Kinder- und Jugendpsychiatrie Chefarzt über Kliniken am Limit – „Sehen viele Kinder mit mehreren Diagnosen“

, aktualisiert am 11.02.2026 - 13:24 Uhr
Immer mehr Kinder und Jugendlich leiden an Depressionen, Ängsten oder Essstörungen. Die Kliniken sind überfüllt. Foto: Nicolas Armer/dpa

Die Zahl psychisch kranker Kinder steigt seit Jahren deutlich. Die Stationen sind an der Belastungsgrenze. Der Chefarzt Gunter Joas aus Esslingen fordert grundlegende Änderungen.

Psychologie/Partnerschaft: Nina Ayerle (nay)

Daten von Krankenkassen zeigen, die Zahl psychisch kranker Kinder und Jugendlicher, die einen Klinikaufenthalt benötigen, steigt seit Jahren. Innerhalb von zwei Jahren sind die Zahlen um 40 Prozent gestiegen. Der Chefarzt Gunter Joas aus Esslingen spricht im Interview über überlastete Stationen, neue Herausforderungen und mögliche Lösungsansätze für ein überfordertes System.

 

Herr Joas, wie ist die Lage bei Ihnen seit der Pandemie?

Man denkt, es wird irgendwann mal besser, aber die Situation in den Kliniken ist weiterhin sehr angespannt. Wir sind froh, dass in Baden-Württemberg in jüngster Vergangenheit die Bettenzahl erhöht worden ist. Aufgrund der hohen Inanspruchnahme ist es aber leider nicht ausreichend.

Was hat sich verändert in den letzten Jahren?

Wir sehen viele Patienten und Patientinnen, die nicht nur eine Diagnose, sondern mehrere haben. Viele haben lebensmüde Gedanken, bis hin zu Suizidalität – eine neue Dimension. Der Druck auf die Stationen steigt. Psychische Erkrankungen sind bei den zehn bis 19-Jährigen inzwischen die häufigste Ursache für stationäre Krankenhausaufenthalte – noch vor Infektionskrankheiten und Unfällen. Deutschlandweit gab es eine Zunahme von 40 Prozent von 2022 auf 2024.

Chefarzt Gunter Joas aus Esslingen fordert, das Versorgungssystem grundsätzlich anderes zu denken. Foto: die arge lola / Kai Loges + Andreas Langen

Wie lange sind die Wartezeiten derzeit?

Bei den Regelbehandlungen sprechen wir von Monaten. Die Warteliste unserer Klink umfasst aktuell 214 Patienten für eine stationäre und 120 Patienten für eine tagesklinische Behandlung. Der nächste freie ambulante Termin in unserer Psychiatrische Institutsambulanz wäre im November.

Woran liegt das?

Nach der Corona-Pandemie ist die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen weiterhin belastet. Eine große Herausforderung ist beispielsweise Schulabsentismus, der deutlich zugenommen hat. Kinder fehlen nicht nur Wochen, sondern oft viele, viele Monate in der Schule. Entgegen den Erwartungen sind Diagnosen wie Depression, Ängste, Essstörungen nach der Pandemie nicht rückläufig sondern stagnieren auf hohem Niveau. Darüber hinaus ist aber auch unser Blick auf die Probleme der Kinder besser geworden.

Welche Rahmenbedingungen haben sich verändert?

Die Grundbefindlichkeit bei Kindern ist heute eine andere. Große Studien zeigen wachsende Einsamkeitsgefühle bei Jugendlichen. Oft fehlen stabile soziale Beziehungen. Wir müssen mehr in Prävention investieren, auch an Schulen und vor die Welle kommen. Es geht nicht darum, Kinder zu psychiatrisieren, sondern ihre Nöte und Sorgen zu erkennen.

Was könnte dabei Verbesserungen bringen?

Wir müssen unser Versorgungssystem grundsätzlich anders denken. Das Ziel kann nicht sein, Bettenburgen in KJPs zu bauen, obwohl wir auf Dauer noch mehr Plätze brauchen. Wir benötigen eine flexible, auf die Bedürfnisse der Kinder und Familien ausgerichtete Versorgungsstruktur.

Wie könnte man das Versorgungssystem neu denken?

