Kinderbetreuung in Stuttgart Schrecken hohe Hürden potenzielle Tageseltern ab?

Tageseltern sind eine wichtige Säule der Kinderbetreuung in Stuttgart. Foto: dpa/Franziska Kraufmann

Viele Eltern suchen händeringend einen Betreuungsplatz für ihr Kind. Mehr Tageseltern könnten ein Lösungsansatz sein. Doch auf dem Weg dorthin gibt es einige Hindernisse.

Familie/Bildung/Soziales: Alexandra Kratz (atz)

Kitaplätze sind in Stuttgart rar. Ein Grund dafür ist der Personalmangel. „Vor diesem Hintergrund müsste alles dafür getan werden, dass Alternativen gefördert werden“, sagt eine Tagesmutter, die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen will. Doch das Gegenteil sei der Fall. Sie spricht von einer „schädlichen Entwicklung der Anforderungen und Auflagen“, welche die Gewinnung von Quereinsteigern für die Kindertagespflege konterkarieren würden.

 

Als sie 2008 Tagesmutter geworden sei, habe sie 70 Qualifikationsstunden absolvieren müssen. Heute seien es 300.„Diese Hürde hätte ich wohl nicht genommen“, sagt sie und ergänzt: „ Man darf die Frage stellen, ob die Kindertagesbetreuung damals im Verhältnis so viel schlechter war.“ Die Tagesmutter hat noch weitere Kritikpunkte. Als sie begonnen habe, sei sie wirklich selbstständig gewesen, auch hinsichtlich des Stundensatzes für die Betreuung, während die Eltern eine fixe Förderung vom Jugendamt bekamen. Seit 2012 gebe das Jugendamt den Stundensatz vor, der einzuhalten sei, wollen die Eltern weiter eine Förderung des Jugendamtes bekommen.

Besonders ärgert sie sich aber über die Liste der Anforderungen an die Betreuungsräume. Sie selbst musste eine Treppe neu absichern, um ihre Betriebserlaubnis verlängert zu bekommen. Im Laufe der Jahre hätten drei verschiedene Vertreter des Jugendamts die alte Absicherung mit einem Netz nicht beanstandet, nun habe es ein speziell angefertigtes Gitter gebraucht. Kostenpunkt: etwa 1000 Euro, die Stadt will die Hälfte übernehmen. Doch auch 500 Euro seien für sie viel Geld, sagt die Tagesmutter. Mittlerweile hat sie sich an den Petitionsausschuss des Landtags gewandt.

Warum mehr Qualifizierung wichtig ist

Auch Anke Anders ist seit vielen Jahren Tagesmutter. 2013 gründete sie die Zwergenfarm, eine Großtagespflege in Stammheim. Auch die gelernte Erzieherin spürt, dass die Anforderungen gestiegen sind – doch sie begrüßt das. „Wir arbeiten mit kleinen Kindern und legen einen Grundstein für deren weitere Entwicklung“, betont sie. Das sieht Margherita Coduti genauso: „Das Wohl des Kindes steht im Mittelpunkt, da darf nicht gespart werden“, sagt die Teamleiterin der Fachberatung Kindertagespflege bei der Caritas. Als freier Träger ist diese in Stuttgart für die Qualifizierung der Tagespflegepersonen zuständig und Ansprechpartner für Betreuende und für Eltern.

Margherita Coduti bestätigt, dass die 300 Unterrichtseinheiten seit 2019 geleistet werden müssen, um sich als Kindertagespflegeperson zu qualifizieren. „Das ist viel. Aber es ist unsere Verantwortung, sicherzustellen, dass sie gut auf ihre Aufgabe vorbereitet sind.“ Auch das regelmäßig zu absolvierende Fortbildungsprogramm wurde ausgeweitet, statt 15 sind es nun 20 Einheiten im Jahr.

