu bereit sein, sich regelmäßig in der betroffenen Familie zu engagieren und an Gruppenabenden und Supervisionen teilzunehmen.

Kontakt
: Weitere Informationen zu Pusteblume gibt es unter www.hospiz-remsmurr.de, Sternentraum ist unter www.kinderhospizdienst.net vertreten.