Kinder und Karriere Wie Eltern bei der Arbeit schikaniert werden

Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf erfordert ein Entgegenkommen der Arbeitgeber beispielsweise durch Homeoffice und flexible Arbeitszeitmodelle. Foto: imago/Tanya Yatsenko

Degradiert, gegängelt und gemobbt. Was Väter und Mütter gegen Diskriminierung am Arbeitsplatz tun können und wie schwierig die Rechtslage für Eltern ist.

Ludwigsburg : Anna-Sophie Kächele (ask)

Milena Materna liegt flach. Die Kita-Keime, die ihre Tochter mit nach Hause gebracht hat, haben ihr Zuhause in ein Krankenlager verwandelt. Nach einer Woche Krankmeldung fordert ihre Chefin das Gespräch. ,,Ob ich denn nicht meine Arbeitszeit reduzieren könnte, ein Kind braucht ja auch seine Mutter zu Hause. Wenn ich dann krank sei, könnte ich meine Krankentage auf meine freien Tage schieben“, erzählt Materna. Sie lehnt ab. Aus finanziellen Gründen, aber auch weil sie nicht weniger arbeiten möchte.

 

Die Stimmung am Arbeitsplatz kühlt merklich ab, es fallen immer wieder stichelnde Kommentare. Selbst gesundheitlich angeschlagen kommt die Mutter immer häufiger zur Arbeit, sie sucht den Fehler bei sich.

Kündigung nach der zweiten Schwangerschaft

Bei der Verkündung ihrer zweiten Schwangerschaft ist es mit dem Verständnis ihrer Chefin vorbei. „Ich habe so richtig gemerkt, wie die Motivation meiner Chefin nachgelassen hat, mir Arbeit zu geben oder sich generell mit mir auseinanderzusetzen“, berichtet Materna, die nach der zweiten Schwangerschaft gekündigt und sich selbstständig gemacht hat.

So wie der zweifachen Mutter geht es in Deutschland 41 Prozent der knapp 13 Millionen Eltern. Knapp die Hälfte der befragten Mütter und Väter fühlt sich im Job diskriminiert. Ein Viertel davon hat aufgrund der psychischen Belastung nichts dagegen unternommen.

Die Zahlen zeichnen ein strukturelles Problem. Kündigungen kurz nach der Elternzeit, der Ausschluss von Beförderungen, Degradierung, soziale Herabwürdigung: Die Diskriminierung von Eltern im Beruf hat viele Gesichter. Die Betroffenen eint die lückenhafte rechtliche Ausgangslage.

Die Benachteiligung von Eltern

Die Anwältin Sandra Runge ist auf Arbeitsrecht für Eltern spezialisiert. In ihrem Arbeitsalltag begegnen ihr häufig Fälle von diskriminierten Eltern. 2021 gründet sie mit Karline Wenzel die Initiative Proparents. Ihre Forderung: die Aufnahme von Fürsorgeleistung als Diskriminierungsmerkmal im Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz. Damit wäre auch die Benachteiligung aus Gründen der familiären Fürsorge rechtswidrig.

Mit dem Maßregelungsverbot, dem Mutterschutzgesetz, dem jetzigen Allgemeinen Gleichberechtigungsgesetz und dem Elternzeitgesetz sind viele Rechte von Eltern abgedeckt, einen Rundum-sorglos-Diskriminierungsschutz liefern diese Paragrafen aber nicht. Was fehlt, ist eine Allgemeinklausel, die eine Benachteiligung von Eltern am Arbeitsplatz untersagt.

Sorge vor der Kündigung

Warum sich Eltern nicht immer gegen Diskriminierung am Arbeitsplatz wehren, hat mehrere Gründe. Es fehlt an Kraft, Wissen, Nerven oder einer Rechtsschutzversicherung. Viele haben die Sorge vor weiterer Schikane oder Kündigung.

Neben den gesetzlichen Schlupflöchern, die Arbeitgeber nutzen, sind es abwertende Bemerkungen aus der Führungsetage oder dem Kollegium, die Eltern zu schaffen machen. Die Projektmanagerin Melanie Tal (Name geändert) arbeitet in der Marketing-Branche und kehrt nach der Elternzeit mit 60 Prozent zurück.

