Kinderärzte in Fellbach und Kernen Der nächste freie Kinderarzt ist in Ditzingen

Von  

Die Lage für Eltern in Fellbach und Kernen ist schwierig: Hiesige Kinderärzte nehmen nur vereinzelt neue Patienten auf. Franziska Weyand, Mutter von Zwillingen, wurde in den Kreis Ludwigsburg vermittelt – für sie mehr als eine Stunde Fahrtzeit.

Hiesige Kinderärzte nehmen nur vereinzelt neue Patienten auf. Foto: dpa
Hiesige Kinderärzte nehmen nur vereinzelt neue Patienten auf. Foto: dpa

Fellbach - Franziska Weyand ist überglücklich. Ihre ersehnten Zwillingsbuben sind Ende Juni kerngesund auf die Welt gekommen. Was sie jedoch bei der Suche nach einem Kinderarzt erlebte, hat sie bei aller Freude frustriert.

Eltern nehmen bis zu 50 Kilometer Fahrt in Kauf

Die ersten beiden vorgeschriebenen Untersuchungen für Babys, U1 und U2 genannt, wurden noch im Krankenhaus gemacht. Im Alter von etwa vier Wochen ist dann die U3 fällig. Franziska Weyand telefonierte die drei Fellbacher Kinderarztpraxen ab und bekam: Absagen.

Die Praxis in Schmiden nimmt generell nur Kinder aus Schmiden selbst und aus Oeffingen auf, aber die Familie Weyand wohnt in Fellbach. Laut telefonischer Auskunft einer Fachangestellten der Praxis wird aus der näheren Umgebung zugezogenen Eltern geraten, ihren bisherigen Kinderarzt beizubehalten. Sie weiß um die prekäre Situation und hat von Eltern gehört, die bis zu 50 Kilometer Fahrt in Kauf nehmen müssten. Die Praxis ist auch auf Kinderkardiologie spezialisiert, für diese kleinen Patienten besteht ein Ausnahme, sie bekommen bei Bedarf Termine.

Die Kassenärztliche Vereinigung in Stuttgart ist sich der Problematik bewusst

Auch die beiden Fellbacher Praxen haben volle Patientenlisten, die Ärzte haben deutlich mehr als Acht-Stunden-Tage, wie sie sagen. In der Praxis der Kinderärztin Ruth Adam werden maximal fünf kleine Patienten in der Woche zusätzlich aufgenommen, oft Geschwisterkinder. „Ich möchte Zeit genug für jedes Kind haben, deshalb ist mehr nicht möglich“, sagt Ruth Adam. Aus ihrer Sicht ist es ein Problem, dass viele junge Ärzte lieber angestellt arbeiten wollten als eine Praxis zu übernehmen. Früher hätten die niedergelassenen Ärzte oft „rund um die Uhr gearbeitet – und dazu ist heute niemand mehr bereit“. In der zweiten Fellbacher Praxis wird der Termindruck bestätigt, auch da heißt es: „Wir bekommen Anfragen aus dem ganzen Rems-Murr-Kreis und wissen von Eltern, die, so bald es möglich ist, mit ihrem Kind zum normalen Hausarzt wechseln.“

So kann es also Gebiete innerhalb des Kreises geben, die gut versorgt sind, während es in anderen Lücken hat

Die Kassenärztliche Vereinigung in Stuttgart ist sich der Problematik bewusst. „Wir haben stellenweise zu wenig Kinderärzte, obwohl es laut der Bedarfsplanung in ganz Baden-Württemberg eigentlich genügend geben müsste und sich deshalb auch keine weiteren mehr niederlassen dürfen“, sagt die Pressesprecherin Swantje Middeldorff. Die Bedarfsplanungsrichtlinie wurde zwar überarbeitet, aber bis sich neue Berechnungen letztlich auswirkten, „das kann noch dauern“.

Die Zahl der Ärzte, die sich in einem Landkreis niederlassen dürfen, ist festgelegt und sollte ausreichend sein – in der Theorie. Wo sich diese Ärzte jedoch niederlassen, das bleibt ihnen selbst überlassen. So kann es also Gebiete innerhalb des Kreises geben, die gut versorgt sind, während es in anderen Lücken hat. Immerhin gebe es keine „Mengenbegrenzung“, sagt die Pressesprecherin. Das heißt, die Kinderärzte dürften so viele Patienten aufnehmen, wie sie wollen – Überstunden sind also quasi amtlich vorgesehen.

