Kinder und Jugendliche Wenn die Pandemie zum Auslöser für Depressionen wird
Psychische Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen steigen insbesondere seit der Coronapandemie stark an. Woran liegt das? Was sind Anzeichen – und was fordern Fachleute?
Psychische Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen steigen insbesondere seit der Coronapandemie stark an. Woran liegt das? Was sind Anzeichen – und was fordern Fachleute?
Sie haben kaum Spaß an Dingen, die sie bisher mochten, oder schlicht keine Energie. Oft wird der Schlaf schlecht, die Stimmung ist über Tage und Wochen gedrückt. Und viele ziehen sich zurück, innerhalb der Familie, aber auch von Freundinnen oder Freunden. Solche Veränderungen bei jungen Menschen können Anzeichen sein für eine Depression. „In der Coronapandemie sind sehr viele Kinder und Jugendliche an einer Depression erkrankt“, sagt Tobias Renner, Ärztlicher Direktor der Abteilung für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie im Kindes- und Jugendalter am Uniklinikum Tübingen.
Schon in den Jahren zuvor hat es bei psychischen Erkrankungen einen Zuwachs gegeben, in der Pandemie sei dieser aber noch mal deutlich stärker gewesen, sagt Renner – vor allem bei den Notfallversorgungen habe man in der Kinder- und Jugendpsychiatrie eine erhebliche Zunahme erlebt.
Dabei dürften nicht nur Schulschließungen und Lockdowns eine Rolle gespielt haben. Treffen mit Gleichaltrigen waren seltener, viele Freizeitangebote fanden lange nur eingeschränkt statt. „Es war und ist insgesamt eine Zeit der Verunsicherung, eine Zeit mit wenig Konstanz“, sagt Renner. In vielen Familien seien Stress und Sorgen besonders stark gewesen, das habe sich auch auf die Kinder ausgewirkt. Eine solche Belastung kann dann eine Depression auslösen.
Die Entwicklung zeigt sich auch in den Zahlen: Die DAK-Gesundheit Baden-Württemberg hat die anonymisierten Abrechnungsdaten von rund 84 000 bei der Krankenkasse versicherten Kindern und Jugendlichen für 2019 und 2020 auswerten lassen. Dabei zeigte sich, dass 2020 deutlich mehr junge Menschen erstmals wegen einer Depression behandelt wurden als noch vor der Pandemie.
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Besonders bei Jugendlichen zwischen 14 und 17 Jahren stieg die Zahl – um über 22 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. 2,6 Prozent der Jugendlichen in dieser Altersgruppe mussten laut Auswertung wegen einer Depression behandelt werden. Bei den Zehn- bis 14-Jährigen war es demnach ein Anstieg um 15 Prozent, bei den Fünf- bis Neunjährigen um 17 Prozent. Und: Im späten Jugendalter waren Mädchen fast zweimal so oft wegen einer Depressionen in ärztlicher Behandlung wie gleichaltrige Jungen. Es brauche eine offene Diskussion über das Tabuthema Depression im Land, sagt DAK-Landeschef Siegfried Euerle. „Wir möchten hier alle sensibilisieren - die Familie, das Umfeld in der Schule oder im Sportverein.“
In den vergangenen Monaten sei die Zahl der Neuerkrankungen weiter gestiegen, sagt Michael Günter, Ärztlicher Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie im Klinikum Stuttgart. „Seit dem vergangenen Frühjahr und Sommer haben wir noch mal eine ganz starke Zunahme gesehen, fast eine Explosion.“ Günter geht davon aus, dass insbesondere die Dauer der Belastung durch die Pandemie dazu geführt hat, dass mehr Kinder psychisch erkranken. Neben Depressionen seien laut des Experten auch mehr Kinder und Jugendliche mit Angststörungen und Essstörungen behandelt worden.