Von ihrem beruflichen Umfeld bekommt sie den Mami-Stempel statuiert. ,,Man fängt bei null an. All die Erfolge, die man vor der Elternzeit erlebt hat, und die gute Arbeit, die man geleistet hat, sind vergessen.“ Wenn ihr Sohn krank ist, nimmt sie nur selten die dafür vorgesehenen Kinderkrankentage, trotzdem kritisiert ihr Vorgesetzter in einem Gespräch ihre Fehltage. Er erwarte eine bessere Absprache mit ihrem Mann, man sei ansonsten so zufrieden mit ihr.

Schikane und Argwohn

Doch gerade hier setzt ein Problem an, das über die Elterndiskriminierung hinausgeht: der Gender-Pay-Gap, die ungleiche Bezahlung. Selbst wenn sich ein heterosexuelles Paar dazu entscheidet, die Kinderbetreuung aufzuteilen, Männer verdienen in den meisten Fällen mehr Geld, auch bei gleicher Qualifikation. Wer länger in Elternzeit geht, ist am Ende auch eine finanzielle Frage.

„In der Gesellschaft wird das so hingestellt, als wäre es heutzutage möglich, Kinder zu bekommen und Karriere zu machen, aber das ist nicht so. Da scheitert es an allen Ecken und Kanten“, stellt Tal fest. Von der Schikane, den abfälligen Kommentaren und den Kontrollanrufen im Homeoffice hat sie schlussendlich genug.

„Das hat mich wirklich stark belastet, ich habe in diesen Job über Jahre mein Herzblut reingesteckt.“ Nach der zweiten Schwangerschaft kündigt Tal. Sie gehört damit zu 23 Prozent der Eltern, die nach der Elternzeit nicht in ihr altes Unternehmen zurückkehren.

Und die Väter?

Mittlerweile plant ein Großteil der künftigen Väter, in Elternzeit zu gehen. Elterndiskriminierung betrifft folglich nicht mehr nur Mütter. Thomas Lind (Name geändert) erfährt nach vier Wochen in seinem neuen Job im Verlagswesen, dass er und seine Partnerin ein Kind erwarten. Er plant, sechs Monate in Elternzeit zu gehen, und kommuniziert seinen Wunsch frühzeitig. Sein Chef zeigt sich überrascht.

„Ich denke schon, dass das auch daran lag, weil sie dachten, bei einem Mann ist das Risiko nicht so hoch, dass er wegen Kindern ausfällt“, so Lind. Auf die Frage, ob die Elternzeit verhandelbar wäre, bietet er an, auf 75 Prozent zu reduzieren und später in Elternzeit zu gehen. Man dankt für das Entgegenkommen, am gleichen Tag stellt ihm ein Kurier die Kündigung zu.

„Es gab nie Feedback, dass meine Leistung nicht gestimmt hat, sondern es ging um die Tatsache, dass ich Elternzeit nehmen möchte“, so Lind. Die Kündigung erfolgt noch innerhalb des rechtlichen Rahmens vor Beginn des Kündigungsschutzes. ,,Eltern sein ist herausfordernd, umso wichtiger, dass der Arbeitgeber Verständnis hat. Das eine ist das Rechtliche, das andere das Menschliche.“

Info

Elternzeit
Läuft der Arbeitsvertrag in der Elternzeit aus, sollte das frühzeitig mit dem Arbeitgeber kommuniziert und schriftlich festhalten werden. Um sich abzusichern, empfiehlt es sich außerdem, ein Zwischenzeugnis anzufordern und eine Rechtsschutzversicherung abzuschließen. Informieren Sie sich: Wer die Gesetzeslage kennt, kann besser für seine Rechte einstehen. Spätestens drei Monate vor dem Auslaufen der Elternzeit sollte man mit dem Arbeitgeber ein Gespräch über die Rückkehr führen.

Buch
Sandra Runge und Karline Wenzel skizzieren in ihrem Buch „Glückwunsch zum Baby, Sie sind gefeuert!“ eine Reihe an Fallbeispielen diskriminierter Eltern und widmen sich der Frage, welche gesetzlichen Rahmenbedingungen berufstätige Eltern brauchen, um Kinder zu bekommen.

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