Kinderarztengpässe in der Region Stuttgart Nur ein einziger neuer Doktor im ganzen Land

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Statistisch gesehen ist ganz Baden-Württemberg in Sachen Kirnderärzte überversorgt – doch das liegt auch an politischen Vorgaben.

Laut Statistik gibt es zu viele Kinderärzte im Ländle. In der Praxis aber fehlt es oft an Praxen. Foto: dpa
Laut Statistik gibt es zu viele Kinderärzte im Ländle. In der Praxis aber fehlt es oft an Praxen. Foto: dpa

Rems-Murr-Kreis - Laut der jüngsten Bedarfsplanung der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Baden-Württemberg mit Stand vom Februar dieses Jahres hat der Rems-Murr-Kreis nicht etwa zu wenige, sondern deutlich zu viele Kinderärzte. 142,5 Prozent lautet der Versorgungsgrad, der sich aus dem Verhältnis zwischen den Arztsitzen (28,5) und und der Zahl der potenziellen jungen Patienten (71 722) ergibt. Dies unter der Voraussetzung, dass sich ein Arzt um genau 3587 Patienten zu kümmern hat.

Nur der Bodenseekreis bekommt einen neuen Arzt

Mit dieser – auf dem Papier – großzügigen Ausstattung ist der Rems-Murr-Kreis freilich nicht allein. Kein einziger der 44 Stadt- und Landkreise in Baden-Württemberg weist in der Berechnung der Bedarfsplanung eine Versorgungsquote von unter hundert Prozent auf. Lediglich in einem einzigen Gebiet, dem Landkreis Biberach, durfte sich im vergangenen Jahr ein neuer Kinderarzt im Rahmen einer Nachfolgeregelung niederlassen – was erst erlaubt ist, wenn die Quote unter 110 Prozent gefallen ist.

Wie passt das mit der Realität vieler bisweilen hoffnungslos überfüllter Kinderarztpraxen zusammen? Bei der Kassenärztlichen Vereinigung, die darüber entscheidet, ob ein Mediziner eine neue Praxis eröffnen darf oder nicht, verweist man auf die gesetzlichen Vorgaben. „Uns sind da die Hände gebunden, wir müssen uns an die vorgegebene Systematik halten“, sagt der KV-Sprecher Kai Sonntag. Diese gehe auf eine Reform unter der Ägide des damaligen Gesundheitsministers Horst Seehofer aus dem Jahr 1993 zurück. „Das Ziel damals wie heute war, Kostensteigerungen zu dämpfen“, sagt Sonntag. Seither wird für jeden Landkreis unter Berücksichtigung der Bevölkerungszahlen ein festgelegter Versorgungsgrad definiert. Bei Kinderärzten ist dabei die Zahl der unter 18-Jährigen maßgebend. Liegt die Quote bei mehr als 110 Prozent, wird der Bezirk für neue Ärzte gesperrt.

Die durchweg hohen Zahlen sowie Beschwerden von Patienten, die insbesondere in der Region Stuttgart über teilweise enorme Schwierigkeiten bei der Kinderarztsuche klagten, lege nahe, dass die politisch festgelegte Verhältniszahl zwischen Arzt und Patienten, der schon damals kein wissenschaftliches Kriterium zugrunde gelegt worden sei, nicht zeitgemäß sei, sagt Sonntag. Zwar seien die Vorgaben von 1993 ziemlich genau 20 Jahre später angepasst worden, doch auch damals habe es eine klare politische Vorgabe und damit einen Budgetdeckel gegeben: Der Beitragssatz für das gesetzliche Krankenkassensystem durfte durch die Modifikation nicht steigen.

Für den Rems-Murr-Kreis bedeuten die aktuellen Vorgaben, dass wohl auf lange Sicht keine neue Kinderarztpraxis eröffnet werden darf. Denn dort liegt man bei insgesamt 28,5 Praxen rechnerisch mit 6,5 Kinderarztsitzen über dem Soll. „Das heißt“, übersetzt Sonntag, „erst wenn sieben Ärzte aufgeben, darf ein neuer Bewerber zum Zuge kommen.“

Quote spiegelt Realität nicht wider

Wie aber ist dann das aktuelle Beispiel einer in Waiblingen neu zugezogenen Frau zu erklären, die für ihre drei Kinder keinen Arzttermin findet? Die offenkundig an der Realität vorbeigehenden Quoten seien ein Problem, sagt Sonntag, der vorgegebene Bezugsrahmen ein anderes. So könne es durchaus sein, dass etwa der Waiblinger Raum in Sachen Kinderarztsitze durchaus auch ein rechnerisches Defizit aufweise, während vielleicht in Backnang, Winnenden oder Schorndorf deutlich mehr Doktoren angesiedelt seien. Die Bedarfsplanung indes richte sich auf den Landkreis als kleinste Bezugsgröße: Wenn dort insgesamt „zu viele“ Ärzte registriert seien, müsse das Gebiet generell „gesperrt“ werden. Wenigstens an dieser Regelung könnte nach Einschätzung von Sonntag in absehbarer Zeit indes gerüttelt werden. Verhandlungen diesbezüglich seien im Gange.

Das freilich wird die Frau, die in Waiblingen keinen aufnahmebereiten Kinderarzt findet kaum trösten. Die Kassenärztliche Vereinigung könne da nicht helfen, muss Kai Sonntag bedauernd einräumen. Ihm bleibt nicht viel mehr, als zu raten, den Suchradius auszuweiten und mit älteren Kindern bei einem Allgemeinmediziner für Erwachsene sein Glück zu versuchen.