Die Betreuungsplätze für das neue Kita-Jahr sind vergeben. Doch nicht jedes Kind hat in Böblingen einen Platz erhalten, manch eines geht vorerst leer aus.
„Die Zahl der Kitaplätze, die wir nicht belegen können, ändert sich täglich. Aktuell fehlen uns etwa 250 bis 300 Kitaplätze“, erklärt Marliese Mayer, Abteilungsleiterin der Kindertagesbetreuung beim Amt für Soziales Böblingen. Doch sie sagt auch: „Hätten wir keinen Personalmangel, könnten wir den meisten Kindern einen Platz zusagen.“
Die Realität macht Pläne zunichte
Damit ist Böblingen nicht allein. Deutschlandweit fehlen laut Zahlen des Paritätischen Gesamtverbandes rund 125 000 Fachkräfte für die Kindertagesbetreuung. In Böblingen sind es derzeit 20 bis 30 pädagogische Fachkräfte. „Wir planen Aufnahmen – und am nächsten Tag holt uns die Realität wieder ein“, erklärt Mayer.
Krankheitsfälle, Schwangerschaft oder Kündigung machen den Verantwortlichen oft einen Strich durch die Rechnung. Auch die hohe Fluktuation an Familien erschwerten die Planungen. Platzmangel zumindest ist kein Problem. Erst im vergangenen Herbst wurde die neue Kindertagesstätte in der Breslauer Straße eingeweiht, nun ist schon das nächste große Haus am Murkenbachweg in Planung. In Böblingen boomt der Kita-Bau nachgerade. Doch es fehlt schlicht geschultes Personal.
Stadt schafft nicht nur finanzielle Anreize für Erzieher
„Wir haben viele Maßnahmen ergriffen und auf den Weg gebracht, die die Einrichtungen unterstützen und stabilisieren sollen und die der Anwerbung von neuen Fachkräften dienen“, sagt Mayer. Mit außertariflichen Zulagen, mehr Ausbildungsplätzen und pädagogischen Fachkräften aus Italien sowie Hilfskräften will die Stadt Böblingen das Personalproblem in den Kindertagesstätten beheben.
Verstärkt wurde auch die eigene Ausbildung. Aktuell stellt die Stadt pro Jahr 20 Azubis für die praxisintegrierte Ausbildung zum Erzieher (PiA) ein. Und die Stadt engagiert sich in einem neuen Ausbildungsgang des Landes: Sozialpädagogische Assistenten können als zusätzliche Kräfte in Kitas eingesetzt werden. Der Zugang zur Ausbildung ist auch Hauptschulabgängern möglich.
Ein zusätzliches Monatsgehalt
Zudem erhält eine Erzieherin oder ein Erzieher in der Ganztagesbetreuung zusätzlich zum normalen tariflichen Gehalt bei der Stadt Böblingen eine maximale Zulage von 400 Euro monatlich. „Auf das Jahr gerechnet, sprechen wir hier im Grunde von einem zusätzlichen Monatsgehalt“, sagt Mayer. Außerdem erhält jede Kitaleitung einen sogenannten Anerkennungsetat. Er ist für einen Mitarbeitenden gedacht, der eine besonders gute Leistung vollbracht hat.
Doch die Stadt setzt nicht nur auf finanzielle Anreize. Jedes Jahr gibt es ein Jahrestreffen aller Kita-Kräfte, diverse Einzelaktionen wie Kino-Abende, die das Gemeinschaftsgefühl stärken und Wertschätzung zeigen sollen. Auch auf Präventivmaßnahmen wie Sportkurse, mobile Massagen, Impfangebote sowie auf fachliche Unterstützung und Beratung legt die Stadt Wert.
Entlastung für Führungskräfte
Da der Verwaltungsaufwand in den Kindertagesstätten extrem gestiegen ist, hat die Stadt zudem Stellen geschaffen, die den Kitaleitungen verwaltungstechnische Aufgaben wie die Telefonannahme, die Erfassung von Listen, Anmeldungen und Abrechnungen abnehmen sollen. „Wir erhoffen uns dadurch eine Entlastung für Führungskräfte“, erklärt die Bereichsleiterin Daniela Militzer. Derzeit laufe noch die Bewerberphase, zu Beginn 2025 sollen dann alle Stellen besetzt sein.
Da Kita-Mitarbeitende laut einer Studie der Bertelsmann Stiftung häufiger krank sind als der Durchschnitt anderer Berufsgruppen, gibt es in Böblingen auch 7,5 Springkraft-Stellen. Diese Fachkräfte sind nicht in einer einzigen Kindertagesstätte angesiedelt, sondern sie kommen immer dort zum Einsatz und unterstützen das Team, wo jemand gerade krankheitsbedingt ausfällt.
Springer gegen die größte Not
Doch warum sind Kita-Beschäftigte überhaupt so oft krank? „Zum einen ist die Infektionsgefahr in Kitas einfach höher, viele Eltern sind wegen ihrer Arbeit unter Druck und bringen ihre Kinder erkältet in die Kita“, erklärt Militzer. Zum anderen fielen aufgrund der steigenden Krankenstände immer mehr Fachkräfte aus, wodurch die Überlastung für die verbleibenden Beschäftigten immer weiter zunehme. „Durch die Springkräfte ist schneller jemand da, der unterstützen kann“, beschreibt Militzer den Plan.
„Unser Ziel ist es, eine stabile und qualitativ gute Kinderbetreuung zu ermöglichen. Wir haben in den letzten Jahren auch kleinere Erfolge erzielt. Wir konnten beispielsweise die Teilschließungen um 60 Prozent reduzieren “, sagt Daniela Militzer. Das bedeutet, dass deutlich weniger Kindergärten aus personellen Gründen ihre Öffnungszeiten verkürzen mussten.
„Der Bereich der frühkindlichen Bildung hat in den letzten Jahren eine gewisse Schwere erhalten. Wir befinden uns in einer Mangelverwaltung; deshalb wird oft negativ über Kitas gesprochen. Da muss man sich sicher auch fragen, warum sich junge Menschen dann für diesen Beruf entscheiden sollten“, bemerkt Mayer. Die sei höchst bedauerlich, denn der Beruf als pädagogische Fachkraft sei ein anspruchsvoller und toller Beruf, in dem man von Kindern sehr viel zurückbekomme, weiß Mayer.
Rund 2000 Kinder werden in allen Böblinger Kitas betreut
Kinderbetreuung
In Böblingen gibt es 27 städtische Kindertageseinrichtungen, sowie neun Kitas unter freier Trägerschaft und die Kindertagespflege Takki. Die Abteilung Kindertagesbetreuung ist für rund 450 Personalstellen verantwortlich. In den 27 städtischen Kindertageseinrichtungen und denen der freien und kirchlichen Träger werden rund 2000 Kinder betreut. Es gibt rund 60 Ausbildungsstellen in den Kitas.
Ausbildung
Mittlerweile gibt es einige Möglichkeiten, die Interessierten den Einstieg in den pädagogischen Bereich erleichtern. Neben der klassischen Ausbildung gibt es eine praxisintegrierte Ausbildung (PiA), die einen höheren Praxisanteil aufweist, und bei der man eine Ausbildungsvergütung erhält. Beim Direkteinstieg Kita, der eine abgeschlossene Ausbildung in einem anderen Beruf oder einen Studienabschluss voraussetzt, kann man in zwei Jahren den Beruf des Sozialpädagogischen Assistenten erlernen und unter besonderen Umständen in 2,5 Jahren Erzieher.