Kinder von Samenspendern Wer bin ich und wer ist mein Vater?

Sunny Müller  quält die Frage nach ihrem Vater.Foto:Hildebrandt Foto:  
Sunny Müller quält die Frage nach ihrem Vater. Foto:Hildebrandt

Viele Kinder, die per Samenspende gezeugt wurden, belastet die Frage nach ihrer Identität. Doch die Möglichkeiten, Klarheit zu gewinnen sind gering. Für viele eine unerträgliche Situation.

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Berlin - E

s gibt Momente, da fragt sich Sunny Müller, wer sie eigentlich ist. Es passiert ihr, wenn sie vor dem Spiegel steht und ihr Gesicht betrachtet. Es ist rund, der Teint ist blass, und die Augen sind so groß wie die Augen einer Puppe. Es ist das Gesicht ihrer Mutter Sabine. Damit sind die Gemeinsamkeiten aber auch schon erschöpft. Sabine Savary, 59, sprudelt vor Temperament. Man kann in ihrem Gesicht lesen wie in einem Buch. „Du bist entweder himmelhoch jauchzend oder zu Tode betrübt“, sagt ihre Tochter Sunny. Sie stellt das nüchtern fest. Mit ihren Gefühlen hausieren zu gehen ist nicht ihre Art. Sie sagt: „Manchmal frage ich mich: Habe ich das von ihm geerbt?“

Er, das ist der Mann, von dem weder sie noch ihre Mutter wissen, wer er ist und was er macht. Und doch ist er immer bei ihnen. Ein Schatten. Ein Phantom. Ein unsichtbares Mitglied der Familie. Mit seinem Sperma wurde Sabine Savary im August 1979 befruchtet. Er ist ihr biologischer Vater. Aber wer ist er? Von der Antwort auf die Frage hänge nicht ihr Glück ab, versichert Sunny. „Ich würde es nur gerne wissen, um mich selber besser zu verstehen.“

Die Suche nach dem Erzeuger ist Detektivarbeit

Sunny Müller, 36, ist mit ihrem Problem nicht allein. In Deutschland wurden seit den siebziger Jahren etwa 100 000 Kinder durch künstliche Befruchtung mit dem Samen anonymer Spender gezeugt. Nur schätzungsweise 20 Prozent davon wissen überhaupt, dass sie auf diesem Wege entstanden sind. Und nur etwa zehn Prozent dieser Kinder kennen ihren Erzeuger. Die meisten haben ihn auf eigene Faust gesucht. Es ist eine Arbeit, die detektivischen Spürsinn erfordert. Das liegt an der Gesetzgebung. Noch bis 2013 war es hierzulande üblich, dass Samenbanken ihren Spendern Anonymität zusicherten.

Zwar hatte das Bundesverfassungsgericht schon 1989 entschieden, dass das Recht auf Kenntnis der eigenen Abstammung schon durch das allgemeine Persönlichkeitsrecht im Grundgesetz abgedeckt wird. Doch in der Praxis konnten es nur adoptierte Kinder einklagen. Reproduktionsmediziner wurden erst ab 2007 zu mehr Transparenz und Aufklärung verpflichtet. Und nicht alle erfüllten diese Auflage. Erst seit der Bundesgerichtshof (BGH) 2015 urteilte, dass Kinder ein Recht darauf haben zu erfahren, wer ihr biologischer Vater ist, dürfen die Kliniken solche Anfragen nicht mehr ignorieren. Einen gesetzlichen Anspruch auf die Herausgabe der Spenderdaten haben Kinder aber erst ab 2018. Dann soll ein Gesetz in Kraft treten, das der Arbeitskreis Abstammung im Bundesgesundheitsministerium gerade entwirft. Es ermöglicht Spenderkindern einen ungehinderten Zugriff auf die Daten ihrer Erzeuger. In einem zentralen Register sollen die Angaben von Spendern und Empfängerinnen für die Dauer von 110 Jahren gespeichert werden.

Ein Verein kämpft für die Rechte von Spenderkindern

Für Sunny Müller kommt dieses Gesetz zu spät. Es gilt nur für Kinder, die von 2007 an geboren wurden. Müller engagiert sich in dem Verein Spenderkinder. Er kämpft für die Rechte von Menschen, die durch Befruchtung mit Spendersamen entstanden sind. Für sich selbst hat sie die Hoffnung auf Klarheit fast schon aufgegeben. Was hat sie nicht alles getan, um ihn zu finden: der frühere Frauenarzt ihrer Mutter war lange tot, erfuhr sie. Auch im Auguste-Viktoria-Klinikum, wo Sabine Savary das Sperma im August 1979 injiziert wurde, konnte man ihr nicht weiterhelfen.

Blieb noch die Firma Family Tree DNA. Die weltgrößte DNA-Datenbank mit Sitz in Texas hilft Hobbyhistorikern bei der Suche nach Vorfahren. Sie wird aber immer häufiger auch von Spenderkindern genutzt. Sie müssen eine Speichelprobe im Röhrchen einschicken. Die Bank prüft dann, ob sie genetische Verwandte findet.

