Kinderbetreuung in Stuttgart Aus für Arbeit des Tagesmütter-Vereins

In der Kindertagespflege werden maximal fünf Kinder von einer Tagesmutter oder einem Tagesvater betreut. Foto: picture alliance / Rolf Vennenbe

Die Stadt überträgt die alleinige Trägerschaft für die Kindertagespflege in Stuttgart auf den Caritasverband. Beim Verein Tagesmütter und Pflegeeltern müssen nun sieben Leute gehen. Wie es zu der Entscheidung kam.

Familie/Bildung/Soziales: Lisa Welzhofer (wel)

Die Stimmung war bedrückend, manche Rätinnen und Räte suchten nach den richtigen Worten, als im Jugendhilfeausschuss über die zukünftige Organisation der Arbeit von Tagesmüttern und -vätern gesprochen und abgestimmt wurde. Dennoch übertrugen die Mitglieder einstimmig – nur Dagmar Preiß vom Paritätischen Wohlfahrtsverband enthielt sich – die alleinige Trägerschaft ab dem Jahr 2024 auf den Caritasverband Stuttgart. Sie folgten damit dem Vorschlag des Jugendamtes.

 

Für den Mitbewerber, den Verein Tagesmütter und Pflegeeltern Stuttgart, der bislang auch Träger der Kindertagespflege ist, bedeutet die Entscheidung das Aus in seiner jetzigen Struktur nach 45 Jahren in der Kindertagespflege. Die Finanzierung von 5,3 Stellen sowie der Räume fällt weg. Sieben Mitarbeiterinnen und die Büros müssen gekündigt werden, erklärt Karin Pfeiffer vom Vorstand. „Wir bedauern die Entscheidung sehr und hätten uns gewünscht, dass es in der bisherigen Struktur mit zwei Trägern weitergeht“, sagt die Geschäftsführerin Michaela Aisenbrey. Für den Verein bleibt noch das Thema Pflegeelternbetreuung und -beratung, an das keine hauptamtlichen Stellen geknüpft sind.

Thema seit 2021

Es ist ein Thema, das den Ausschuss seit dem Herbst 2021 beschäftigt und das von Kontroversen begleitet wird: Wie und von wem sollen zukünftig Tagesmütter und -väter ausgebildet, bei der Arbeit betreut und auch kontrolliert werden? Seit 2004 hat das Jugendamt diese Aufgaben an den Caritasverband Stuttgart und den Verein Tagesmütter übergeben. Sie kümmern sich unter anderem um die Qualifizierung der Tagespflegepersonen, beraten Eltern und vermitteln Plätze. Derzeit betreut die Tagesmutterbörse der Caritas rund 80 Tätige, der Verein rund 120.

Weil die Anforderungen an die Ausbildung und an den Kinderschutz durch Bundesgesetze und Vorschriften des Landes gestiegen sind, empfahl das Jugendamt dem Jugendhilfeausschusses im September 2021, die Aufgaben für die Träger neu zu beschreiben und den Auftrag auszuschreiben. Als die Ausschreibung im Herbst 2022 anstand, wurde öffentlich, dass die Stadt sich zukünftig auf einen Träger beschränken will. Beide bisherigen Träger gaben eine Bewerbung ab.

In den Augen der Fachleute schnitt der Caritasverband dabei „deutlich besser“ ab. „Unterschiede zeigten sich besonders in der Tiefe und der Qualität der Ausführungen zur Umsetzung des Angebots, in der Beschreibung der Qualitätsstandards und bei der weiteren Entwicklung und Umsetzung des Gewaltschutzkonzepts“, heißt es in der Beschlussvorlage, über die abgestimmt wurde.

„Schwere Entscheidung“

In der Sitzung betonte die Verwaltung, wie inhaltlich gut auch die Bewerbung des Tagesmütter-Vereins sowie dessen Arbeit bislang war. „Wir haben uns mit der Entscheidung schwergetan, weil wir die sehr gute Arbeit des Trägers erlebt haben“, sagte die zuständige Bürgermeisterin Isabel Fezer (FDP). Sie sei aber überzeugt, dass im Hinblick auf die gesetzlichen Standards „das Thema bei der Caritas in besseren Händen“ sei. Für die Verwaltung sei es zudem einfacher, zukünftig nur noch mit einem Träger zusammenzuarbeiten.

Auch die Rätinnen und Räte betonten, dass sie der Empfehlung der Fachleute zwar folgen, die Entscheidung aber schwerfällt. „Weil wir gerade die kleineren Träger schätzen“, sagte zum Beispiel Vittorio Lazaridis (Grüne). So trieb auch viele Ausschussmitglieder die Frage um, wie es mit dem Verein weitergeht – und wie die Stadt ihn weiter unterstützen kann und will.

