Kinder und Jugendliche Die Sache mit den Smartphones

Schülerinnen und Schüler am Smartphone Foto: imago/Shotshop/Monkey Business

Ein Erlebnis in der Stadtbahn hat unsere Kolumnistin nachdenklich gestimmt. Sie verweist auf Großbritannien, wo sich eine Initiative für eine „Kindheit ohne Smartphone“ einsetzt.

In der Stadtbahn in Stuttgart sitzt mir ein Jugendlicher gegenüber, er ist vielleicht vierzehn oder fünfzehn und starrt konzentriert auf sein Handy. Nach ein paar Haltestellen lässt sich ein zweiter Jugendlicher neben ihn auf den Sitz plumpsen, nur ein kurzes Nicken deutet darauf hin, dass die zwei sich kennen. Beide beugen sich über ihr Smartphone. Ich überlege mir allen Ernstes, ob sie möglicherweise gehörlos sind, aber ein paar Haltestellen weiter tippt der eine auf sein Display. Sie schauen zusammen etwas an, lachen, wechseln zwei, drei Sätze dazu. Vom Pragsattel bis zum Hauptbahnhof daddeln beide weiter, jeder für sich, schweigend.

 

Was das Smartphone mit Angststörungen zu tun hat

Wie kann es sein, dass zwei Teenies erst dann einen Gesprächsanlass finden, wenn sie etwas auf dem Smartphone sehen? Die Episode in der Stadtbahn passt zu dem, was Jonathan Haidt in seinem Sachbuch „Generation Angst“ beschreibt. Der amerikanische Sozialpsychologe, dessen Buch vor allem in Elternkreisen für Diskussion sorgt, untersucht den Zeitraum ab 2010 und damit die erste Generation, die schon in jungen Jahren mit dem Smartphone in Berührung kam. Haidt behauptet, dass die massive Zunahme an Depressionen und Angststörungen vor allem bei Mädchen der sogenannten Generation Z auf Smartphone, soziale Medien und Selfiekultur zurückzuführen ist. Jugendliche, so Haidt, werden im virtuellen Universum alleine gelassen, in der wirklichen Welt dagegen überbehütet, freies Spielen ohne Elternaufsicht findet kaum mehr statt – es gibt immer weniger direkte Kommunikation.

Soziale Medien erst ab 16?

Die Sorge um Kinder, die nicht mehr spielen, sondern nur noch am Smartphone kleben, hat auch zwei befreundete Familien in Großbritannien letztes Jahr dazu veranlasst, eine Bewegung namens „Smartphone-Free Childhood“, also Kindheit ohne Smartphone, ins Leben zu rufen. Mittlerweile sind Tausende Eltern in SFC-Gruppen organisiert. Die Idee: Je mehr Eltern sich zusammentun, desto mehr Kinder ohne Smartphone, sodass die Sorge, das Kind ohne Smartphone zu isolieren, an Gewicht verliert. Haidt wird kritisiert, seine Thesen seien einseitig, würden die Komplexität unserer heutigen Welt nur teilweise abbilden. Trotzdem hat er eine Diskussion ausgelöst, die überfällig ist. Dass viele junge Wählerinnen und Wähler rechts gewählt haben, weil die AfD Tiktok so erfolgreich bespielt hat, sollte nicht nur die Parteien nachdenklich machen. Haidt fordert unter anderem, soziale Medien erst ab sechzehn freizugeben.

Das geht alle etwas an

Eine Kindheit, wie sie meine Generation hatte, als man nach dem Mittagessen verschwand, um zum Abendessen wieder aufzutauchen, wird es nicht mehr geben. Aber wie es gelingen kann, Kindern wieder zu einem glücklicheren, unbeschwerteren Aufwachsen zu verhelfen, das geht nicht nur Eltern und Schulen etwas an, sondern uns alle.

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