Kinderarzt gibt Einschlaftipps Melatonin-Fruchtgummis: Kein gutes Erwachen für Kinder

Nahrungsergänzungsmittel mit Melatonin können Kindern das Einschlafen erleichtern – aber der Gesundheit schaden. Foto: IMAGO/Design Pics

In Sommernächten fällt Kindern das Einschlafen schwer. Warum Verbraucherschützer von Nahrungsergänzungsmitteln mit Melatonin abraten und welche Tipps Kinderärzte stattdessen haben.

Gesundheit für Menschen in Stuttgart: Regine Warth (wa)

Für Kinder gehört diese Frage zu den großen Mysterien des Sommers: Warum ins Bett gehen, wenn es draußen doch noch hell ist? Zumal nicht selten die äußerst unbefriedigende Antwort ihrer Eltern lautet: Damit der Körper genug Schlaf bekommt. Kein Wunder also, dass sich die Zeit vom Schlafanzug anziehen, Zähne putzen bis zum Zubettgehen ungeheuer in die Länge zieht. Am Ende sind die Eltern erschöpft, aber das Kind ist putzmunter.

 

So mancher ist versucht, den Weg ins Schlummerland ein wenig abzukürzen: Beispielsweise mit Hilfe von Fruchtgummis, die das Schlafhormon Melatonin enthalten. Sie den Kindern kurz vor der Schlafenszeit zu geben, erscheint plausibel: Das körpereigene Hormon Melatonin ist für das Einschlafen unerlässlich.

In den USA sind Melatonin-Fruchtgummis häufig in Gebrauch

Je weniger Tageslicht unsere Augen erreicht, desto stärker schüttet die Zirbeldrüse, eine winzige Struktur in unserem Gehirn, diesen Wirkstoff aus. Er führt dazu, dass der Körper seine Funktionen herunterfährt – Müdigkeit kommt auf. In den frühen Morgenstunden sinkt die Konzentration des Melatonins im Blutkreislauf wieder und das Aufwachen beginnt.

In den USA sind diese Nahrungsergänzungsmittel gerade für Kinder besonders beliebt. Nach einer Umfrage der amerikanischen Gesellschaft für Schlafmedizin von 2023 nutzt fast jedes zweite Elternpaar (46 Prozent) diese Einschlafhilfe bei Kindern unter 13 Jahren. Bei Familien mit Kindern im Teenageralter sind es rund ein Drittel der Eltern (30 Prozent), die damit den Schlaf des Nachwuchses beschleunigen wollen. Auch in Deutschland sind diese Mittel nicht nur über den Online-Handel sondern auch in Apotheken rezeptfrei erhältlich – auch wenn Apothekerinnen und Apotheker Schlafmittel für Kinder in der Regel nicht empfehlen, ergänzt die Landesapothekerkammer Baden-Württemberg (LAK).

Zahlen, wie häufig diese Produkte verkauft werden, gibt es nicht. Allerdings werden sie von Eltern insbesondere dann wahrgenommen, wenn diese in der Frei- und Sichtwahl platziert sind, so ein Sprecher der LAK: „Es fällt auf, dass die Präparate als ‚harmlose Einschlafhilfe’ wahrgenommen werden.“ Durch die Darreichungsformen als Fruchtgummi werde diese Wahrnehmung zusätzlich verstärkt.

Stiftung Warentest hat vier Melatonin-Mittel für Kinder getestet

Vom Kauf solcher freiverkäuflichen Mittel raten Experten eindringlich ab: Es gibt durchaus Erkrankungen, auch bei Kindern, bei denen ein Mangel des Schlafhormons vorliegt. Hier können unter ärztlicher Aufsicht Medikamente mit Melatonin eingesetzt werden. Das gelte aber nicht für Nahrungsergänzungsmittel mit dem Schlafhormon, die für Kinder konzipiert werden. Zwar können diese das Einschlafen erleichtern, aber auch der kindlichen Gesundheit schaden, resümiert unter anderem auch die Stiftung Warentest.

Diese hat für die aktuelle Ausgabe der Zeitschrift „Stiftung Warentest“ vier in Deutschland erhältliche und auf Deutsch beworbene Melatonin-Fruchtgummi-Produkte untersucht und von einem Gutachter bewerten lassen: Und zwar von den Herstellern Gumtamin, Horbäach, Jelly Pills und Wick. „Eltern sollten sich im Klaren sein, dass es bei Nahrungsergänzungsmitteln keine klare Regelung gibt, die besagt, wie viel Melatonin ein Produkt enthalten darf“, sagt Dennis Stieler, Redakteur der Zeitschrift. Hinzu kommt, dass auch auf die Herstellerangaben kein Verlass ist: „Bei falsch deklarierten Mitteln besteht die Gefahr, dass man den Kindern mehr Melatonin gibt als beabsichtigt.“

Kopfschmerzen Albträume und Schläfrigkeit sind Nebenwirkungen

Ein Zuviel an Melatonin kann zu Nebenwirkungen führen. „Gesunde Kinder mit einer normalen Melatonin-Produktion, die zusätzlich noch mehr des Schlafhormons verabreicht bekommen haben, schlafen zwar oft schneller ein – kommen aber am folgenden Morgen mitunter schlechter in die Gänge“, sagt Stieler.

Auch die LAK Baden-Württemberg warnt: Melatonin wird bei Kindern wegen des langsameren Stoffwechsels auch langsamer abgebaut als bei Erwachsenen. Die Folgen können beispielsweise Tagesmüdigkeit und Konzentrationsstörungen am folgenden Tag sein. Diese Nebenwirkungen drohen auch, wenn die Wirkstoffe zu spät gegeben werden – oder in zu hoher Dosierung.

Stuttgarter Arzt gibt Einschlaftipps

Es gibt sichere Methoden für Eltern, den Kindern beizubringen, wann die Nachtruhe beginnt: So werden schon tagsüber die Weichen gestellt, wie leicht Kindern abends die Augen zufallen, sagt etwa Andreas Oberle, Ärztlicher Direktor der Sozialpädiatrie am Olgahospital des Klinikums Stuttgart. „Hilfreich ist beispielsweise ein strukturierter Alltag mit viel Sport und Bewegung, der möglichst immer in der gewohnten Einschlafsituation mit Ritualen wie Schlaflied oder Gute-Nacht-Geschichte endet“, sagt Oberle. Das sollte auch im Sommer konsequent durchgehalten werden – selbst wenn der Nachwuchs meckert.

Um den eigenen Melatonin-Haushalt anzukurbeln hilft es, das Kinderzimmer abzudunkeln und schon tagsüber gut zu lüften. „Eine kühle Raumtemperatur hilft beim Einschlafen“, sagt Oberle. Zudem empfiehlt der Stuttgarter Neuropädiater, Bildschirmmedien wie Smartphone, Tablet oder Fernseher frühzeitig auszuschalten. „Der Medienkonsum pusht die Kinder abends häufig nochmals auf, statt sie zur Ruhe kommen zu lassen.“

Will es mit dem Einschlafen dennoch nicht klappen, „sollten Eltern mit dem Kinderarzt über mögliche Lösungen sprechen“, sagt Oberle. In den allermeisten Fällen helfen bei gesunden Kindern Regelmäßigkeit, Konsequenz und Geduld – und viel Gelassenheit.

Weitere Themen

Weitere Artikel zu Gummibärchen Schlaf Kinder Teenager Arzt