Familien in Not benötigen schnell einen Termin zur Erstklärung und sollten kontinuierliche Hilfe aus einer Hand bekommen. Neue flexible Behandlungsformen müssen sich stärker am Alltag der PatientInnen orientieren und ambulante, tagesklinische, stationäre und aufsuchende Angebote kreativ verbinden. Im besten Fall hat man einen Werkzeugkasten an der Hand, um schnell und ressourcenorientiert zu helfen. Gerade aufsuchende Behandlungsformen wie StäB (Anmerkung: Stationsäquivalente Behandlung) werden in Zukunft eine wichtige Rolle spielen unter dem Motto: ‚Die Klinik kommt zum Kind.’ Zudem brauchen wir mehr Gruppenangebote und eine engere Zusammenarbeit mit Schulen. Dort bräuchte es so etwas wie Resilienz-Trainings, Angebote zum Umgang mit Stress und Vermittlung von Medienkompetenz.

Früher gab es in einer Schulklasse ein bis zwei Kinder, die psychisch erkrank waren. Heute hat oft die halbe Schulklasse eine Diagnose. Woran liegt das?

Nicht nur 6 bis 18-Jährige haben heute Probleme in der Schule, sondern viele Kinder gelten als nicht ‚kitafähig’. Wir bräuchten viel früher Eltern-Kind-Angebote, strukturell über Grenzen hinausdenkend. Ich bin ein großer Fan des StäB-Angebots, bei dem wir Familien zu Hause im Umfeld behandeln und Väter stärker einbeziehen. Wir sollten aber noch mehr rausgehen, enger mit Schulen, Schulpsychologen und Sozialarbeit kooperieren – dorthin gehen, wo Kinder leben, wo ihr Umfeld ist.

Viele Eltern sind selbst überfordert, wenn Kinder psychische Probleme haben.

Ja, und da haben wir als Klinik reagiert und machen auf der Station Multifamilientherapie, wo alle Eltern eingeladen sind, deren Kinder bei uns stationär sind. So können sie sich die Eltern auch austauschen. Heute ist der Anpassungsdruck auf Eltern und Kinder sehr hoch; und die Kinder müssen früh funktionieren.

Viele wollen es als Eltern ja richtig machen.

Medien und Influencer generieren heute häufig ein unrealistisches Bild, das Eltern zusätzlich unter Druck setzt. Erwartungen an die eigene Elternschaft sind oft zu hoch. Eltern meinen alles richtig machen zu müssen. Manchmal müssen Eltern aber Entscheidungen treffen, für die sie nicht immer geliebt werden, und das fällt schwer. Viele wollen es perfekt machen und ein guter Freund der Kinder sein. Und verzweifeln an ihren eigenen Ansprüchen. Der bekannte britische Kinderarzt Donald Winnicott sagte einmal, für Eltern reiche es ‚just good enough’ zu sein. Also gerade gut genug, auf keinen Fall perfekt. Das Schlimmste für Kinder sind perfekte Eltern.

Aktuelle Zahlen zeigen, dass es eher Mädchen sind, die früh psychische Erkrankungen entwickeln. Wie ist Ihre Erfahrung?

Besonders bei Mädchen zeigen sich hohe Fallzahlen von Ängsten, Depressionen und Essstörungen, häufig in Kombination. Aber ich glaube nicht, dass Jungen insgesamt psychisch viel gesünder sind; sie internalisieren ihre Probleme nicht so stark wie Mädchen.

Dafür haben wir ja eine steigende Zahl an Jungs und jungen Männern, die in rechtsextreme Kreise abdriften oder sich von obskuren Alpha-Male-Coaches angezogen fühlen…

Bei Jungen treten im Vergleich mehr Störungen des Sozialverhaltens auf, oft auch verbunden mit exzessiver Mediennutzung und Substanzkonsum. Manche bekommen Probleme mit dem Gesetz, landen in der Jugendhilfe oder tauchen komplett in Computerwelten ab. Sie geraten auch eher in schwierige Peer-Groups.

Sie kommen also weniger in die Psychotherapie?

Ja, gerade bei den älteren Jungs sind wir nicht so gut aufgestellt – weder bei den Diagnosekriterien noch bei den Angeboten. Jungs tun sich oft schwer, ihre Gefühle in Worte zu fassen. So werden Depressionen bei Jungs oft zu spät erkannt. Hier benötigen wir andere Zugänge wie aufsuchende Angebote, altersentsprechende Gruppenangebote mit erlebnispädagogischen Inputs und einen stärkeren Einbezug der Eltern. Eine moderne Kinder- und Jugendpsychiatrie sollte in der Zukunft in der Lage sein sehr schnell ein passgenaues Angebot zu machen.

Zur Person

Leben
Gunter Joas, geboren 1964, ist Chefarzt der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie am Klinikum Esslingen. Er ist Facharzt für Psychiatrie, Kinder- und Jugendlichenpsychiatrie und -psychotherapie. (nay)

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