Haben kleine Träger überhaupt noch eine Chance?

„Gibt es andere Aufgaben für den Verein?“, fragte Iris Ripsam (CDU). „Wie können wir ihn vonseiten der Stadt weiterhin unterstützen?“, wollte Jasmin Meergans (SPD) wissen. Und Luigi Pantisano (Linksbündnis) betonte, dass vor allem der familiäre Umgang zwischen Verein und Tagesmüttern eine wichtige Stütze in deren Arbeit war, die es nun aufzufangen gelte.

Es sind Themen, die die Verwaltung im Gespräch mit dem Verein klären will. Katrin Schulze, die Abteilungsleiterin Zentrale Dienste für Familien beim Jugendamt, sagte unserer Zeitung: „Für das Jugendamt wäre es denkbar, dass der Verein verstärkt im Bereich Pflegeeltern ehrenamtlich tätig ist.“ Wenn es etwa um die Vernetzung mit dem Landes- und Bundesverband der Pflege- und Adoptivfamilien gehe.

Im Raum stand die Frage, ob kleinere Träger in einer stärker reglementierten Kinder- und Jugendhilfelandschaft eine Chance gegen große Verbände haben. Tatsächlich gefiel dem Jugendamt an der Caritas-Bewerbung auch, dass die Tagesmutterbörse mit anderen Abteilungen des Verbandes vernetzt ist, wenn es etwa um Inklusion oder Digitalisierung geht. Katrin Schulze betont aber, dass alle Bewerbungen unabhängig von der Größe bewertet werden. „Dabei wird das Prinzip der Subsidiarität berücksichtigt.“

Laut Bericht überzeugte die Caritas das Jugendamt auch mit Ideen, wie man Eltern weiterbilden will, wie Tagesmütter mit Kitas kooperieren sollen und wie man jene, die nicht mehr arbeiten, in die Tätigkeit zurückholen könnte. Armin Biermann, die Bereichsleiter Kinder, Jugend, Familie der Caritas, freut sich „dass wir den wichtigen Bereich der Kindertagespflege weiter entwickeln können“. Er betont, dass man mit dem Verein für Tagesmütter und Pflegeeltern schon vor der Entscheidung übereingekommen sei, „in jedem Fall einen guten Übergang gestalten zu wollen“. Das Jugendamt will diesen bis 2024 „respektvoll und konstruktiv“ begleiten. Das ist auch im Sinne von Karin Pfeiffer und Michaela Aisenbrey. „Es geht jetzt vor allem darum, den Übergang für die Tagesmütter und -väter so gut zu gestalten, dass sie dabei bleiben“, sagt Aisenbrey.

„Kein guter Tag für die Kindertagespflege“

Für Dagmar Pohl vom Paritätischen Wohlfahrtsverband, zu dem der Verein gehört, war dennoch klar: „Das ist kein guter Tag. Wir haben einen Träger weniger.“

Kindertagespflege

Was ist das?
Die Kindertagespflege ist eine familiäre und individuelle Betreuung von Kindern in Kleingruppen mit einer festen Bezugsperson. Eine Tagesmutter oder ein Tagesvater betreuen dabei – häufig in der eigenen Wohnung – bis zu fünf Kinder. Der Fokus liegt dabei auf der Betreuung von Kindern zwischen 0 und 3 Jahren, es werden aber auch Kinder bis 14 Jahren betreut. In der Großtagespflege können bis zu 9 Kindern gleichzeitig von mindestens 2 Tagespflegepersonen betreut werden.

Stellung
Die Kindertagespflege Laut Stadt stellt die Betreuung von Kindern durch eine Tagespflegeperson ein gleichrangiges Angebot zur Betreuung von Kindern in einer Kindertageseinrichtung (Kita) dar. Beide Betreuungsformen haben den gesetzlichen Auftrag der Bildung, Erziehung und Betreuung der Kinder. Die Anforderungen an die Tätigkeit sind in den vergangenen Jahren gestiegen, so erhöhte sich die Zahl der notwendigen Unterrichtseinheiten von 160 auf 300.

Stuttgart
In Stuttgart gibt es derzeit rund 200 Tagesmütter und -väter. Sie betreuen gut 700 Kinder. Die Kindertagespflege – auch das wurde in der Sitzung mehrfach betont – ist in Stuttgart eine wichtige Säule im Bereich Kinderbetreuung, die der Kommune dabei hilft, den Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz zu erfüllen.

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