Die Frage, ob die Anforderungen an Kindertagespflegepersonen inzwischen zu hoch sind und ob das Interessenten abhält, möchte Margherita Coduti differenziert behandelt wissen. „Jeder Beruf hat eine Entwicklung, so ist das auch in der Kindertagespflege. Vor 2005 hat man Personen lediglich mit ein paar Unterrichtseinheiten geschult. Das wäre jetzt undenkbar und auch nicht mehr zu verantworten, wenn wir von Qualität reden“, sagt sie. Zudem habe es auch viele Verbesserungen für Tagespflegepersonen gegeben. So wurden zum Beispiel bezahlte Krankheitstage für Selbstständige eingeführt. Und Tageseltern bekommen eine Eingewöhnungspauschale für Kinder, die neu in ihrer Einrichtung und darum zunächst nur kurze Zeit da sind. Vorher konnten sie nur die betreuten Stunden abrechnen, was ein finanzieller Verlust war.

Das sind Hürden für potenzielle Tageseltern

Doch auch Margherita Coduti sieht Hürden für Tageseltern und solche, die es werden wollen. Allen voran sei es in Stuttgart schwierig, passende und finanzierbare Räume für eine Kinderbetreuung zu finden. Hinzu kommen – zumindest bei der Gründung einer Großtagespflege – hohe bauliche Anforderungen an diese Räume. Darüber hinaus müssten Tageseltern viel Bürokratie bewältigen. Auch die Gesellschaft könne ein Problem sein. Denn nicht immer seien Kinder im Haus erwünscht. „Wenn der Wille da ist, eine Tagespflege zu eröffnen, aber der Vermieter oder die Hausgemeinschaft sich gestört fühlen, dann ist das schwierig“, bedauert Margherita Coduti.

Neu denken müsse die Konsequenz sein. Wegen des Fachkräftemangels seien viele Kitas nicht voll ausgeschöpft. „Es ist also sinnvoll, dass wir Konzepte überlegen, wie man die bestehenden Räumlichkeiten der Kitas mit der Kindertagespflege verbindet, dann ist die Hürde der Raumsuche geringer“, nennt Margherita Coduti ein Beispiel. Auch in der Ausweitung der betrieblichen Großtagespflege sieht sie einen Lösungsansatz. Und eine bessere Bezahlung wäre natürlich ein zusätzlicher Anreiz, um die Arbeit von Tageseltern attraktiver zu machen.

„Die Kindertagespflege ist mittlerweile ein wichtiges Standbein der Kinderbetreuung und muss als solches auch immer mehr in den Fokus rücken“, sagt Coduti. Derzeit betreuen in Stuttgart um die 265 Tageseltern etwa 840 Mädchen und Jungen. Das bedeutet im Umkehrschluss: „Wenn der Beruf nicht attraktiv gehalten und von der Politik, den Ämtern und der Gesellschaft wertgeschätzt wird, besteht die Gefahr, dass künftig noch mehr Betreuungsplätze in Stuttgart fehlen.“

Vorteile der Kindertagespflege

Tagespflege
Die Kindertagespflege in Deutschland feiert ihr 50-jähriges Bestehen. Sie ist eine Alternative beziehungsweise Ergänzung zur Kita. Als Vorteile werden angesehen, dass die Betreuung familiärer und individueller und der Austausch mit den Eltern enger ist. Qualifizierte Tageseltern können bis zu fünf Kinder aufnehmen. Sie arbeiten selbstständig, die Betreuung findet entweder im eigenen Haushalt oder in extra angemieteten Räumen statt. Bei einer Großtagespflege betreuen zwei Tageseltern bis zu neun Kinder in angemieteten Räumen. Jede Tagespflegeperson muss eine vorgeschriebene Pflegeerlaubnis nach § 43 Sozialgesetzbuch nachweisen und als geeignet eingeschätzt worden sein.

Kontakt
Eltern, die auf der Suche nach einem Betreuungsplatz für ihr Kind sind, können sich an die Tagesmütter-Börse der Caritas, Johannesstraße 33, wenden. Weitere Informationen stehen im Internet unter www.caritas-stuttgart.de.

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