Kinderärzte aus Waiblingen und Schorndorf nehmen ebenfalls nur die örtlichen Kinder auf

Seit Mai kann sich jeder bei der Terminservicestelle der Kassenärztlichen Vereinigung, die zunächst nur für die Facharztsuche eingerichtet wurde, auch Termine bei Haus- und Kinderärzte vermitteln lassen. Dort hat Franziska Weyand angerufen und „Unglaubliches“ erlebt: „Ich habe zwei Tage lang gefühlt nur diese Nummer gewählt – es war ständig besetzt und ab Punkt 16 Uhr der Anrufbeantworter geschaltet, der einem sagte, man rufe außerhalb der Geschäftszeit an“, erzählt die junge Mutter.

Als sie endlich jemand erreichte, vermittelte man ihr einen Termin für die U3 Untersuchung bei einem Ditzinger Kinderarzt – Fahrtzeit mit öffentlichen Verkehrsmitteln mehr als eine Stunde. „Mit meinem Diesel darf ich nicht durch Stuttgart fahren, also außen herum, und auch das dauert.“ Dazu kam, dass ihr die Servicestelle einen Termin für ein Kind anbot – und den für’s zweite Kind fünf Tage später. „Also hätte ich innerhalb kurzer Zeit zwei Mal dort hin sollen“, sagt Weyand.

Die Ditzinger Praxis reagierte pragmatisch und sagte auf Nachfrage zu, dass natürlich ein Termin für beide Kinder möglich wäre. Nun hofft Weyand inständig, dass sie bis zur U4 – zwischen dem drittem und vierten Monat – und den dann anstehenden Impfterminen einen Kinderarzt in der Nähe findet. Sie hat bei Kinderärzten in Waiblingen und Schorndorf angefragt, aber die nehmen ebenfalls nur die örtlichen Kinder auf.

„Zur Not könnte ich noch mal zu dem Ditzinger Arzt, aber auch diese Praxis ist eigentlich voll“, sagt sie. Vor allem möchte sie den Kindern ersparen, bei jedem Termin auf einen anderen Arzt zu treffen. „Gerade beim Kinderarzt ist ja wichtig, dass er die Kinder kontinuierlich sieht und gut kennt.“ Bei einem akuten Problem dürfen sich Eltern übrigens bei jedem Arzt ins Wartezimmer setzen: Notfälle müssen angenommen werden.

In Fellbach und im Kreis ist geduld weiterhin nötig

Im Rems-Murr-Kreis gibt es entsprechend der Statistik der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg (KVBW) im Rems-Murr-Kreis – hier leben derzeit 72 200 Kinder im Alter bis 18 Jahren – 28 Kinderärzte. Das entspricht einem Versorgungsgrad von 138,1 Prozent an Rems und Murr. Das hört sich überdurchschnittlich an, ist allerdings eine rein rechnerische Zahl, fußend auf Erkenntnissen der 1990er Jahre.

Eine neue Bedarfsrichtlinie, die vor rund sechs Wochen vom sogenannten Gemeinsamen Bundesausschuss in Berlin verabschiedet wurde, hat diese Richtlinien überarbeitet. Die Umsetzung kann allerdings dauern. Und selbst wenn sich dann offene Stellen ergeben, heißt das nicht, dass diese auch besetzt werden können. Offenkundig seien immer weniger Kinderärzte bereit, sich niederzulassen, sagt die KVBW-Pressesprecherin.

Bei der Stadt Fellbach ist die Problematik, wie eine Nachfrage ergibt, ebenfalls bekannt. Dort wurden zahlreiche Gespräche – unter anderem mit dem Pädiatrischem Zentrum der Kinderärzte in Baden-Württemberg – geführt, um zur Verbesserung beizutragen. Eine Lösung, die zur Entspannung etwas beitragen könnte, zeichne sich derzeit ab, „ist aber noch nicht spruchreif“, so die aktuelle Mitteilung aus dem Rathaus.