In der Regel sind es verschiedene Faktoren, die zusammenkommen, damit eine Depression ausgelöst wird. Die Veranlagung spielt eine Rolle, eine entsprechende Persönlichkeitsstruktur, belastende Erlebnisse und spezifische Stressoren – zum Beispiel durch die Pandemie. „Die Frage ist dann, wie man selbst oder das Umfeld damit umgeht“, sagt Günter. „Gerade in Familien, die sowieso schon belastet sind, sind oft kaum Ressourcen vorhanden, um die kindliche Belastung abzupuffern.“ Nicht immer äußert sich eine psychische Erkrankung dann in anhaltend negativer Stimmung oder Lustlosigkeit, insbesondere bei Kindern können zunächst auch körperliche Symptome wie Schmerzen auftreten.
Mit einer unmittelbaren Besserung der Situation rechnet Facharzt Michael Günter nicht. „Die Lockerungen tragen sicher dazu bei, dass das Belastungserleben von jungen Menschen abnimmt“, sagt er. Doch diejenigen, die bereits erkrankt seien, blieben geschädigt – und müssten behandelt werden. Die Wartezeiten für Behandlungen sind nicht nur in den Kliniken lang, teilweise müsse man dort bis zu einem Jahr auf einen Platz warten, berichtet Günter aus Gesprächen mit anderen kinder- und jugendpsychiatrischen Chefärzten im Land. Auch der Tübinger Facharzt Tobias Renner berichtet von erheblich längeren Wartezeiten. Die Zunahme bei den Erkrankungen werde noch zwei, drei Jahre lang nachwirken, sagen beide Experten.
Das Land hat bereits erste Maßnahmen zur Entzerrung der Lage angestoßen. Insgesamt 120 zusätzliche Plätze sollen bis Sommer in den Kinder- und Jugendpsychiatrien des Landes geschaffen werden, heißt es vom Gesundheitsministerium – befristet auf zwei Jahre. Auch häusliche Behandlung durch ärztlich geleitete mobile Teams ist durch eine neue Regelung künftig vermehrt möglich. Bei der ambulanten Versorgung stehen laut Ministerium etwa Ermächtigungen und Sonderbedarfszulassungen im Fokus – so sollen mehr Fachleute im Rahmen der kassenärztlichen Versorgung behandeln können. Mittel- bis langfristig könnten weitere Niederlassungsmöglichkeiten für Ärztinnen und Ärzte in dem Bereich geschaffen werden, heißt es.
Kinder- und Jugendpsychiater Michael Günter findet die Ansätze wichtig. „Die Programme zur Aufarbeitung an den Schulen sind mir aber zu stark auf Lerndefizite ausgerichtet“, sagt er. „Hier sollten stärker Angebote für eine Verbesserung verloren gegangener sozialer Kompetenzen und von Entwicklungsdefiziten aufgebaut werden.“
Auch Tobias Renner hält es für zentral, dass an den Schulen verstärkt auf die seelischen Belastungen der Kinder und Jugendlichen eingegangen wird. „Ein Ausbau der Schulsozialarbeit wäre ein guter Ansatz, auch die Anstellung von Gesundheitsfachkräften an Schulen könnte helfen“, sagt der Experte. Es müsse klar sein, sagt auch er, dass mit dem Ende der Corona-Schutzmaßnahmen nicht alles vorbei sei. „Die fordernde Zeit wird nachwirken, und wir gehen davon aus, dass auch der Krieg in der Ukraine eine große Belastung für junge Menschen ist.“
Weitere Erkenntnisse aus dem Kinder- und Jugendreport
Adipositas
Der Kinder- und Jugendreport der DAK-Gesundheit hat auch andere Auswirkungen der Pandemie im Südwesten untersucht. So wurden 2020 demnach neun Prozent mehr baden-württembergische Grundschulkinder erstmals wegen einer Adipositas ärztlich behandelt als noch im Jahr 2019.
Alkoholmissbrauch
Zurückgegangen ist laut Report während des ersten Pandemiejahres dagegen die Zahl der Kinder und Jugendlichen, die wegen Alkoholmissbrauchs oder Cannabiskonsums ärztlich behandelt werden mussten. Auch gab es ein Drittel weniger Antibiotika-Verschreibungen.