Schuhe im Kühlschrank? Opa Bär und Enkel Benny wundern sich, was Demenz alles möglich macht. Foto: Oetinger Verlag/Hannes Maar
„Opa Bär und die Schuhe im Kühlschrank“, das neue Kinderbuch aus dem Hause Maar, verarbeitet Demenz aus ungewöhnlichen Perspektiven – auch aus einer sehr persönlichen Betroffenheit.
In seiner Autobiografie „Wie alles kam“ blickt der Autor Paul Maar zurück auf die eigene Kindheit und legt viele Fährten zu seinen Büchern wie der „Sams“-Reihe. Den „Roman meiner Kindheit“, wie der Untertitel lautet, ließ Paul Maar mit seiner Schulzeit enden, und schlug mit einem Kunstgriff doch eine Brücke in die Gegenwart des Schreibens. Anrührend erzählte er am Ende in „Wie alles kam“ von der fortschreitenden Demenz seiner Frau Nele, die er bereits als Gymnasiast kennengelernt hatte, und von seinem trickreichen Versuch, sie frühmorgens vom Verlassen des Betts abzubringen. „Es ist absurd“, schrieb Maar 2020. „Sie liegt neben mir, und ich bin sicher, dass sie in die Schule fahren will, um mich, den achtzehnjährigen Mitschüler, dort zu treffen.“
Wie Demenz Menschen trennen kann, obwohl sie dieselbe Gegenwart teilen, davon erzählt Paul Maar auch in seinem neuen Kinderbuch „Opa Bär und die Schuhe im Kühlschrank“. Das Bilderbuch ist nicht nur deshalb ein Familienprojekt, weil Maar die eigene private Situation und seine an Alzheimer erkrankte Frau für dieses Thema sensibilisierte. Geschrieben hat es der berühmte Kinderbuchautor mit seiner Tochter Anne, illustriert hat es sein Enkel Hannes.
Vorlage für die Geschichte für Menschen ab fünf Jahren ist Paul Maars Theaterstück „Opa Bär und die Menz“, das Anne Maar nun zum Kinderbuch wandelte; in beiden garantieren Tierfiguren dem jungen Publikum einen leichten Zugang zu einem schweren Thema. Erzählt wird von Benny, der jeden Mittwoch nach der Schule beim Opa vorbeischaut und beim aktuellen Besuch erstaunliche Entdeckungen macht.
Paul Maar Foto: IMAGO/Future Image
Eisgekühlte Schuhe können praktisch sein
Hannes Maar illustriert diese aus ungewöhnlichen Perspektiven. So ruht der Blick aus dem Inneren eines Kühlschranks über ein Paar Schuhe hinweg auf Benny und seinem Großvater, die erstaunt die neue Lage mustern. „Wenn es draußen heiß ist, dann sind kalte Schuhe sehr praktisch“, findet der Opa eine flotte Erklärung für sein Missgeschick.
Aus der Vogelperspektive öffnet sich der Inhalt von Schubladen, wo sich zwischen dem Besteck auch Stifte und ein Fisch finden. Wie ein Frosch schaut der hungrige Benny sehr weit nach oben auf den Schrank, wo der Opa in zwei Schachteln Honigkuchen vermutet. Dummerweise endet Bennys Klettertour mit einem angeschlagenen Knie – und jedes Gespräch mit seinem Opa in einer Auseinandersetzung.
Demenz, einfach erklärt
Auf dem Boden sitzend gelingt dem Enkel schließlich eine Perspektive, die einfühlsam ist und nicht besserwisserisch. „Du verstehst es doch trotzdem, sonst könntest du mich ja nicht verbessern“, hatte der Opa um Empathie geworben. Auf dieser Basis entspinnt sich ein Dialog über „die Menz“, die junge Menschen mit dem Problem von Alten auf einfache Weise vertraut macht. Das Gehirn schrumpft, das Denken funktioniert nicht mehr richtig, man vergisst alles – „die Menz“ eben.
Das Buch wirbt für Verständnis
Mit lustigen Wortspielen und wimmeligen Bildern gelingt den drei Maars eine schöne Geschichte, die für Verständnis wirbt. Sie zeigt auf, wie wertvoll Geduld und harmonisch miteinander verbrachte Zeit sind, gerade indem sie die hässlichen Seiten dieser Krankheit nicht ausspart. Wütend darf der Opa da einen Stuhl durchs Zimmer kicken und auf die „blöde Menz“ schimpfen. So lädt „Opa Bär und die Schuhe im Kühlschrank“ dazu ein, in Gesprächen alle Facetten von Demenz zu erkunden.