Spenderväter lassen sich dort zwar kaum registrieren, aber Halbgeschwister. Melanie Berger, 33, vom Verein Spenderkinder hat es probiert. Sie fand dort neben ihrer Halbschwester Lisa, 23, auch noch Carla, 31, Jasmin, 25, und Sophie, 21 (Namen aller Spenderkinder außer Sunny geändert). Ein Volltreffer. Sie sagt, seither wisse sie auch, wer ihr Vater ist. Lisa hatte ihn schon aufgespürt und ihr ein Foto von ihm geschickt: Theo.

„Zehn Prozent Resthoffnung“

Ein bärtiger Mittfünfziger mit Hornbrille. Melanie sagt, ihr sei ein Stein vom Herzen gefallen, als sie es sah. Freundlich schaute der Mann aus. Humor habe er auch, hat ihr Lisa erzählt. Und auch, dass Theo Pilot ist und sich seine Ausbildung als Samenspender finanziert habe.

Melanie sagt: „Ich würde Theo gerne fragen, wie er heute über die Samenspende denkt.“ Sie ist Ingenieurin, verheiratet und Mutter zweier Jungs, Lasse, 1, und Ole, zweieinhalb. Sie will wissen, wie Theo als Kind war und wofür er sich interessiert hat. Einige Gemeinsamkeiten will sie schon entdeckt haben. Sie sagt: „Ich wäre beinahe selber Pilotin geworden.“

Sunny Müller fand über Family Tree DNA nur Cousins und Cousinen dritten Grades. Sie sagt: „Ich habe noch zehn Prozent Resthoffnung.“ Sie klingt resi­gniert. Ihre Mutter hat den Namen des Spenders nie erfahren. So versuchte ihr Arzt, sich selber und den Spender zu schützen. Was er tat, war nicht illegal. Schon 1970 hatte die Bundesärztekammer die Befruchtung mit Spendersamen zugelassen.

Sabine Savary sagt heute, sie sei sich der Konsequenzen ihrer Entscheidung nicht bewusst gewesen. Es klingt wie eine Entschuldigung. Sie war 23 und verliebt in Albert, einen manisch-depressiven Bildhauer. Sie sagt, sie sei besessen gewesen von dem Wunsch nach einem Baby. Sunny wurde am 6. Mai 1980 geboren. Ihre Mutter sagt, sie werde nie vergessen, wie es war, als sie Sunny zum ersten Mal im Arm hielt. Heute ist ihre Tochter der wichtigste Mensch in ihrem Leben.

Die Wahrheit ist für Spenderkinder oft ein Schock

Die beiden telefonieren fast täglich. „Mama weiß alles über mich“, sagt Sunny. Selbstverständlich ist das nicht. Das wird ihr bewusst, wenn sie mit anderen Spenderkindern redet. Sie sagt, die meisten hätten erst als junge Erwachsene erfahren, dass ihr Vater nicht ihr biologischer Vater sei. Richtige Dramen spielten sich da ab. Denn was macht es mit einem Kind, wenn es erfährt, dass es jahrelang belogen wurde? „Es ist ein Schock“, sagt Sunny. Ein Vertrauensbruch, von dem sich nicht alle wieder erholen. Einige brechen den Kontakt zu den Eltern ab.

Sunny hat Glück gehabt. Sie war zehn, als ihr ihre Eltern erzählten, dass Albert nicht ihr leiblicher Vater war. Die Ehe war längst gescheitert. Albert Müller starb 2004. Er war kein zuverlässiger Vater. Aber an besonderen Tagen war er für Sunny da. Und der Tag, an dem sie der Tochter die Wahrheit sagten, war so ein Tag. „Es war ein ziemliches Herumgeeiere“, sagt Sunny. Sabine habe etwas von Leistenhoden gemurmelt und davon, dass zu ihrer Entstehung ein dritter Mann erforderlich gewesen sei.

Lieber Wunschkind als Spenderkind

Sabine Savary sagt, heute würde sie damit schon früher beginnen. Im Kindergartenalter. So ist es auch längst üblich, sagt Claudia Brügge. Die Bielefelder Psychologin ist selber Mutter einer mit Spendersamen gezeugten Tochter. Zusammen mit anderen Eltern hat sie den Verein DI-Netz e. V. gegründet. DI, das steht für Donogene Insemination. Es ist der medizinische Fachbegriff für künstliche Befruchtung. Die Eltern wollen, dass ihre Kinder dieselben Chancen haben wie andere. Claudia Brügge kennt den biologischen Vater ihres Kindes nicht. Er hat seine Daten aber bei einem Notar hinterlegt. Ihre Tochter muss ihn nicht suchen.

Der Verein bietet Workshops an, in denen Eltern lernen, die richtigen Worte zu finden, um ihrem Kind beizubringen, „dass ein anderer Mann seinen Samen geschenkt hat, weil der Papa keinen hatte“. Das Wort Spenderkind benutzt Claudia Brügge übrigens nicht. Sie sagt, sie definiere ihre Tochter nicht über die Samenspende. Sie sei ein Wunschkind.




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